Ein Mitarbeiter stellt in einem Pub in Manchester einen Stuhl auf den Boden. | Bildquelle: dpa

Corona-Krise in Großbritannien Bloß kein Lockdown

Stand: 30.10.2020 10:16 Uhr

In Wales müssen Pubs schließen, in England nicht - oder doch? Die Corona-Regeln in Großbritannien gleichen einem Flickenteppich. Aber trotz explodierender Fallzahlen will die Regierung daran festhalten.

Von Christoph Heinzle, ARD-Studio London

"Wenn zwei Leute behaupten, dass sie zusammenwohnen, kann ich nicht widersprechen", sagt ein Pub-Besitzer in Nottingham und stellt fest, den Laden ganz dichtzumachen sei oft einfacher, als die Regeln zu kontrollieren. Einer seiner Gäste fügt hinzu, wer wie vorgeschrieben zu sechst in den Pub komme, stehe schnell mit 26 zusammen.

Die Vielzahl der Vorschriften und Ausnahmen in Großbritannien ist verwirrend - und ihre Einhaltung kann kaum sichergestellt werden. In Wales und Nordirland gelten für einige Wochen sehr scharfe Regeln bis hin zu Reisebeschränkungen. Restaurants, Pubs und die meisten Läden sind hier geschlossen. In Schottland und England wiederum gilt ein System mit mehreren Alarmstufen für die verschiedenen Regionen. Nur in der höchsten Stufe muss die Gastronomie schließen und es gilt ein Kontaktverbot. Dazu kommen lokale Sonderregeln, die das das Königreich endgültig zum Flickenteppich machen.

Rufe nach einheitlichen Regeln werden lauter

Die Entwicklung der Corona-Fallzahlen jedoch ist überall besorgniserregend. Allein in England verdoppeln sich die neuen Corona-Fälle pro Tag laut einer neuen Erhebung alle neun Tage - und eine Studie kommt zu dem Ergebnis, dass es statt der offiziell gemeldeten 20.000 bis 25.000 Neuinfektionen pro Tag tatsächlich fast 100.000 sein könnten. Dabei gibt es zwar Hotspots, vor allem im Norden und in der Mitte Englands, aber besonders schnell steigen die Zahlen derzeit in London und Südengland.

Angesichts der Situation werden Rufe nach einheitlichen Regelungen lauter - so zum Beispiel von Mike Tildesley aus dem wissenschaftlichen Beirat der Regierung. "Eine Art nationaler Lockdown würde vor allem den Gegenden helfen, für die noch keine höhere Alarmstufe gilt", sagt er. "Wir müssen davon wegkommen, Brände regional zu bekämpfen, hin zu einer landesweiten Lösung."

"Die Beschränkungen machen jeden wütend"

Doch die Wirtschaft ächzt und die betroffenen Regionen fordern finanzielle Unterstützung. Die Regierung versucht den Balanceakt. "Wir treffen sehr schwierige Entscheidungen in Gegenden, wo sich das Virus konzentriert", sagt Bauminister Robert Jenrick. "Die unterstützen wir und stellen sicher, dass wir das Virus unter Kontrolle bekommen. Aber wir müssen weiter alles dafür tun, einen flächendeckenden Lockdown zu vermeiden."

Hinzu kommt, dass niemand bislang sagen kann, ob die Beschränkungen tatsächlich wirken. "Das ist völliger Unsinn", schimpft eine Frau aus Wales. "Die Beschränkungen helfen nicht, sie machen nur jeden wütend."

Harte Maßnahmen für das ganze Land im Gespräch

Doch die Akzeptanz der Bevölkerung sei entscheidend, meint Steven Riley vom Imperial College London: "Wir können nicht so tun, als wäre die Einstellung der Menschen die gleiche wie im März", sagt er. "Aber nur mit einer anderen Einstellung und anderem Verhalten bekommen wir das Virus unter Kontrolle. Wir müssen uns also auf ein klares, gemeinsames Ziel verständigen, um die Zahl der Infektionen zu senken."

Für ganz Großbritannien ist nun im Gespräch, was Wales und Nordirland bereits vormachen: harte, aber zeitlich beschränkte Maßnahmen, die man vor Weihnachten wieder lockern könnte.

Britische Regierung gegen landesweiten Lockdown
Christoph Heinzle, ARD London
30.10.2020 09:13 Uhr

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Über dieses Thema berichtete WDR 5 im Morgenecho am 30. Oktober 2020 um 06:46 Uhr.

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