Eine leere Straße in Lissabon | Bildquelle: AFP

Coronavirus-Pandemie Portugals Angst vor der nächsten Krise

Stand: 19.03.2020 19:34 Uhr

Gerade erst hat sich Portugal von einer schweren Wirtschaftskrise erholt. Nun sorgt sich das Land um seine wichtigste Einnahmequelle: den Tourismus.

Von Oliver Neuroth, ARD-Studio Madrid

Portugal hat in den vergangenen Jahren einen wahren Besucherboom erlebt. Lissabon und Porto gehören zu den beliebtesten Reisestädten Europas, die Region Algarve im Süden ist seit jeher ein Touristenmagnet. 2019 kamen rund 27 Millionen Urlauber ins Land, gut sieben Prozent mehr als im Jahr zuvor.

Doch nun sei durch das Coronavirus alles anders, sagt Joao Fernandes, der Chef des Tourismusverbands Algarve. "Es ist offensichtlich, dass wir wegen dieser Lage kein gutes Jahr haben werden", sagt Fernandes. "Die Leute haben keine Lust zu reisen und verschieben ihren Urlaub."

Blick auf ein leeres Café in Lissabon | Bildquelle: AFP
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In der Hauptstadt Lissabon sind die Cafés leer.

Die Wirtschaft ist vom Tourismus abhängig

Oder sie können gar nicht erst verreisen: Fluggesellschaften kappen die Verbindungen, europäische Länder schließen ihre Grenzen. Auch in Portugal geht es seit Mitte der Woche nicht mehr über den Landweg nach Spanien.

Portugal schottet sich wegen des Virus ab, dabei ist der Tourismus überlebenswichtig für das Land. Industrie gibt es kaum, zu den wenigen größeren Fabriken gehören ein Werk von VW und eines des französischen Autobauers PSA. Beide stehen wegen der Corona-Krise still. Mittleren und kleineren Betrieben verschiedener Branchen brechen die Aufträge weg.

Ein einsamer Jogger am Strand von Porto | Bildquelle: JOSE COELHO/EPA-EFE/Shutterstock
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Am Strand von Porto dreht ein einsamer Jogger seine Runden.

Teures Hilfspaket soll Krise abmildern

Um die Wirtschaft zu stützen, hat die portugiesische Regierung ein Hilfsprogramm über 9,2 Milliarden Euro bereitgestellt. Ziel der Maßnahme sei es, die Produktivität der Unternehmen zu erhalten und Arbeitsplätze zu schützen, sagt Wirtschaftsminister Pedro Siza Vieira.

Vorgesehen sind Kredite für Firmen, die in finanzielle Schwierigkeiten geraten sind, vor allem im Tourismussektor. Außerdem will die Regierung Steuern und Beiträge zur Sozialversicherung aufschieben oder senken. Woher die neun Milliarden Euro genau kommen, hat die Regierung bisher nicht erklärt.

Wenn die Summe komplett aus Steuergeld finanziert wird, hieße das rein rechnerisch, dass jeder der rund neun Millionen Portugiesen 1000 Euro an die Unternehmen in seinem Land zahlt. Das ist eine stattliche Summe, denn viele Menschen verdienen nur einen Mindestlohn von 700 Euro im Monat. Möglicherweise kommen aber auch EU-Mittel zum Einsatz oder staatliche Zuschüsse, die schon anderweitig eingeplant waren und nun umgewidmet werden.

Blick auf den geschlossenen Stadtpark von Porto | Bildquelle: JOSE COELHO/EPA-EFE/Shutterstock
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Blick auf den geschlossenen Stadtpark von Porto.

"Der Staat muss alles tun"

Staatspräsident Rebelo de Sousa verteidigt das Hilfspaket: "Leben und Gesundheit können nur gerettet werden, wenn die Wirtschaft nicht stirbt." Darum müsse der Staat der Wirtschaft helfen, die nächsten schweren Monate durchzustehen. "Er muss alles tun, die Unternehmen und damit auch die Menschen, die Familien, zu schützen."

Der Staat müsse alles tun. Die Worte des Präsidenten deuten an, dass Portugal sich in die Liste der Länder einreiht, die eine unbegrenzte Unterstützung für ihre Wirtschaft in Aussicht stellen. Der in den vergangenen Jahren mühsam sanierte Haushalt würde dann wieder zum Problemfall. Denn auch abgesehen von der Corona-Rettungsaktion war die Linksregierung in den vergangenen Monaten ausgabefreudig. Ministerpräsident Antonio Costa hat Steuergeschenke an seine Wähler verteilt.

Dazu kommt, dass Portugal weiterhin hohe Schulden hat, sie betragen etwa 120 Prozent der Wirtschaftsleistung. Das einstige Euro-Krisenland steht wieder auf wackeligen Beinen. Und es ist weiter verwundbar, wenn der Tourismus wegbricht. Denn an ihm hängt Portugal.

Nach der Krise ist vor der Krise: Portugals Angst vor dem Corona-Virus
Oliver Neuroth, ARD Madrid
19.03.2020 18:23 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 19. März 2020 um 13:52 Uhr.

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