Die Mitarbeiterin einer Klinik in Wuhan untersucht einen Patienten. | AFP

Corona-Pandemie Die Suche nach Patient Null

Stand: 30.11.2020 21:03 Uhr

Vor etwa einem Jahr wurde im chinesischen Wuhan der erste Patient mit Covid-19 behandelt. Bis heute ist wenig über ihn und die Herkunft des neuartigen Coronavirus bekannt. Peking verzögert unabhängige Untersuchungen.

Von Ruth Kirchner, ARD-Studio Peking

Vor etwa zwölf Monaten wurde in der zentralchinesischen Metropole Wuhan der erste Fall einer neuen, mysteriösen Lungenkrankheit entdeckt. Über den angeblichen "Patienten Null" ist nur wenig bekannt. Heute, ein Jahr und weltweit fast 1,5 Millionen Tote später, verbreitet China zur Herkunft des Virus Sars-CoV-2 und der von ihm ausgelösten Krankheit Covid-19 sein ganz eigenes Narrativ.

Ruth Kirchner ARD-Studio Peking

"Alle verfügbaren Beweise deuten darauf hin, dass das Coronavirus nicht im zentralchinesischen Wuhan begann", hieß es vor wenigen Tagen in einem Facebook-Eintrag der "Volkszeitung", dem Sprachrohr der Kommunistischen Partei. In Wuhan sei das Virus zwar als Erstes entdeckt worden, aber es stamme nicht von dort, zitierte das Blatt einen Experten.

China sieht Virus-Ursprung in Indien oder Italien

Ganz ähnlich äußerte sich Pekings Außenamtssprecher Zhao Lijian, der im Frühjahr sogar unterstellt hatte, das Virus sei von der US-Armee nach China eingeschleppt worden. Mittlerweile ist er etwas zurückhaltender: "Die Virus-Rückverfolgung ist ein sich entwickelnder Prozess in möglicherweise mehreren Ländern und Regionen."

Eine neue chinesische Untersuchung will jetzt die ersten Covid-19-Fälle auf dem indischen Subkontinent ausgemacht haben - und nicht in Wuhan. Eine andere umstrittene Studie, die in Chinas Staatsmedien ebenfalls ausführlich zitiert wird, verweist auf Italien.

Von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) heißt es dazu nur, das sei alles "hoch spekulativ". Westliche Experten vermuten eher, dass China sein Image aufpolieren und von eigenen Versäumnissen vor einem Jahr ablenken will.

Kam das Virus aus der Tiefkühltruhe?

Und dann sind da die Tiefkühl-Importe. Auch sie werden in China seit Wochen für die Einschleppung des Coronavirus verantwortlich gemacht - woraufhin die Einfuhrkontrollen verschärft wurden. Unternehmen sollten sofort ihre Notfallpläne in Kraft setzen, wenn an importierten Lebensmitteln oder Verpackungen Coronaviren festgestellt werden, um die Übertragungswege zu unterbrechen, sagt Sun Wenjian, Sprecher des chinesischen Verkehrsministeriums.

Die Gefahr einer Virusübertragung durch tiefgefrorene Lebensmittel halten westliche Experten jedoch für minimal. So sagt etwa der Bremer Virologe Andreas Dotzauer: "Also da würde ich weit über 90 Prozent gehen, dass das nicht passiert."

Widerprüchliche Hinweise auf "Patient Null"

Die internationalen Untersuchungen zum Ursprung der Pandemie konzentrieren sich daher weiter auf Wuhan. Wer der "Patient Null" war, ist bis heute nicht geklärt. In Medienberichten wird ein 55-Jähriger aus der Provinz Hubei genannt, der sich bereits Mitte November 2019 infiziert haben soll, eine Garnelen-Verkäuferin vom Großmarkt in Wuhan, außerdem ein Mann, der am 1. Dezember 2019, also genau vor einem Jahr, die ersten Symptome entwickelt haben soll.

Unklar ist auch immer noch, wie das Virus von Tieren, vermutlich Fledermäusen, auf Menschen übergesprungen ist. Genau das soll ein Team internationaler Spezialisten im Auftrag der WHO in Wuhan untersuchen und dabei auch die ersten Patienten erneut interviewen, erläutert WHO-Experte Peter Ben Embarek in einem Social-Media-Briefing. "Wir sollten uns auch erneut den berühmten Großmarkt anschauen, wo die ersten Fälle entdeckt wurden", sagt Embarek. "Wir sollten uns alles anschauen, was auf diesem Markt verkauft wurde, um herauszufinden, wo die Produkte, Tiere und Lebensmittel herkamen."

Peking verzögert unabhängige Untersuchung

China hat unabhängige Untersuchungen bislang nicht wirklich gefördert. Eine erste WHO-Mission im Februar brachte wenig - den Großmarkt durften die Experten gar nicht erst besuchen. Seit Mai arbeitet die WHO an einer zweiten Mission. Peking hat zwar zugesagt, diesmal mehr zu kooperieren - ein Termin für die Reise der 10 Experten steht aber noch immer nicht fest.