Ein wolkenverhangener Himmel über dem Weißen Haus | Bildquelle: REUTERS

Trumps Infektion und der Wahlkampf "Es kommt auf die Schwere des Verlaufs an"

Stand: 02.10.2020 13:07 Uhr

Schadet oder nutzt Trumps Corona-Infektion dem US-Präsidenten im Wahlkampf? Ausgang offen, sagt der Politologe Lohmann im Gespräch mit tagesschau.de. Der Einfluss sei in jedem Fall nicht zu unterschätzen.

tagesschau.de: Die Nachricht einer Corona-Infektion des US-Präsidenten erreicht uns kurz nach dem großen ersten Fernsehduell im US-Wahlkampf und löst Spekulationen aus - halten Sie die Information für glaubwürdig oder den Zeitpunkt für taktisch motiviert?

Sascha Lohmann: Zunächst würde ich sagen, dass die Nachricht zu diesem Zeitpunkt zwar überraschend, aber nicht unvorhergesehen kommt. Denn im engsten Umfeld des Präsidenten, im Umkreis seiner Kinder und engsten Berater gab es bisher schon Fälle. Von daher war es schon die Frage, ob es überhaupt möglich ist, den engsten Kreis um Trump zu schützen.

alt Dr. Sascha Lohmann

Zur Person

Sascha Lohmann forscht als Politologe zu den USA und transatlantischen Beziehungen bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin.

tagesschau.de: Was spricht für die Glaubwürdigkeit?

Lohmann: Weil es nicht unwahrscheinlich war, dass er sich infiziert, würde ich von dem Fakt ausgehen, dass der Präsident positiv getestet wurde. Wir wissen aber darüber hinaus nicht, welche Symptome er hat oder ob er asymptomatisch ist.

Was wird aus seiner Kritik an "übertriebenen" Corona-Maßnahmen?

tagesschau.de: Könnte die Infektion Trump strategisch für seinen weiteren Wahlkampf nutzen, der gerade tobt?

Lohmann: Es kommt sicherlich auf die Schwere des Verlaufs seiner Corona-Erkrankung an. Wenn sie einen leichten Verlauf hätte, wird er es sicher politisch instrumentalisieren: Er wird dann auf seine vorherigen Aussagen verweisen und behaupten, dass er Recht behalten hat.

Etwa, dass das Virus nicht wesentlich schwerer wiegt als eine Grippe. Er würde Maßnahmen wie Lockdowns und Maske tragen weiter als übertrieben kritisieren und mit seinem eigenen Krankheitsverlauf begründen.

tagesschau.de: Was wäre bei dem Szenario eines schweren oder mittelschweren Verlaufs?

Lohmann: Dann müsste er womöglich sogar seinen Wahlkampf für längere Zeit unterbrechen. Das könnte so weit gehen, dass er seine Amtsgeschäfte an den Vize-Präsidenten übertragen muss. Dann würde ihm sicher seine bisherige Verharmlosung des Virus politisch stark im weiteren Verlauf des Wahlkampfes schaden - wenn er dann überhaupt noch antreten könnte.

tagesschau.de: Mehr schaden als die ohnehin in den USA öffentlichen Fakten der hohen Infektionsraten und Totenstatistik durch Corona?

Gäste beim Parteitag von Donald Trump. | Bildquelle: AFP
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Trumps Unterstützer, hier auf dem Parteitag der Republikaner, teilen weiterhin seine Skepsis gegenüber Corona-Vorsichtsmaßnahmen, sagt Politologe Lohmann.

Lohmann: Sicherlich sind die USA in den Statistiken weit vorne, aber dennoch teilen die Unterstützer des Präsidenten trotzdem seine Meinung, dass das Virus nicht die Maßnahmen rechtfertigt und dass man sich nicht in persönlichen Freiheiten einschränkt. Bei denen ist er immer noch wohl gelitten. Da würde wenig passieren, um diese Einstellung zu verändern.

"Im eigenen Lager wird er nicht viele Unterstützer verlieren"

tagesschau.de: Könnte dieser Verlauf im Lager des Gegenkandidaten dennoch Wählerstimmen mobilisieren?

Lohmann: Das ist die entscheidende Frage: Inwiefern mobilisiert diese Corona-Thematik jetzt zusätzliche Unterstützer für Joe Biden? Denn das Lager des Präsidenten ist einigermaßen klar umrissen. Hier wird er nicht viele verlieren, aber auch nicht viele gewinnen. Die halten fest zu dem Präsidenten, trotz aller dramatischen Fakten, die das Virusgeschehen in den USA liefert.

tagesschau.de: In US-Wahlbörsen wurde Trump direkt nach der Corona-Nachricht weiter heruntergestuft, nachdem ihm das Rededuell bereits geschadet hatte. Kann die Corona-Pandemie zu Trumps entscheidendem Stolperstein in diesem Wahlhalbjahr werden?

Lohmann: Diese Werte muss man mit Vorsicht genießen, das haben wir 2016 gesehen. Es kommt darauf an, wer am Ende wirklich zur Wahl geht, welches Lager besser mobilisiert wird. Es erzeugt zum jetzigen Zeitpunkt jedenfalls eine sehr große Ungewissheit. Vor dem Hintergrund seines bisherigen Umgangs mit der Pandemie und den daraus resultierenden Wirtschaftsproblemen sind seine Wahlchancen kontinuierlich gesunken. Seine persönliche Erkrankung wird sicherlich nochmals eine zusätzliche Erschwerung seiner Wiederwahlchancen bringen - aber gänzlich ausgeschlossen ist sein Wahlerfolg trotzdem nicht.

tagesschau.de: Stand heute: Wie groß ist bisher der Einfluss der über die USA und die Welt hereingebrochenen Corona-Pandemie auf die US-Wahlen?

Lohmann: Das wird einen nicht zu unterschätzenden, großen Einfluss auf die Wahlen haben. Man kann ganz klar sehen, dass die Chancen deswegen für den Präsidenten über den Jahresverlauf kontinuierlich sinken.

tagesschau.de: Kann der Trend bis November anhalten?

Lohmann: Ihm schadet die daraus resultierende Wirtschaftskrise aber auch sein Versuch, das Virus als Import aus China zu brandmarken. Das alles führt dazu, dass ihm auch bei manchen seiner überwiegend älteren, weißen Wähler keine bedingungslose Gefolgschaft mehr entgegenschlägt. Denn auch die haben ja inzwischen häufig konkretes Leid durch das Coronavirus erfahren.

Des Interview führte Corinna Emundts, tagesschau.de

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 02. Oktober 2020 um 09:00 Uhr.

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