Die Après-Ski-Bar "Kitzloch" im österreichischen Ski-Ort Ischgl | Bildquelle: dpa

Studie zu Ischgl Après-Ski - eine Party für das Virus

Stand: 30.05.2020 12:44 Uhr

Erst Piste, dann Party: Diese Ischgl-Kombination machte den Skiort zum Epizentrum der Coronavirus-Ausbreitung, wie eine Studie nachweist. Sie kritisiert die langsame Reaktion Österreichs.

Von Clemens Verenkotte, ARD-Studio Wien

"Ischgl brachte Deutschland das meiste Unheil" - diese Überschrift wählte die österreichische Zeitung "Standard" für ihren Artikel über die 28-seitige Studie des Kieler Weltwirtschaftsinstituts über die Ausbreitung des Coronavirus von Ischgl in Deutschland.

Das Team des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel unter Leitung von Gabriel Felbermayr kam in seiner am 24. Mai veröffentlichen Studie zu dem Ergebnis: Statistisch könne man auf die Entfernung zu Ischgl zurückführen, dass 48 Prozent der Infektionsfälle in Deutschland von dem österreichischen Skiort ausgegangen seien. Keine andere "Superspread Location" habe einen derartigen Einfluss auf die Infektionsrate in Deutschland gehabt.

401 Landkreise untersucht

Felbermayr und sein Team werteten die Daten des Robert Koch-Instituts über die Infektionszahlen in den 401 deutschen Landkreisen in dem Zeitraum von Mitte März bis 9. Mai aus. Die Anzahl der Personen, die zum Skiurlaub nach Ischgl gefahren waren, sei hoch gewesen.

In den ebenfalls stark vom Coronavirus betroffenen Regionen Heinsberg in Nordrhein-Westfalen und Mulhouse im Elsass habe man keinen vergleichbaren geographischen Einfluss auf das Infektionsgeschehen in Deutschland empirisch nachweisen können.

Ein Drittel der dänischen Fälle aus Ischgl

Die "eher langsame Reaktion auf die Corona-Infektionen in Ischgl" sei fatal gewesen. Am 5. März hatte Island als erstes europäisches Land den Skiort als Risikogebiet eingestuft. Trotzdem seien erst neun Tage später Quarantäne-Maßnahmen eingeleitet worden, der komplette Lockdown sei noch später erfolgt.

Diese Verzögerungen habe die Ausbreitung des Virus in Österreich und anderen europäischen Staaten vermutlich verschärft, wird in der Studie geschlussfolgert. So würden die Daten vom 20. März zeigen, dass in Dänemark ein Drittel und in Schweden ein Sechstel aller Infektionsfälle auf zurückkehrende Skiurlauber aus Ischgl zurückzuführen gewesen sei.

"Die langsame Reaktion war fatal"

"Hätte man zwei, drei Tage früher zugemacht in Ischgl, dann hätte vermutlich die Weitergabe des Virus in Deutschland weniger stark stattgefunden", sagte Professor Felbermayr, ein gebürtiger Oberösterreicher, dem ARD-Studio Wien. "Es lässt sich schwer quantifizieren, was man da sozusagen an Fällen hätte einsparen können oder vermeiden können, oder was das gar an Todeszahlen bedeutet. Aber klar ist, dass die langsame Reaktion fatal war und die gesundheitliche Krise in Deutschland verstärkt hat."

Deutsche Maßnahmen waren effektiv

Dass es nicht zu einer ungebremsten Ausbreitung der von zurückkehrenden Ischgl-Touristen betroffenen Regionen in Deutschland gekommen sei, habe einen nachgewiesenen Grund: Durch den Lockdown in Deutschland habe es die Mobilität nicht mehr gegeben.

Nach der Verhängung des Lockdowns in Deutschland, so Felbermayr, hätten die Resultate gezeigt, dass das Einschränken der sozialen Kontakte und die Reisebeschränkungen wirksam gewesen seien und nicht dazu geführt habe, dass sich das Coronavirus "nach diesem ersten Impuls aus Ischgl in Deutschland noch massiv weiterverbreitet hätte". 

Es sei für die politische Arbeit wichtig zu verstehen, welche Rolle der internationale Tourismus für die Verbreitung solcher Krankheiten habe.

Widerspruch von der Tourismusministerin

Elisabeth Köstinger, Tourismusministerin von Österreich | Bildquelle: dpa
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Tourismusministerin Köstinger hat die Studie (noch) nicht gelesen.

Die Studie des Weltwirtschaftsinstituts in Kiel fand in einigen größeren Medien in Österreich Beachtung, die politischen Reaktionen blieben allerdings verhalten. Tourismusministerin Elisabeth Köstinger von der Volkspartei ÖVP sagte dem ARD-Studio Wien, sie kenne die Ischgl-Studie nicht.

Auf die Frage, wie Touristen aus Deutschland neues Vertrauen in die Sicherheit der touristischen Einrichtungen in Österreich schöpfen sollten, nachdem es zuvor so folgenschwer in Ischgl missbraucht worden sei, erklärte die Ministerin:

"Wir haben in Österreich sehr schnell und sehr konsequent gehandelt. Das war auch der Grund, warum wir zu einem der Länder gehören, die sehr gut auch wieder aus der Krise gekommen sind. Die Zahl der Neuinfektionen ist stetig, aber sehr gering. In Deutschland ist es ähnlich. Beide Länder haben sehr schnell und konsequent beim Ausbruch dieser Pandemie gehandelt. Wir haben alle gemeinsam viele Lehren daraus gezogen."

Österreich verbessere vor allem die Testkapazitäten. So würden Mitarbeiter im Tourismusbereich, die Gästekontakt hätten, regelmäßig getestet, um "somit eben auch bestmögliche Sicherheit für unsere Gäste in Österreich bieten zu können".

Kritik an Après-Ski

Gabriel Felbermayr vom Weltwirtschaftsinstitut in Kiel rät, bei der Berichterstattung zu differenzieren: Es sei nicht der Tourismus an sich, sondern "vor allem der Party-Tourismus," der kritisch gesehen werden müsse. Wenn man sich auf den Pisten bewege oder am Strand oder in den Bergen, sei das ganz was anderes, als wenn man die Nächte durchfeiere und da in sehr engen Kontakt mit Menschen komme.

Studie: "Die eher langsame Reaktion auf die Corona-Infektionen in Ischgl war fatal"
Clemens Verenkotte, ARD Wien
30.05.2020 11:31 Uhr

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Über dieses Thema berichtete WDR 5 am 30. Mai 2020 um 06:11 Uhr im Morgenecho.

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Clemens Verenkotte, BR

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