Menschen in einer Einkaufsstraße in Shanghai | Bildquelle: AFP

Coronavirus in China Ein bisschen Alltag

Stand: 23.03.2020 09:55 Uhr

Null Neuinfektionen im eigenen Land: China, einst Ausgangspunkt der Corona-Pandemie, hat die Ausbreitung des Virus eingedämmt. Etwas Alltag kehrt zurück. Doch noch immer ist die Staatsführung nervös.

Von Steffen Wurzel, ARD-Studio Shanghai

Von einer Normalisierung in China kann nicht die Rede sein, doch klar ist: Ein bisschen Alltag kehrt zurück in das Leben der meisten Chinesen. Selbst in der Provinz Hubei, von der aus sich das Coronavirus seit dem Jahreswechsel weltweit ausgebreitet hat, dürfen die Menschen langsam wieder vor die Tür. Ausgangssperren in Wuhan und dem Rest der Provinz werden gelockert, Busse, Bahnen und U-Bahnen fahren wieder und Kontrollpunkte werden nach Angaben der Behörden abgebaut. Sich frei im Land bewegen können die Bewohner von Hubei aber weiterhin nicht.

Trotzdem verbreitet Chinas Staats- und Parteiführung vorsichtigen Optimismus. So sagte der Vizechef der vom Staat gesteuerten Zentralbank, Chen Yulu, dass sich die Epidemie zwar kurzfristig weiter auswirken werde, zum Beispiel auf die Nachfrage nach Gütern. Doch in dem Maße, wie die Ausbreitung des Virus gebremst werde, werde sich auch die chinesische Wirtschaft wieder erholen.

Nicht überall werden Lockerungen umgesetzt

Doch viele Beobachter sind skeptisch. So betont Dan Wang, Wirtschaftsanalystin bei der Economist Intelligence Unit in Peking, dass es einen Unterschied gebe zwischen dem, was die Zentralregierung wolle, und dem, was in den Provinzen umgesetzt werde: "Die Zentralregierung macht alles, damit die Leute wieder arbeiten gehen. Vor Ort aber werden Menschen und Betriebe teilweise davon abgehalten, zum Alltag zurückzukehren. Denn überall dort, wo die Infektionsraten wieder hochgehen, sind die Karrieren der politischen Entscheidungsträger beendet".

Neue Infektionen mit dem Lungenvirus gibt es nach offiziellen Angaben inzwischen keine mehr in China. Alle am Sonntag gemeldeten knapp 40 neuen Fälle seien von außen ins Land eingeschleppt worden, heißt es.

Auch die Infektionszahlen werden angezweifelt

Viele Experten zweifeln allerdings an den Zahlen der Staatsführung, zumal Chinas Behörden in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder offizielle Statistiken frisiert und schlechte Nachrichten unter den Teppich gekehrt haben. Da es in China keine Opposition, keine freie Presse und kaum Zivilgesellschaft gibt, bleiben die guten Zahlen weitgehend unwidersprochen.

Die japanische Nachrichtenagentur Kyodo zitiert allerdings einen Arzt aus einem Quarantänezentrum in Wuhan, der sagt, den staatlichen Zahlen könne man nicht vertrauen. Ähnliches berichtet RTHK, der öffentlich-rechtliche Sender im autonom regierten Hongkong. Eindeutig ist aber der Trend: Die Zahl der Neuinfektionen ist in China wegen der drastischen Ausgangssperren und Kontrollen deutlich zurückgegangen.

Menschen in einer Pekinger Straße | Bildquelle: AP
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In Peking gilt weiterhin die höchste Notstand-Stufe.

Besonderer Schutz für die Hauptstadt

Mit Shanghai hat nun ein weiterer Landesteil die offizielle Notstand-Stufe von eins auf zwei abgesenkt. Damit gilt noch in vier der 33 Landesteile Chinas die höchste Stufe: Neben Hubei sind das Peking sowie Hebei und Tianjin, die beide an die Hauptstadt angrenzen.

Offiziell ist nichts darüber bekannt, ob in und um Peking wichtige Vertreter der Kommunistischen Partei, der Wirtschaft und des chinesischen Militärs mit dem Coronavirus infiziert sind. Chinas Staats- und Parteiführung versucht, den Großraum Peking - so gut es geht - vor dem Virus abzuschirmen. Das zeigt, wie nervös man an der Staatsspitze nach wie vor ist. Man merkt es auch an den wenigen internationalen Flügen, die noch Richtung Peking gehen. Sie landen grundsätzlich nicht mehr an einem der beiden Hauptstadtflughäfen, ankommende Maschinen müssen stattdessen in einer der Nachbarprovinzen landen. Alle Passagiere an Bord kommen in Quarantäne.

Die chinesischen Medien richten ihren Blick inzwischen vermehrt aufs Ausland, vor allem auf Europa und die USA. Dort könne man sich einiges abschauen von China, ist die Meinung vieler Chinesinnen und Chinesen.

Ein bisschen Alltag kehrt zurück
Steffen Wurzel, ARD Shanghai
23.03.2020 09:02 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 23. März 2020 um 06.43 Uhr.

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