Die Après-Ski-Bar "Kitzloch" im österreichischen Ski-Ort Tirol | Bildquelle: AFP

Coronavirus in Skigebieten Tirol wehrt sich gegen Vorwürfe

Stand: 17.03.2020 07:32 Uhr

In einige Ländern wurde das Coronavirus von heimkehrenden Skiurlaubern eingeschleppt. Nun werfen sie Österreich vor, die Behörden hätten eher reagieren müssen. Vor allem eine Bar gilt als "Virenschleuder".

Von Andrea Beer, ARD-Studio Wien

In den Labors des Uniklinikums Salzburg häufen sich die Coronatests, meldet der ORF Salzburg. Das neuartige Coronavirus steht auch in den Schlagzeilen des österreichischen Fernsehens an erster Stelle. Besonders gespannt werden Testergebnisse von Menschen aus dem Medizinbereich erwartet, die mit einem Anästhesisten der Uniklinik Salzburg in Kontakt waren, denn dieser wurde positiv auf Corona getestet und hatte mit vielen im Krankenhaus zu tun - etwa 100 Menschen befinden sich in Quarantäne.

Wut auf die Behörden

Zuvor hatte der Narkosearzt Skiurlaub in Ischgl in Tirol gemacht. Der Name steht bei österreichischen und ausländischen Touristen zur Zeit nicht für Skivergnügen, sondern für mögliche Ansteckungen mit dem Coronavirus. Dänemark, Schweden Norwegen oder auch Island sind wütend und besorgt. Denn die Menschen aus diesen Ländern, die sich mit dem Coronavirus infiziert haben, könnten sich im Skiurlaub in Österreich angesteckt haben.

In Ischgl gilt die geschlossene Bar "Kitzloch" als regelrechte "Virenschleuder". Denn auch nachdem ein Barmitarbeiter positiv getestet wurde, blieb diese zunächst offen. Der Tiroler Landeshauptmann Günther Platter betonte aber mehrfach, in Ischgl und ganz Tirol seien alle Maßnahmen rechtzeitig getroffen worden.

Tirol weist Vorwürfe zurück

"Wir waren in Tirol die ersten, die schon Hotels geschlossen haben. Wir waren die ersten, die Bars geschlossen haben. Wir waren die ersten, die Maßnahmen unternommen haben, dass Sankt Anton am Arlberg und Paznaun gesperrt wurde", so Platter im ORF. Man habe als erster die Wintersaison beendet und einschränkende Maßnahmen für die Tirolerinnen und Tiroler beschlossen. "Und ich bin der Meinung, dass wir immer einen Schritt weiter waren."

Doch Island betrachtete Ischgl in Tirol schon seit dem 5. März als Corona-Krisengebiet und hielt damit nicht hinterm Berg. Vidir Renyisson ist Offizier bei der isländischen Polizei. Er berichtete dem ORF: "Wir haben auch acht Fälle aus Ischgl in Österreich. Wir sind besorgt, weil sich diese Gruppe am selben Ort infiziert hat."

Zu spät reagiert?

Die Tiroler Landessanitätsdirektion stufte Ischgl trotz der Kritik aus Island noch am 8. März anders ein. "Eine Übertragung des Coronavirus auf Gäste der Bar ist aus medizinischer Sicht eher unwahrscheinlich", hieß es. Einen Tag später revidierten die Tiroler Gesundheitsbehörden dann ihr Urteil in einer Presseerklärung so: "In diesem Zusammenhang kann aber nicht ausgeschlossen werden, dass es eine Verbindung zu einem Teil der in Island positiv getesteten Personen gibt, die sich nach jüngsten Erhebungen kürzlich ebenso in Ischgl in besagter Bar aufgehalten haben."

Tags darauf schlossen die Behörden dann die "Kitzloch"-Bar. Haben die Behörden in Tirol also alles richtig gemacht? Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz reagierte darauf so: "Man kann natürlich immer alles im Detail hinterfragen. Aber aus meiner Sicht geben wirklich alle, die hier arbeiten, ihr Bestes."

Chaos in der Quarantäne

Die türkis-grüne Bundesregierung hatte St. Anton am Arlberg und das Paznauntal und damit auch die Gemeinde Ischgl am Freitag unter Quarantäne gestellt, da sich das Virus dort besonders schnell ausgebreitet hat. Ausländische Touristen sollten danach abreisen, doch wie das vor sich ging, sorgte ebenfalls für Unmut.

Es gab stundenlange Staus und manche waren sogar zu Fuß unterwegs. Medien in Österreich und Deutschland schreiben, dass Hunderte aus dem Corona-Krisengebiet noch in Innsbruck übernachtet hätten. Manch ein Österreicher findet trotzdem, man solle nun nach vorne schauen. "Es bringt jetzt gar nichts mit dem Finger auf andere zeigen, wir sollten jetzt einfach zusammenhalten", sagt ein Passant.

In Österreich sind inzwischen drei Menschen an der Coronavirus Erkrankung gestorben und es gibt mehr als 1000 bestätigte Fälle.

Virenschleuder Ischgl? Kritik am Krisenmanagement in Tirol
Andrea Beer, ARD Wien
17.03.2020 06:47 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 17. März 2020 um 05:48 Uhr.

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