Der frühere Berater der britischen Regierung, Dominic Cummings, Ende Mai 2021. | dpa

Pandemie in Großbritannien Cummings' nächste Attacke

Stand: 16.06.2021 18:47 Uhr

Bereits im Mai hatte Ex-Berater Cummings der britischen Regierung Versagen im Umgang mit dem Coronavirus vorgeworfen. Nun legt er nach - und rückt bei seinen neuen Attacken Gesundheitsminister Hancock in den Fokus.

Die britische Regierung unter Premierminister Boris Johnson steht erneut für ihren Umgang mit der Corona-Pandemie heftig in der Kritik. Und wieder ist es Johnsons ehemals enger Berater Dominic Cummings, der hinter den jüngsten Vorwürfen steht.

Auf seiner privaten Internetseite veröffentlichte Cummings am Mittag einen langen Beitrag, in dem er der Regierung Missmanagment und Fehlverhalten im Kampf gegen das Coronavirus vorwirft. Zu spät habe Großbritannien auf massenhaftes Testen gesetzt, zu spät die Schutzmaßnahmen in Pflegeheimen erhöht und zu spät in notwendige Schutzausrüstung investiert.

Cummings wirft Hancock Lügen vor

In den Fokus von Cummings Attacken gerät auch der britische Gesundheitsminister Matt Hancock. Ihm wirft Cummings vor, im Nachhinein mithilfe von Lügen ein falsches Bild zeichnen zu wollen, um die Versäumnisse der Regierung zu verschleiern. Hancock und Johnsons Regierung würden versuchen, die Geschichte der Pandemie "neu zu schreiben", der "größten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg". Und Hancock wolle sich nun als "heldenhafte" Figur darstellen, die rechtzeitig auf die Ausbreitung des Virus reagiert habe.

"Völlig hoffnungsloser" Gesundheitsminister?

Besondere Brisanz erhält Cummings Beitrag durch Screenshots von WhatsApp-Nachrichten, die ihm nach eigener Aussage Premier Johnson im vergangenen März zugeschickt haben soll. In einer dieser Nachrichten verweist Cummings demnach auf die USA und deren massiv ausgebautes Testprogramm und fordert, Großbritannien müsse ähnlich verfahren. "MH", laut Cummings also Hancock, habe sich aber skeptisch geäußert, dass sich das umsetzen lasse. In der mutmaßlichen Antwort des Premiers bezeichnet dieser das Handeln des Gesundheitsministers daraufhin als "völlig hoffnungslos".

Ein Regierungssprecher weigerte sich zunächst, die Veröffentlichungen zu kommentieren. Allerdings betonte er, Hancock genieße das "volle Vertrauen" der Regierung: "Der Premierminister hat sehr eng mit dem Minister für Gesundheit und Soziales zusammengearbeitet und wird dies auch weiterhin tun."

Downing Street erklärte auf Anfrage, sich nicht detailliert zu den Bildern äußern zu wollen, stritt deren Echtheit jedoch auch nicht ab.

Schon vor einigen Wochen scharfe Vorwürfe gegen Regierung

Schon im Mai hatte Cummings die britische Regierung stark unter Druck gesetzt, indem er ihr vorwarf, die Gefahr der Pandemie zu Anfang unterschätzt zu haben. Er behauptete, Johnson habe es "für die neue Schweinegrippe gehalten" und sogar vorgeschlagen, sich den Erreger absichtlich selbst injizieren zu lassen. Zu lange habe Großbritannien darauf gesetzt, der Pandemie mittels Herdenimmunität Herr werden zu können und darum zu spät Lockdown-Maßnahmen, Homeoffice oder die Schließung von Freizeit-, Kulturbetrieben und Schulen angeordnet.

Cummings, der als wichtiger Stratege hinter der "Vote Leave"-Kampagne für den Brexit bekannt wurde, hatte die Downing Street Ende vergangenen Jahres nach einem erbitterten internen Machtkampf im innersten Zirkel der Regierungszentrale verlassen. Inzwischen hat er sich zu einem erbitterten Gegner von Johnson gewandelt.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 26. Mai 2021 um 12:32 Uhr.