Ein Mann hält eine Ausgabe der "Cumhuriyet" in der Hand | Bildquelle: AFP

Umbau der "Cumhuriyet" Das Blatt wird gewendet

Stand: 10.09.2018 16:16 Uhr

Die regierungskritische türkische Zeitung "Cumhuriyet" wird auf AKP-Linie gebracht. Nach einem Führungswechsel müssen namhafte Journalisten gehen oder kündigten von sich aus.

Von Christian Buttkereit, ARD-Studio Istanbul

Atatürk hatte sie 1924 gegründet und seitdem vertrat die Tageszeitung "Cumhuriyet" eine säkulare und pro-westliche Linie. Seit Antritt der islamisch-konservativen AKP-Regierung führte das immer häufiger zu Konflikten. Anders als andere Zeitungen ließ sich die "Cumhuriyet" aber nicht auf Linie bringen. Das hatte mit ihren couragierten Journalisten zu tun und damit, dass sie als Stiftung organisiert ist. Am vergangenen Freitag jedoch wurde ein neuer Stiftungsrat gewählt, der als regierungsnah gilt. Prompt wurden die meisten namhaften Journalisten entlassen oder verließen das Blatt von sich aus. Manche sprechen von einem Putsch, hinter dem die Regierung steckt.

Aydin Engin ist seit 47 Jahren Journalist. Wenn er nicht gerade in Frankfurt am Main im Exil lebte oder im Gefängnis saß, schrieb er für liberale türkische Tageszeitungen. Allein 14 Jahre für die "Cumhuriyet", zeitweise war er auch deren Chefredakteur. Vergangene Woche veröffentliche Engin seine letzte Kolumne in der ältesten Zeitung der Türkei. Was dort am Freitag geschah, könne man durchaus als Putsch bezeichnen, meint der 77-Jährige.

"Cumhuriyet"-Journalist Aydin Engin | Bildquelle: REUTERS
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"Cumhuriyet"-Journalist Aydin Engin.

Nationalistisch und Erdogan-treu

Die Stiftungsstruktur hat die "Cumhuriyet" lange vor politischem Einfluss bewahrt. Vor vier Jahren wurde ein neuer Stiftungsvorstand gewählt. Ein unterlegener Kandidat zog gegen das Wahlergebnis vor Gericht und bekam Recht. Bei der Neuwahl am Freitag gewann ein Lager, das Engin als nationalistisch und eher Erdogan-treu bezeichnet.

Engins Kollegin, Berivan Aydin, gehört mit 29 Jahren zur jüngeren Generation der "Cumhuriyet"-Journalisten. Sie ist sicher, dass die Regierung ihre Finger im Spiel hatte: "Die Regierung hat Einfluss genommen. Sie haben dafür gesorgt, dass es auch Stimmen für den gegenwärtigen Vorstand gab - aber eben nicht genug. Diese Leute sind dann alle zurückgetreten."

Elf Journalisten vor Gericht

18 Journalisten wurden entlassen oder kündigten von sich aus. Auch Aydin Engin. Er erinnert an eine der letzten großen Enthüllungsgeschichten der "Cumhuriyet". 2015 veröffentlichte die Zeitung Dokumente, die beweisen sollten, dass der türkische Geheimdienst Waffen an islamistische Milizen in Syrien liefert. Erdogan sei damals sehr verärgert gewesen.

In den folgenden Jahren wurde elf Journalisten der Prozess gemacht. Engin wurde zu einer Haftstrafe von sieben Jahren und sechs Monaten verurteilt. Bis zum Berufungsverfahren sind die Journalisten frei. Nicht auszuschließen, dass sie ins Gefängnis müssen, für eine Zeitung, die einmal regierungskritisch war.

Schriftzug ''Cumhuriyet'' | Bildquelle: AFP
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Soldaten vor dem Verlagshaus der "Cumhuriyet".

Ein Verlust für die Türkei

Was der Umbruch bei der "Cumhuriyet" bedeutet, beschreibt Berivan Aydin nicht als das Ende der Pressefreiheit, aber als Verlust für die gesamte Türkei: "Es gibt kleine Zeitungen wie 'Evrensel' und 'Birgün', die einen guten Job machen. Aber 'Cumhuriyet' war bisher am weitesten verbreitet, mit einer Auflage von etwa 40.000. Die "Cumhuriyet" sei auch stets eine gute Schule für junge Journalisten gewesen, sagt die 29-Jährige.

92 Prozent der türkischen Printmedien gelten als regierungsnah, hatte der türkische Journalistenverband herausgefunden. Nun müssten die Exilmedien gestärkt werden, meint Christian Mihr von Reporter ohne Grenzen:

An Druck auf Ankara von Seiten der deutschen Regierung glaubt Berivan Aydin jedenfalls nicht. Nein, Deutschland und die Türkei haben sehr gute Handelsbeziehungen, auch im Rüstungsbereich. Ich denke, das bestimmt die Diplomatie, nicht die Menschenrechte. Demokratie geht von den Menschen aus, nicht von fremden Regierungen."

Gerade junge kritische Journalisten haben Grund zum Schwarzsehen meint der 77-jährige Aydin Engin.

Umbau der Cumhuriyet - Putsch gegen die Pressefreiheit?
Christian Buttkereit, ARD Istanbul
10.09.2018 17:03 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 10. September 2018 um 15:43 Uhr.

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