Myanmar: Die Polizei setzt in der Hauptstadt Naipidaw Wasserwerfer gegen die Demonstranten ein | MAUNG LONLAN/EPA-EFE/Shutterstoc

Nach Militärputsch Lage in Myanmar spitzt sich zu

Stand: 09.02.2021 10:28 Uhr

Trotz eines Versammlungsverbots gehen die Massenproteste gegen den Militärputsch in Myanmar weiter. Die Heftigkeit der Proteste überrascht selbst die Militärs. Die sollen nun mit Warnschüssen reagiert haben.

Von Holger Senzel, ARD-Studio Singapur

Das Klappern von Topfdeckeln und Pfannen erfüllte wieder das nächtliche Yangon; lauter und verbissener noch als in den Tagen zuvor. Die Militärregierung hatte das Kriegsrecht über die beiden größten Städte Myanmars - Yangon und Mandalay - verhängt. Seitdem herrscht eine nächtliche Ausgangssperre zwischen 20 Uhr abends und 4 Uhr morgens. Versammlungen von mehr als fünf Menschen sind seit gestern Abend verboten - den wütenden Lärm von Kochgeschirr aber kann die Junta nicht verstummen lassen.

Holger Senzel ARD-Studio Singapur

Erneut setzte die Polizei Wasserwerfer gegen Demonstrantinnen und Demonstranten in der Hauptstadt Naypyidaw ein, mehrere Menschen wurden verletzt. Bis zu 30 Teilnehmerinnen und Teilnehmer wurden festgenommen. Außerdem sollen die Polizisten Warnschüsse in die Luft abgegeben sowie Gummigeschosse und Tränengas eingesetzt haben, um die Demonstranten auseinanderzutreiben, wie Augenzeugen berichten. Dabei soll es auch mehrere Verletzte gegeben haben.

Erstmals seit dem Putsch vor acht Tagen sprach der neue starke Mann Myanmars, General Aung Min Hlaing, zum Volk. Es war zugleich das erste Mal, dass die Massenproteste im staatlichen Fernsehen überhaupt erwähnt wurden. Innerhalb eines Jahres werde es in Myanmar demokratische Wahlen geben, versprach der General und warnte die Demonstranten zugleich. Ohne Disziplin werde die Demokratie zerstört, so Aung Minh Hlaing. Niemand stehe über dem Gesetz.  

Auch Regierungsmitarbeiter demonstrieren

Die Heftigkeit der Proteste dürfte die Militärs überrascht haben. Im ganzen Land gingen Frauen und Männer jeden Alters auf die Straße. Lehrer, Krankenschwestern, Ärzte, Gewerkschafter marschierten mit. Dass auch die Hauptstadt Massenproteste erlebte, ist ungewöhnlich. Naypyidaw ist eine eigens errichtete moderne Planstadt und erst seit 2005 Sitz der myanmarischen Regierung - bewohnt vor allem von Beamten und Regierungsangestellten. Dass sie in so großer Zahl demonstrieren, zeigt das Ausmaß von Wut und Verbitterung über den Putsch.

Erstmals hatten sich auch buddhistische Mönche in großer Zahl den Protesten gegen die Militärjunta angeschlossen. Sie zogen in safrangelben Roben durch die Straßen und riefen "Rettet Myanmar". "Wir wollen als Mönche nicht nur zuschauen, während die Menschen in Not sind", erklärt einer der Mönche, "Das ist jetzt die letzte Chance, gegen die Militärdiktatur in Myanmar zu kämpfen. Wenn wir diesmal gewinnen, wir, alle Bürger, finden wir den Weg zum Glück und das Land wird sich weiterentwickeln."

Mönche protestierten schon 2007

Mönche genießen hohes Ansehen im überwiegend buddhistischen Myanmar. Sie spielten auch eine wichtige Rolle bei den Protesten gegen die Militärdiktatur im Jahr 2007. Bei der gewaltsamen Niederschlagung durch die Armee wurden damals auch zahlreiche Mönche getötet - doch am Ende stand der Übergang in eine zerbrechliche Demokratie. Viele Mönche fühlen sich daher jetzt an finstere Zeiten von Diktatur und Gewalt erinnert.

"Die Militärs missbrauchen ihre Macht, und sie benutzen die Bodenschätze des Landes, um ihre Familien und sich selbst zu bereichern. Sie tragen nichts bei zur Zufriedenheit der Bürger und der Entwicklung des Landes", so der Mönch. Das sei vor beinah 60 Jahren schon so gewesen, und das sei jetzt wieder so mit General Aung Minh Hlaing. "Sie sagen, es gab Wahlbetrug, aber die Wahlen haben nichts zu tun mit dem Militär."

Ob Ausgangssperren und Versammlungsverbote die Menschen von den Straßen fernhalten können, ist fraglich. Zugleich ist die Angst groß, die Armee könne das Kriegsrecht gewaltsam durchsetzen und die Proteste auflösen. Die kommenden Tage werden zeigen, was von den Versprechen des Generals zu halten ist.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 09. Februar 2021 um 11:00 Uhr in den Nachrichten.