Zwei Frauen stehen Soldaten mit Schutzmasken in der Innenstadt von Mailand gegenüber. (Archivbild) | Bildquelle: dpa

Corona-Krise Italiens Regierung greift durch

Stand: 08.03.2020 18:02 Uhr

Mit "klarem Kopf und Mut" gehe man gegen das Coronavirus vor, sagt Italiens Ministerpräsident Conte. Und auch die WHO lobt das entschlossene Handeln der Regierung in Rom. Doch wie durchdacht sind die neuen Maßnahmen wirklich?

Es sind die bislang drastischsten Maßnahmen gegen das Coronavirus in Europa: Italien riegelt Großteile des Nordens ab. 14 Provinzen und die gesamte Region Lombardei sind betroffen - inklusive der Großstädte Mailand und Venedig - und die etwa 16 Millionen Menschen, die dort leben. Die Aus- und Einreise ist bis 3. April nur noch aus dringenden, zum Beispiel beruflichen Gründen erlaubt. Öffentliche Veranstaltungen sind gestrichen. Kinos und Theater bleiben geschlossen - und zwar im ganzen Land.

Als Ministerpräsident Giuseppe Conte die neuen Schutzvorkehrungen um 2:00 Uhr nachts in einer Fernsehansprache benennt, hat sich die Nachricht längst verselbstständigt. Viele Menschen befürchten, in Norditalien quasi eingesperrt zu werden, und stürmen in Mailand Züge, die Richtung Süden fahren - bloß weg aus der Risikozone.

Betroffene Regionen in Norditalien

Die gesamte Region Lombardei mit der Millionenmetropole Mailand sowie 14 Provinzen in Norditalien: Modena, Parma, Piacenza, Reggio Emilia, Rimini, Pesaro und Urbino, Alessandria, Asti, Novara, Verbano Cusio Ossola, Vercelli, Padua, Treviso und Venedig.

Dabei werden die Gebiete gar nicht vollständig abgeriegelt und der Flug- und der Bahnverkehr nicht komplett gestoppt. Die Polizei aber kann Menschen anhalten und sie nach ihrem Grund fragen, warum sie sich aus den betroffenen Zonen entfernen wollen, und sie aufgrund des jetzt unterzeichneten Regierungsdekrets zwingen zu bleiben. Aufgrund der geringen Nachfrage werden allerdings immer mehr Flüge storniert.

Italien zwischen Gelassenheit und Panik

Doch niemand scheint genau zu wissen, was passieren wird - und vor allem, wann. Wie soll die Ein- und Ausreise in die abgeriegelten Gebiete kontrolliert werden? Und von wem? Kommt das Militär zum Einsatz? Was passiert, wenn man sich den Anweisungen widersetzt? Vielen Menschen gehen die Maßnahmen zu weit, und so akribisch wie im restriktiven China kann die Bevölkerung ohnehin nicht überwacht werden.

Piazza del Popolo in Rom | Bildquelle: dpa
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Passanten spazieren über die Piazza del Popolo in Rom. Italien ist in Europa das am stärksten von Coronavirus-Infektionen betroffene Land.

In Süditalien bricht inzwischen Unruhe aus, man befürchtet einen Massansturm von Norditalienern, die das Coronavirus einschleppen. Der Gouverneur der süditalienischen Region Apulien, Michele Emiliano, sagte in einem dramatischen Appell: "Bringen sie nicht die Lombardei-, Venetien-, Emilia-Romagna-Epidemie in unser Apulien, indem Sie davonlaufen!"

Die Italiener schwanken seit Wochen zwischen Gelassenheit und Panik. Die unterschiedlichen Gemütsverfassungen scheinen in Wellen durch die Bevölkerung zu gehen: Mal machen sie sich lustig und nehmen die Dinge eher auf die leichte Schulter, dann wieder werden Supermärkte leergekauft und öffentliche Orte liegen verwaist und wie ausgestorben da. Und inzwischen wird sogar die Absage der Meisterschaft in der Serie A, der italienischen Fußball-Liga, diskutiert.

Eine einheitliche politische Linie scheint es auch nicht zu geben. Während sich die Staatsregierung redlich müht, die Bevölkerung angemessen zu informieren, schießen Regionalpolitiker bisweilen quer - so wie der Mailänder Bürgermeister Guiseppe Sala, der noch Ende vergangener Woche Touristen aufrief, wieder in die Stadt zu reisen. Oder der Chef der Regierungspartei PD, Nicola Zingaretti, der sich Ende Februar noch öffentlichkeitswirksam bei einem Aperitif in Mailand zeigte - und inzwischen selbst positiv auf das Coronavirus getestet wurde.

Ausbreitung des Coronavirus: Italien ergreift drastische Maßnahmen zur Eindämmung
tagesschau 17:15 Uhr, 08.03.2020, Ellen Trapp, ARD Rom

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Die Zahl der Infizierten steigt und steigt

Tatsache ist, dass die Zahl der Coronavirus-Fälle in Italien weiter rasant steigt. Nach Angaben des Zivilschutzes sind mittlerweile rund 6000 Menschen betroffen, innerhalb von 24 Stunden kamen mehr als 1000 neue Fälle dazu. Auch die Zahl der Todesopfer stieg zuletzt noch einmal stark an. Ebenfalls innerhalb nur eines Tages meldete die besonders betroffene Region Lombardei 103 weitere Tote. Damit liegt die Zahl der Opfer landesweit bei mehr als 330.

Conte betonte in seiner nächtlichen Pressekonferenz: "Wir gehen mit klarem Kopf und mit Mut vor. Auch mit Standfestigkeit und, wie diese Maßnahmen beweisen, mit Entschlossenheit. Wir haben grundsätzlich zwei Ziele: Die Ausbreitung der Infektionen zu begrenzen - wir können uns nicht erlauben, dass das passiert. Gleichzeitig müssen wir so vorgehen, dass eine Überlastung des Krankenhauseinrichtungen vermieden wird."

Man wolle die Gesundheit der Bürger garantieren, so Conte. "Wir sind uns bewusst, dass all diese Maßnahmen Unannehmlichkeiten bereiten und persönliche Opfer erfordern." Dies sei jetzt der Moment der Selbstverantwortung. Alle müssten verstehen, dass sich alle an diese Maßnahmen halten müssten. "Wir müssen unsere Gesundheit und die unserer Liebsten schützen", so der Ministerpräsident.

Medizinisches Personal wird aufgestockt

Bereits jetzt arbeiten viele Gesundheitseinrichtungen in den betroffenen Gebieten Italiens am Limit. Es gibt mehrere Fälle, in denen sich auch Ärzte und Krankenpfleger mit dem Virus infiziert haben, beziehungsweise vorbeugend unter Quarantäne gestellt wurden. Die Regierung hat aufgrund der Notsituation beschlossen, rund 20.000 neue Ärzte, Pfleger und andere Hilfskräfte in Krankenhäusern und Gesundheitsämtern einzustellen.

Für alle Italiener, sagte Conte, gebe es ab sofort die dringende Empfehlung, bei bereits geringem Fieber von mehr als 37,5 Grad Körpertemperatur zu Hause zu bleiben und telefonisch einen Arzt zu kontaktieren. Während Schulen, Kindergärten und Universitäten im gesamten Land weiter geschlossen sind, sieht das Regierungsdekret vor, dass beispielsweise Bars und Restaurants bis 18 Uhr offen bleiben dürfen. Die Besitzer sollen aber darauf achten, dass ein Abstand von mindestens einem Meter zwischen den Menschen eingehalten wird, um eine Übertragung von Infektionen zu verhindern.

Karte: Gesperrte Regionen in Italien
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Große Teile Norditaliens werden weitgehend abgeriegelt.

Lob von der WHO: "kühn und mutig"

Der Generalsekretär der Weltgesundheitsorganisation WHO, Tedros Adhanom Ghebreyesus, lobt die Maßnahmen. "Die Regierung und die Menschen in Italien unternehmen kühne, mutige Schritte, um die Verbreitung des Coronavirus zu verlangsamen und ihr Land und die Welt zu schützen", schrieb er bei Twitter. Die WHO stehe solidarisch an der Seite Italiens und werde das Land auch weiterhin unterstützen.

Auswärtiges Amt: Ausreisen weiterhin möglich

Deutsche, die sich zur Zeit in Norditalien aufhalten, können weiter ausreisen. Das teilte das Auswärtige Amt in Berlin mit. "Die Rückkehr an einen Wohnort sowohl innerhalb als auch außerhalb wie die Ausreise dazu nach Deutschland ist weiterhin möglich", heißt es in den aktualisierten Reisehinweisen. Mit Kontrollen und Nachfragen von Sicherheits- und Ordnungskräften müsse aber gerechnet werden.

Unklar ist noch, ob Einreisen ohne triftigen Grund - etwa für einen Urlaub - von den italienischen Behörden gestattet werden. Das Auswärtige Amt rät von Reisen in die norditalienischen Risikogebiete aber ohnehin ab - und empfielt Urlaubsreisenden, sich mit ihren Reiseveranstaltern in Verbindung zu setzen.

Mit Informationen von Jörg Seisselberg, ARD-Studio Rom

Italiens Regierung weitet Corona-Sperrgebiete drastisch aus
Jörg Seisselberg, ARD Rom
08.03.2020 07:05 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 08. März 2020 um 13:15 Uhr.

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