Impfdosis der Hersteller Pfizer und Biontech | dpa

Corona-Impfstoff Biontech erwartet Wirksamkeit bei Mutation

Stand: 22.12.2020 09:29 Uhr

Biontech-Gründer Sahin will angesichts der neuen Corona-Variante weitere experimentelle Tests durchführen, geht aber davon aus, dass sein Impfstoff wirkt. Die WHO ist wegen der Mutation weniger alarmiert als die britische Regierung.

Die Mainzer Firma Biontech geht nach eigenen Angaben davon aus, dass ihr am Montag in der EU zugelassener Impfstoff auch gegen die mutierte Variante des Coronavirus wirksam ist.

"Wir wissen, dass unser Impfstoff das Virus an vielen verschiedenen Stellen attackiert - dementsprechend sind wir zunächst einmal zuversichtlich, dass Immunantworten, die durch unseren Impfstoff bedingt werden, in der Lage sein könnten, auch dieses Virus zu neutralisieren", sagte Biontech-Chef Ugur Sahin im ARD extra.

Das Virus sei jetzt etwas stärker mutiert, sagte Sahin der Deutschen Presse-Agentur. "Wir müssen das jetzt experimentell testen. Das wird etwa zwei Wochen in Anspruch nehmen. Wir sind aber zuversichtlich, dass der Wirkungsmechanismus dadurch nicht signifikant beeinträchtigt wird."

Das Antigen, das das Mainzer Unternehmen und sein US-Partner Pfizer für den Impfstoff nutzen, besteht laut Sahin aus über 1270 Aminosäuren. Davon seien jetzt neun mutiert, also noch nicht einmal ein Prozent. "Unser Impfstoff sieht das ganze Protein und bewirkt multiple Immunantworten. Dadurch haben wir so viele Andockstellen, dass das Virus schwer entkommen kann. Das bedeutet aber nicht, dass die neue Variante harmlos ist." Der Biontech-Impfstoff auf Basis des Botenmoleküls mRNA könne prinzipiell schnell an neue Varianten angepasst werden.

"Grund zum Optimismus"

Auch der Vorsitzende des Weltärztebundes, Frank Ulrich Montgomery, rechnet damit, dass die bisherigen Corona-Impfstoffe auch gegen die neue Variante des Virus wirken. Montgomery sagte NDR Info, es handele sich um eine Mutation an den äußeren Eiweiß-Anteilen des Virus. "Es müssten noch viel mehr Angriffspunkte für die Impfung und die Antikörper, die dann gebildet werden, da sein. Deshalb glaube ich, dass wir Grund zum Optimismus haben", erläuterte der Mediziner.

WHO: Lage "nicht außer Kontrolle"

Die Ausbreitung der in Großbritannien entdeckten neuen Coronavirus-Variante ist nach Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zurzeit nicht außer Kontrolle. "Selbst wenn das Virus sich nun ein kleines bisschen effizienter ausbreitet, kann das Virus gestoppt werden", sagte der WHO-Direktor für medizinische Notfälle, Michael Ryan, bei einer Pressekonferenz. Die Lage sei also "nicht außer Kontrolle".

Ryan rief aber dazu auf, die Maßnahmen zur Eindämmung der neuen Mutation zu verstärken. Großbritanniens Premierminister Boris Johnson hatte am Wochenende erklärt, die in Südostengland aufgetretene Mutation sei "bis zu 70 Prozent ansteckender" als die Ursprungsvariante des Coronavirus. Der britische Gesundheitsminister Matt Hancock sagte, die neue Virus-Variante sei "außer Kontrolle".

Erste Lieferung am Samstag

Deutschland soll am Samstag die erste Lieferung bekommen. Erwartet würden 151.125 Impfdosen, teilte die Berliner Senatsverwaltung mit, die zurzeit den Vorsitz der Länder-Gesundheitsministerkonferenz innehat. Gesundheitsminister Jens Spahn erklärte auf Twitter, bis Ende dieses Jahres sollten insgesamt mehr als 1,3 Millionen Impfdosen an die Bundesländer ausgeliefert werden. Im Januar würden dann jede Woche mindestens weitere 670.000 Dosen hinzukommen.

Pro Person sind zwei Impfungen vorgesehen. Als erstes sollen die über 80-Jährigen, Personal und Bewohnerinnen und Bewohner von Pflegeheimen sowie Gesundheitspersonal mit sehr hohem Infektionsrisiko geimpft werden. Nach den klinischen Studien gibt Biontech die Wirksamkeit des Impfstoffs mit 95 Prozent an.

Reiseverkehr nach Großbritannien weiter eingeschränkt

Unterdessen schränkt die Bundesregierung den Reiseverkehr aus Großbritannien und Südafrika nach Deutschland weiter ein. Verkehrsunternehmen ist eine Personenbeförderung von dort mit Flugzeug, Bahn, Bus und Schiff von heute an weitgehend verboten, wie aus einer im Bundesanzeiger veröffentlichten Verordnung des Gesundheitsministeriums hervorgeht.

Die BBC meldet unter Berufung auf den französischen Europaminister Clément Beaune, dass Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und der britische Premierminister Johnson sich auf Maßnahmen geeinigt hätten, um die Grenze für den Frachtverkehr ab Mittwoch wieder zu öffnen. Details sollen demnach im Laufe des Tages bekannt gegeben werden.

"Wir reden über Salat, Gemüse, frisches Obst"

Der britische Einzelhandelsverband BRC (British Retail Consortium) warnte vor Folgen für Verbraucher, sollte der Warenverkehr am Ärmelkanal nicht innerhalb eines Tages wieder aufgenommen werden. "Es gibt ein potenzielles Problem direkt nach Weihnachten und da geht es um frische Produkte. Wir reden hier über Dinge wie Salat, Gemüse, frisches Obst, die hauptsächlich aus Europa kommen in dieser Jahreszeit", sagte Andrew Opie, der beim BRC für Lebensmittel zuständig ist, der BBC.

Das Problem seien leere Lastwagen, die auf der englischen Seite des Kanals steckenbleiben. Sollten sie sich nicht noch am Dienstag wieder in Bewegung setzen, kämen Früchte wie Himbeeren oder Erdbeeren nicht mehr rechtzeitig an. "Solange es heute noch geklärt werden kann, wird es nur minimalen Einfluss auf Verbraucher haben", sagte Opie.

Über dieses Thema berichtete die ARD-extra am 21. Dezember 2020 um 20.15 Uhr.