Joe Biden und Kamala Harris bei ihrem ersten gemeinsamen Auftritt auf Kandidaten fie die Präsidentschaft bzw. Vize-Präsidentschaft | Bildquelle: AP

US-Demokraten Ein Hauch Obama

Stand: 17.08.2020 14:47 Uhr

Die US-Demokraten können mit dem Duo Biden-Harris an die Aufbruchsstimmung vergangener Wahlen anknüpfen. Beide ergänzen sich ideal - doch das wird nicht reichen.

Eine Analyse von Klaus Scherer, NDR

Es war ein Februartag in Chicago im Jahr 2008, so kalt, als ginge die Welt unter. In einem Hotelsaal drängten sich die verzagten Anhänger des Newcomers Barack Obama, die nicht so recht wussten, ob er diesen "Super Tuesday" denn tatsächlich überlebt hatte oder ob ihre Welt nun ebenfalls unterging. Noch waren es parteiinterne Vorwahlen, es ging gegen Hillary Clinton. Die wahren Lagerkämpfe führte er später gegen die republikanischen Präsidentschaftskandidaten John McCain und Mitt Romney. Alle sollte er gewinnen.

Doch die Angstschübe seiner Wählerschaft begleiteten ihn immer. Stets musste er sie dann aus ihrem Phlegma reden und ihnen versichern, dass Amerika reif für etwas Neues sei: "Our time of change has come!" Das war es, was Obama auszeichnete. Er konnte mitreißen. "Diktatoren mögen Wahlsiege erzwingen oder sich kaufen, in der Demokratie bleibt nur, zu überzeugen", beschrieb es damals Politik-Veteran Zbigniew Brzezinski und lobte Obamas Gespür für den historischen Moment. Oder kürzer, "for the power of now".

Die Zuversicht ist wieder da

Seit sich Joe Biden Kamala Harris als mögliche Vizepräsidentin und designierte Nachfolgerin an seine Seite holte, scheint dieses Gefühl des Aufbruchs ins Demokraten-Team zurückgekehrt zu sein. Nicht mehr nur ergraute Vergangenheit, nicht nur der gebotene Gegenwarts-Kompromiss. Plötzlich blickt da auch Zukunft von der Bühne. Die nächste Generation. Das erneut historische Versprechen, nach dem ersten schwarzen Präsidenten bald auch die erste nichtweiße Frau in höchste Ämter zu schicken. Ähnlich selbstbewusst, ähnlich scharfzüngig und mit dem gleichen lockeren Lachen wie der Mann in Chicago.  

Natürlich kann es auch anders kommen. Das Trauma der Demokraten, am Ende trotz allem zu verlieren, hat ja nicht erst Donald Trump verursacht. Auch die Last-Minute-Niederlagen John Kerrys und Al Gores, wenngleich Jahrzehnte her, wirken bis heute nach. Und der Nahkampf vor der Novemberwahl beginnt ja erst. Dennoch könnte die Zeit heute auch reif sein für das Duo Biden-Harris. Für den neuen Blick nach vorn. Und für die Abkehr von Trump.   

Vertrauen und Stärke

Zuallererst muss es dafür harmonieren. Der Gegenentwurf zu Trump bleibt Biden. Dort der selbstsüchtige Egozentriker Trump, der das Land auseinandergetrieben hat. Hier die Integrationsfigur Biden, "the most American Joe", wie eine Zeitung schrieb. Harris kann dies durch ihre Stärken ergänzen, ohne zu konkurrieren. Im ersten Auftritt glückte das. Und es ist sicher kein Zufall, dass sie seither das Duo "Trump-Pence" als Gegner nennen, dem dieses Aufbruchhafte vergleichsweise abgeht.

alt Klaus Scherer

Zur Person

Klaus Scherer war von 2007 bis 2012 ARD-Korrespondent in Washington. Er begleitete den späteren Präsidenten Barack Obama in dessen erstem Wahlkampf und und den republikanischen Präsidentschaftskandidaten Romney während der Vorwahlen.

Dennoch dürfte es nicht reichen, nur Fehler zu vermeiden. Zwar gilt Harris vielen als Idealbesetzung, weil auch sie den Trump-Strategen wenig Angriffsfläche bietet. Zudem dürfte sich auch die Parteilinke hinter sie stellen, im Schattenkabinett sind ja noch Plätze frei. Die notorische Sorge, zu verlieren, kann aber auch lähmen. Sowohl Biden als auch Harris werden noch Fehler machen. Entscheidender ist, wie sie damit umgehen. Die Vorlage lieferte die demokratische Parteigrande Nancy Pelosi, nachdem sie im Kongress Trumps State-of-the-Union-Redetext zerrissen hatte. Kritik daran konterte sie kühl, ein Donald Trump sei der Letzte, der ihr Anstandsregeln beibringen müsse. Tatsächlich dürfte im Lande unstrittig sein, dass dem Amtsinhaber die moralische Flughöhe fehlt, um Kamala Harris vorzuwerfen, sie sei "fies" zu Biden gewesen. Ebenso gut könnte Graf Dracula die Blutbank bewachen.  

Das Duo Biden-Harris muss aber auch liefern. Auf die Krise eigene Antworten geben. Nach Obamas Wahlsieg gaben sich die Republikaner seinerzeit intern die Strategie, "Angst zu schüren" und brüsteten sich bald damit, um ihn zu schlagen, bräuchten sie nicht einmal ein eigenes Programm. Die Demokraten sollten heute nicht den gleichen Fehler machen. Vor allem der gebeutelten Wirtschaft müssen sie Konzepte bieten. Nicht nur, weil sie nach einem Wahlsieg ohnehin Antworten geben müssen. Auch weil es weiterhin Wähler in der Mitte gibt, die zwar Trump selbstredend nicht mögen, aber eher ihm zutrauen, sie wieder in Lohn und Brot zu bringen.    

Antworten auf schmutzigen Wahlkampf

Doch wieviel Aufbruch verkörpert ein US-Parteitag ohne Jubelbad und Luftballons? Überzeugende Reden lassen sich auch virtuell halten, würde Brzezinski sagen. Vermutlich würde er aber auch um Luft ringen angesichts der Tricks, die sich Tabubrecher Trump offenbar tatsächlich von Machthabern in Schurkenstaaten abschaut. Vom durchsichtigen Versuch, die Wahl zu verschieben, bis zur offenen Sabotage der nationalen Post, weil Briefwahlen angeblich den Demokraten und Betrügern nützten. Beides lässt ahnen, welche Register er noch ziehen wird, um schon mal Zweifel an jedem Wahlergebnis zu schüren, das ihn nicht als Sieger sieht.

Doch auch im Trump-Lager sollten Alarmglocken läuten. Wer gegen Harris wie schon gegen Obama die alte Verschwörungsschnurre hervorholen muss, sie trete wegen mutmaßlich ungeklärter Abstammung illegal an, beweist damit vielen, wie wenig ihm einfällt. Und wenn selbst Sarah Palin, die einstige Tea-Party-Ikone und damit Wegbereiterin des Populisten Trump, Glückwünsche an Harris schickt, sollten die Parteioberen nervös werden. Palin, die 2008 als Vize-Kandidatin John McCains antrat, bot Harris, unter Frauen, ihre Unterstützung in historischer Mission an. Gut möglich also, dass auch unter Konservativen die Zahl derer steigt, die "the power of now" eher bei den Demokraten verorten.  

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 17. August 2020 um 06:00 Uhr.

Korrespondent

Klaus Scherer | Bildquelle: NDR/Hendrik Lüders Logo NDR

Klaus Scherer, NDR

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