Proteste gegen Corona-Maßnahmen in den USA. | REUTERS

Corona-Leugner in den USA Die große Lüge

Stand: 02.12.2020 04:06 Uhr

Kein anderes Land der Welt ist in der Bewertung der Corona-Krise so gespalten wie die USA. Viele Amerikaner leugnen die Schwere der Krankheit. Joe Biden wird viel Überzeugungskraft brauchen, um den Kampf zu gewinnen.

Von Jule Käppel, ARD-Studio Washington

Mit einem Schock-Video will ein Arzt aus Missouri seine Mitmenschen aufrütteln. Darin simuliert er die letzten Minuten im Leben eines Covid-Patienten - aus dessen Blickwinkel.

So sieht es aus, wenn du 40 Mal pro Minute atmest, sagt der Arzt. Er hat sich über die Kamera gebeugt. Im Bildausschnitt - nur sein Gesicht. Es ist fast komplett verdeckt von einer monströsen, weißen Spezial-Maske, einer dicken Schutzbrille und der OP-Haube. Ein Mediziner im Kampfeinsatz.

Im pulsierenden Rhythmus des schnellen Atems ist sein Kopf mal nah, dann wieder weiter weg. Die beklemmende Szene erreicht ihren Höhepunkt: Der Arzt blendet mit einem Licht und seine Hand mit dem Beatmungsschlauch bewegt sich auf die Kamera zu. Ende.

Leugner: Corona eine "einhundertprozentige Überreaktion"

Das ist, was deine Mutter, dein Vater oder deine Kinder als Letztes sehen werden, wenn sie an Covid erkranken, sagt Doktor Kenneth Remy in seinem Video. Ein paar Tage vorher hatte die Krankenschwester Jodi Doering aus South Dakota auf Twitter für Fassungslosigkeit gesorgt. Sie hat Corona-Leugner auf ihrer Intensiv-Station sterben sehen.

Ihre letzten Worte waren, das kann nicht passieren, das ist nicht real - erzählt sie auf CNN. Flehentliche Appelle, drastische Szenen aus dem Alltag von Menschen an der vordersten Front werden häufiger und wirken wie verzweifelte Versuche, Amerikaner wie ihn zu erreichen: Für Ryan ist Corona eine "einhundertprozentige Überreaktion" einer Sache, die sehr leicht zu überleben sei. Dabei hat der 39-jährige Familienvater aus Georgia selbst einen älteren Verwandten durch das Virus verloren. Er will aber so weitermachen wie immer. Die Schutzmaßnahmen gehen ihm zu weit.

Trump vergleicht Corona immer wieder mit Grippe

Das sei ein bisschen übertrieben für eine Sache, die doch nicht schlimmer sei als die Grippe, sagt er gelassen. Auch Trump hat Corona immer wieder mit einer Grippe verglichen. Auf einer Parkbank wenige Schritte von Ryan entfernt, winkt die blonde Marie-Beth beim Thema Corona sofort ab. Das sei völlig aufgeblasen, und davor müsse man nicht so viel Angst haben.

Die einen halten Corona für Panik-Mache, die anderen verbinden damit eine große Verschwörung. In einer Umfrage des Pew Research Centers glaubte jeder vierte Amerikaner zumindest ein wenig daran, dass die Pandemie absichtlich herbeigeführt wurde. Das Forschungszentrum hat auch herausgefunden, dass in keinem anderen Land der Welt die öffentliche Meinung über Corona so gespalten ist wie in den Vereinigten Staaten. Ein Riss, der durch die politischen Lager geht. Corona-Leugner sind mehrheitlich Republikaner. Stramme Trump-Anhänger halten die Krise sogar für ein Komplott der Medien gegen den Präsidenten.

Biden braucht viel Überzeugungskraft

Die Medien wollen, dass die Menschen verängstigt sind, sagt Ron. Es gehe um Furcht! Der 51-jährige schmal gebaute Mann hat eine Theorie:

Die Medien sind gegen Trump. Sie würden alles sagen, was ihn die Wiederwahl kostet.

Für Ron hat Trump die Wahl noch nicht verloren. Sein übergewichtiger Namensvetter, Ron, 62, aus Alabama bringt Corona sogar zum Lachen. Schließlich sei die Pandemie eher politisch als medizinisch motiviert. Er hat einen Verdacht, wann die Krise endet: am Tag nach der Amtseinführung von Joe Biden.

Die Medien werden aufhören, über Covid zu berichten. Damit es so aussieht, als ob er das Land gerettet hätte.

Für Joe Biden hat der Kampf gegen Corona oberste Priorität. Mit seinem Team arbeitet er bereits an einer Strategie, um die Krise in den Griff zu bekommen. Vor allem braucht er dafür viel Überzeugungskraft.

Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 02. Dezember 2020 um 09:50 Uhr.