Der Sarg des verstorbenen Danziger Bürgermeisters Adamowicz steht in der Marienkirche. | Bildquelle: dpa

Danziger Bürgermeister "Sein Tod wird nicht umsonst sein"

Stand: 19.01.2019 14:23 Uhr

Der ermordete Danziger Bürgermeister Adamowicz ist beigesetzt worden. Sein Tod hat Polen erschüttert - doch ob sich die hasserfüllte Atmosphäre der Debatten im Land nun ändert, ist zweifelhaft.

Von Jan Pallokat, ARD-Studio Warschau

Lange Schlangen sogar spät abends vor dem Europäischen Zentrum der Solidarität auf dem berühmten Danziger Werftgelände: Tausende nahmen hier bereits Abschied am Sarg des langjährigen Danziger Bürgermeisters Pawel Adamowicz. Seine Asche ist heute in der Danziger Marienkirche beigesetzt worden, in der auch andere Bürgermeister der Stadt ihre letzte Ruhe gefunden haben.

In den dieser Tage zahlreichen Fernsehberichten aus der Ostseestadt sah man sehr oft verweinte Gesichter. Nicht alle Trauernden kannten Pawel Admowicz persönlich, "aber jetzt fühlt es sich doch so an", wie einer von ihnen sagte.

Auf einer abendlichen Trauerkundgebung hatte die Witwe des Verstorbenen, Magdalena Adamowicz, auch daran erinnert, dass er nicht nur ein umtriebiger und leidenschaftlicher Bürgermeister, sondern auch ein zutiefst liberaler Mensch war.

"Er wollte, dass diese Stadt offen für alle wird. Es war nicht wichtig, welche Sprache ein Mensch spricht, in welchem Haus er wohnt, welche Hautfarbe er hat. Und auch wen er liebt. Er wollte, dass sich in Danzig jeder wohlfühlt, wie zu Hause."

Sie rief die Menschen auf, gut zueinander zu sein und einander zu lieben. "Pawel wird weiter mit uns sein, ein guter Betreuer dieser Stadt bleiben. Sein Tod wird nicht umsonst sein", sagte Adamowicz.

Staatsfernsehen schiebt Opposition die Schuld zu

Doch gibt es Zweifel, ob die zuletzt oft hasserfüllte Atmosphäre in der öffentlichen Debatte in Polen nun freundlicher wird. So fiel auf, dass PiS-Parteichef Jaroslaw Kaczynski und weitere führende Politiker der Schweigeminute im Parlament fernblieben, aber kurz darauf im Plenarsaal Platz nahmen.

Die Berichterstattung im staatlichen Fernsehen, in der der Opposition die Alleinverantwortung für die Verrohung im Land zugeschoben wurde, führte zu abendlichen Protesten vor einer Warschauer Sendezentrale.

Derweil verwahrt sich die politische Rechte im Lande dagegen, in Mithaftung genommen zu werden. Sie verweist darauf, dass auch die andere Seite polemisiere, und erklärt es für pietätlos, den Tod des Bürgermeisters noch vor dessen Beerdigung in einen solchen Zusammenhang zu stellen.

Pawl Adamowicz | Bildquelle: Adam Warzawa/EPA-EFE/REX
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Pawel Adamowicz war bei einer Wohltätigkeitsveranstaltung auf offener Bühne niedergestochen worden. Er erlag seinen Verletzungen.

Mutter des Messerstechers warnte vor ihm

Nach wie vor ist der genaue Hintergrund des Verbrechens unklar. Die Mutter des Messerstechers Stefan W. hatte sich vor der Haftentlassung an die Polizei gewandt und vor ihrem eigenen Sohn gewarnt - Warnungen, die offenbar nicht ernst genommen oder nicht entsprechend weitergeleitet wurden. Hier wären das Innen- oder das Justizministerium betroffen.

Justizminister Zbigniew Ziobro hingegen, federführend bei der sogenannten Justizreform, gab indirekt einmal mehr den Richtern eine Mitschuld und beklagte im polnischen Radio, dass der Verdächtige wegen Bankraubs nur zu fünfeinhalb Jahren Haft verurteilt worden war.

"Die Höhe der Strafe ist entschieden zu niedrig", sagte er. "Ich finde, schwere Verbrechen, ein Überfall mit der Waffe in der Hand, sollten viel strenger geahndet werden. Deswegen haben wir auch eine Reform des Strafgesetzbuches vorbereitet."

Medien spekulieren über Verhör des Beschuldigten

Diverse Medien wollten derweil Verhörinhalte in Erfahrung gebracht haben. Laut der Oppositionszeitung "Gazeta Wyborcza" soll der Verdächtige darin erneut die Opposition angegriffen haben. Weil die Stadt in ihrer Hand sei, wolle er nicht in Danzig vor Gericht kommen, soll er weiter gesagt haben; nur Justizminister Ziobro könne ihn retten.

Die staatliche Nachrichtenagentur PAP meldete dagegen unter Berufung auf Ermittlerkreise, Stefan W. habe auch versucht, in den Präsidentenpalast einzudringen - der staatliche Personenschutz hat das inzwischen dementiert. Aktenkundig ist eine psychische Vorerkrankung des Mannes, der auf Adamowicz mehrfach eingestochen hatte.

Beisetzung Pawel Adamowiczs in Danzig
Jan Pallokat, ARD Warschau
18.01.2019 23:59 Uhr

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Über dieses Thema berichtete am 19. Januar 2019 B5 aktuell um 09:07 Uhr und tagesschau24 um 13:00 Uhr.

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