Passagiere stehen in einem überfüllten Wagen. In Indien werden die Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus verschärft | Bildquelle: dpa

Corona in Entwicklungsländern "Da wird einem angst und bange"

Stand: 23.03.2020 17:31 Uhr

Hilfsorganisationen warnen vor einer Ausbreitung des Coronavirus in Entwicklungs- und Schwellenländern. Und wegen der Krise hierzulande fürchten sie zugleich einen deutlichen Spendenrückgang. Könnte ein UN-Hilfsfonds helfen?

Für Entwicklungs- und Schwellenländer lassen sich die Folgen der Corona-Pandemie nach Einschätzung von Hilfsorganisationen noch lange nicht absehen. Zwar gibt es bereits einige hundert Fälle von Infektionen mit dem Coronavirus in Indien und Ägypten oder einzelne Fälle in Venezuela, doch noch liegt der Schwerpunkt der Pandemie - nach China - in Europa und den USA. Doch die Sorge wächst, dasss sich das Coronavirus auch in einigen Ländern Afrikas oder in Indien massiv ausbreiten könnte.

Die medizinische Versorgung der Menschen in Krisenstaaten wie Venezuela oder in Kriegsgebieten wie Nordsyrien sei besorgniserregend, sagte der Leiter der Diakonie Katastrophenhilfe, Martin Keßler, im domradio. "Wenn man sich dann überlegt, was jetzt in Italien passiert ist, einem sehr hoch entwickelten Land, dann wird einem angst und bange."

Zudem könnten die Lebensverhältnisse in vielen Ländern die Ausbreitung des Virus begünstigen, fürchtet der Geschäftsführer des kirchlichen Hilfswerks Misereor, Martin Bröckelmann-Simon: "Allein in Indien leben 70 Millionen Menschen dicht gedrängt in Slums", sagte der Katholischen Nachrichten-Agentur. "Da können Sie Abstandhalten zur Eindämmung von Infektionen vergessen."

Auch die Welthungerhilfe warnt vor massiven Folgen der Pandemie in mehreren Ländern Afrikas und anderen ärmeren Regionen der Erde: "Es ist davon auszugehen, dass wir in den nächsten Wochen und Monaten dort viele Tote beklagen müssen", sagte Präsidentin Marlehn Thieme der "Neuen Osnabrücker Zeitung".

Keine Gottesdienste = weniger Spenden?

Zugleich wächst die Sorge, dass die Spendenbereitschaft der Deutschen zurückgehen könnte - einerseits aufgrund der eigenen Betroffenheit durch das Coronavirus, andererseits aufgrund der Einschränkungen zur Eindämmung der Pandemie. Denn erstmals finden nun in der Fastenzeit keine Gottesdienste statt - in denen sonst im Rahmen der Fastenkollekte für Entwicklungsländer gesammelt wird. Das kirchliche Hilfswerk Misereor rechnet deshalb "mit massiven Einbrüchen bei dem Spendenaufkommen" in der Fastenzeit, wie Geschäftsführer Martin Bröckelmann-Simon sagte.

In einer beispiellosen Solidaritätsaktion riefen deswegen alle großen katholischen Hilfswerke in Deutschland gemeinsam zu Spenden für die Fastenaktion von Misereor auf. Der Freiburger Erzbischof Stephan Burger warb in einer Videobotschaft für individuelle Einzelspenden. Burger ist in der Deutschen Bischofskonferenz für das Hilfswerk zuständig.

Norwegen schlägt Hilfsfonds unter UN-Schirmherrschaft vor

Auch das norwegische Außenministerium fürchtet, dass die Coronavirus-Pandemie nicht zuletzt auch in den verwundbarsten Staaten ernsthafte Folgen haben könnte. Um Länder mit schwächeren Gesundheitssystemen in der Corona-Krise unterstützen zu können, schlug Norwegen deshalb den Aufbau eines Hilfsfonds unter UN-Schirmherrschaft vor.

Mit dem Fonds sollten die Vereinten Nationen besser dafür aufgestellt werden, Entwicklungsländern bei der Bewältigung der langfristigen Konsequenzen der Corona-Krise zu helfen. Die UN hätten den Vorschlag aufgegriffen und prüften ihn, hieß es aus Oslo. Hintergrund des norwegischen Vorstoßes sind die Erfahrungen aus der Zeit des Ebola-Ausbruchs in Westafrika 2014. Bereits damals war den Angaben zufolge ein gemeinschaftlicher Fonds unter UN-Ägide aufgebaut worden, um die besonders betroffenen Länder zu unterstützen.

Sorge vor Corona in Lagern auf Lesbos

Die Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen" warnte unterdessen vor einer drohenden Corona-Katastrophe in den Flüchtlingslagern auf der griechischen Insel Lesbos. Noch gebe es zum Glück keine bestätigten Corona-Infizierten. Aber die übervollen Lager böten einen perfekten Nährboden für das Virus, sagte Koordinatorin Sophie McCann im Interview mit ntv.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 24. März 2020 um 12:00 Uhr.

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