Ein Schild mit der Aufschrift ''Anlage aufgrund Corona-Pandemie gesperrt'' ist an einem Steg am Chiemsee zu sehen.  | dpa

Virus-Variante Delta "Wir müssen das wirklich ernst nehmen"

Stand: 19.06.2021 09:57 Uhr

Die Corona-Lage in Deutschland ist entspannt. Doch der Anteil der aggressiven Delta-Variante an den Neuinfektionen steigt. Politiker und Wissenschaftler sind zunehmend besorgt - auch wegen der anstehenden Reisewelle.

Angesichts der zunehmenden Ausbreitung der Delta-Variante des Coronavirus hat der Virologe Christian Drosten gemahnt, die Mutante auch in Deutschland ab sofort ernst zu nehmen. "Ich bin mittlerweile so weit, dass ich sage, wir sind hier jetzt im Rennen in Deutschland mit der Delta-Variante", sagte Drosten auf dem Online-Kongress für Infektionskrankheiten und Tropenmedizin. "Wir müssen das ab jetzt wirklich ernst nehmen."

Nach einer Analyse des Robert Koch-Instituts für die erste Juniwoche hatte sich der Anteil der Delta-Variante in Deutschland innerhalb von nur einer Woche auf sechs Prozent fast verdoppelt. "Vom Gefühl her kann ich sagen, uns rufen immer mehr Leute an, die Ausbrüche beschreiben, immer mehr Labore", sagte Drosten. Vor allem in Süd-Dänemark und Schleswig-Holstein gebe es gerade ein Ausbruchsgeschehen. Die Situation jetzt in Deutschland sei mit der in England im Mai durchaus ein wenig vergleichbar, analysierte Drosten.

In Großbritannien hatte die ansteckende Delta-Variante innerhalb weniger Wochen trotz fortgeschrittener Impfquoten die Vorherrschaft übernommen. Die Inzidenzen stiegen wieder von 20 auf 70. Lockerungen wurden deshalb gestoppt. Angesteckt hätten sich dabei vor allem junge Erwachsene - zum Beispiel beim Feiern oder auch in der Gastronomie, sagte Drosten.

Wieler: Im Herbst gewinnt Delta Überhand

Auch der Chef des Robert Koch-Instituts, Lothar Wieler, sagte, noch kursiere die Delta-Variante in Deutschland auf niedrigem Niveau von rund sechs Prozent. Es sei aber nicht die Frage, ob sie das Infektionsgeschehen in Deutschland dominiere, sondern wann. Spätestens im Herbst werde sie wohl die Überhand gewinnen.

Laut Gesundheitsminister Jens Spahn sollen alle positiven PCR-Tests wieder genauer auf eine mögliche Delta-Virusform untersucht werden, nicht nur Stichproben. Großbritannien zeige, wie fragil Erfolge in der Pandemiebekämpfung sein könnten, mahnten Wieler und Spahn. Auch bei niedrigen Inzidenzen sei ein behutsames Öffnen in kleinen Schritten nötig, sagte Wieler.

Appell von Merkel und Macron

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron warnten davor, dass die Fortschritte der Pandemiebekämpfung durch zu schnelle Lockerungen wieder zunichte gemacht werden könnten.

"Deutschland und Frankreich haben relativ strenge Regeln wegen der Delta-Ausbreitung in Großbritannien erlassen," sagte Macron bei einem Besuch in Berlin. "Es gibt aber einige Länder, die wegen ihrer Tourismusindustrie schnellere Öffnungen beschlossen hatten." Deshalb müsse man wachsam sein. Man werde das Thema auf dem EU-Gipfel kommenden Donnerstag und Freitag ansprechen.

Merkel warnte vor zu großer Sorglosigkeit in der EU. "Wir können nicht so tun, als wäre Corona vorbei", sagte sie. Es gebe zwar auf europäischer Ebene heute schon mehr Koordinierung als 2020, aber sie reiche noch nicht aus.

Hintergrund ist, dass vor allem Tourismus-Länder in Südeuropa sich wieder für britische Urlauber öffnen, obwohl sich im Königreich die Delta-Variante massiv ausbreitet. Inzwischen ist die Mutante für 96 Prozent aller Neuinfektionen in Großbritannien verantwortlich. 

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 18. Juni 2021 um 21:43 Uhr.