Demonstranten in Algerien | Bildquelle: AP

Proteste in Algerien Übergangsregierung statt Wahlen

Stand: 15.03.2019 17:40 Uhr

Nach der Verschiebung der Wahl auf unbestimmte Zeit bleibt Algeriens Präsident Bouteflika vorerst im Amt. Seit Tagen gibt es Proteste gegen diese Maßnahme - Hunderttausende gehen auf die Straße.

Von Jens Borchers, ARD-Studio Nordwestafrika

Am frühen Nachmittag sind schon Zehntausende Demonstranten in der Innenstadt von Algier versammelt. Mehrere Einsatzwagen der Bereitschaftspolizei rollen langsam auf sie zu. Die Menschen machen bereitwillig Platz und winken. "Armee - Volk, Brüder, Brüder", rufen sie.

Bei allen Demonstrationen bekommen Polizisten und Soldaten immer wieder diesen Slogan zu hören. Die Botschaft ist eindeutig: Ihr müsst auf der Seite des Volkes stehen, ihr gehört zu uns. Die Demonstranten fürchten, dass der kleinste Funke dem Regime als Vorwand dienen könnte, um den Protest mit Gewalt niederzuschlagen. Deshalb vermeiden sie alles, was einen solchen Vorwand liefern könnte.

Seit Wochen forderte die Protestbewegung, dass Präsident Bouteflika nicht zum fünften Mal kandidiert. Seit Montag kennen sie die Antwort, die im Namen Bouteflikas verbreitet wurde: Keine Präsidentschaftswahl im April, der Präsident bleibt auf unbestimmte Zeit im Amt. Eine nationale Versammlung solle Reformen diskutieren. Auf einem Protest-Plakat stand heute: "Wir wollten eine Wahl ohne Bouteflika, jetzt bekommen wir Bouteflika ohne eine Wahl."

Noureddine Bedoui, Ministerpräsident von Algerien, gibt eine Pressekonferenz. | Bildquelle: dpa
galerie

Premierminister Bedoui hat die Bildung einer Expertenregierung angekündigt.

Junge Menschen und Familien beteiligen sich

Auf die Frage, warum sie protestiert, sagt eine Demonstrantin in Algier: "Damit sie alle abhauen - ohne Ausnahme!" Auf die Frage, wer denn dann Algerien führen solle, antwortet sie: "Alle hier. Es gibt genug kluge Leute in der Bewegung."

In der Hafenstadt Oran, so melden es algerische Journalisten, sei die Hauptstraße der Stadt "schwarz von Menschen". Videos in den sozialen Medien sollen zeigen, wie in Oran protestiert wird: "Hau ab, FLN", rufen die Demonstranten in diesem Video. Die FLN ist die Nationale Befreiungsfront, die Partei, die in Algerien seit der Unabhängigkeit von Frankreich die dominierende Rolle spielt - gemeinsam mit dem Militär.

Aus der Stadt Bejaia postet jemand ein Foto von einem Polizisten, der sich den Protesten anschließt und ein Plakat hochhält, in den sozialen Medien. Kurz darauf wird dieses Bild in der Hauptstadt Algier weiter verbreitet und bejubelt. Junge Menschen, eingehüllt in die algerische Flagge, ganze Familien, viele Frauen beteiligen sich an den Demonstrationen. Wenn Algeriens Regierende erwartet hatten, der Protest würde endlich nachlassen, dann wurde diese Erwartung enttäuscht.

Proteste bisher friedlich

Erst am Donnerstag hatte der designierte neue Premierminister Noureddine Bedoui bei einer Pressekonferenz für kommende Woche eine Übergangsregierung angekündigt. Technokraten, Frauen, vor allem aber die Jugend solle darin vertreten sein. Bedoui hatte geworben: "Ist jetzt nicht der Moment, heute, sich als Algerier mit dieser neuen Vision, mit diesen neuen Erwartungen, dem anderen zu öffnen, sich gegenseitig zuzuhören, sich Wahrheiten zu sagen, ehrlich miteinander umzugehen und dann gemeinsam Lösungen zu finden?"

Die erneute Wucht der Demonstrationen spricht eine andere Sprache. Die Protestplakate ebenfalls - darauf waren häufig nur zwei Worte zu lesen: "Haut ab." Die beiden wichtigsten Nachrichten für und über Algerien sind heute: Es gab wieder Massendemonstrationen gegen das Regime. Und: Bisher sind sie vollkommen friedlich verlaufen.

Menschenmasse gegen das Regime – Freitagsdemos in Algerien
Jens Borchers, ARD Rabat
15.03.2019 17:00 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 15. März 2019 um 15:31 Uhr.

Darstellung: