Menschen warten in einer langen Schlange vor einer indischen impfstation. | REUTERS

Sinkende Corona-Zahlen Erste Zeichen der Hoffnung in Indien

Stand: 17.05.2021 16:06 Uhr

Die Zahl der Corona-Neuinfektionen in Indien ist erstmals seit fast vier Wochen unter 300.000 gefallen. Auch die Versorgung der Kranken mit Sauerstoff scheint sich zu verbessern. Doch die Impfkampagne stockt.

Von Peter Hornung, ARD-Studio Neu Delhi

Die Männer rollen große Flaschen, in die Sauerstoff gefüllt werden soll. Normalerweise enthalten sie Helium, aber in diesen Tagen wird alles mit Sauerstoff gefüllt, was geht. Er und seine Leute verteilten medizinischen Sauerstoff an Corona-Kranke mit Atemnot, sagt Vikram Singh der Nachrichtenagentur Reuters. Er arbeitet in der indischen Hauptstadt für eine Bürgerinitiative.

Peter Hornung ARD-Studio Neu-Delhi

"Solange der Patient Sauerstoff benötigt und uns ein Signal zur Hilfe sendet, werden wir unser Bestes tun, um Sauerstoffflaschen zum Haus des Patienten zu liefern, egal wie spät es ist oder wo er sich in Neu-Delhi befindet", sagt Vikram Singh.

Am Wochenende gab die Regionalregierung von Delhi bekannt, dass in jedem Stadtbezirk Vorratslager eingerichtet worden seien. Wer an Covid-19 erkrankt ist und zu Hause in Quarantäne bleibt, der bekomme hier medizinischen Sauerstoff. Dringend nötig sei das, sagt ein Anwohner: "Auf dem Schwarzmarkt hier in der Stadt muss man viel Geld zahlen für Sauerstoffflaschen. Diese Bürgerinitiative aber verteilt sie kostenlos an Patienten. Finde ich sehr gut, eine großartige Sache."

Warnung vor zu frühen Lockerungen

Delhi scheint seine Sauerstoffkrise überwunden zu haben. Inzwischen kann die Hauptstadt sogar zugunsten anderer Bundesstaaten auf Sauerstoff verzichten, der ihr laut Verteilungsplan zustünde. Die Zahl der täglichen Neuinfektionen ist zuletzt deutlich gesunken - auf deutlich unter 5000. Auf dem Höhepunkt Ende April war sie noch mehr als fünfmal so hoch. Auch im zuvor besonders schwer betroffenen Bundesstaat Maharashtra mit der Hauptstadt Mumbai sinkt die Zahl der Neuinfizierten.

Nun sei es wichtig, nicht wieder nachlässig zu werden, sagt Randeep Guleria, Direktor des AIIMS, des renommiertesten staatlichen Krankenhauses von Neu-Delhi, im Nachrichtensender NDTV: "Das Wichtige ist, den Leuten die Botschaft einzuhämmern, dass sie sich an die Corona-Schutzmaßnahmen halten. Denn das ist der Fehler, den wir Anfang des Jahres gemacht haben und was zu diesem immensen Anstieg der Fallzahlen geführt hat. Weil wir jetzt wissen, dass die indische Variante sehr infektiös ist und sich sehr schnell verbreitet."

Impfstoffe bleiben vorerst knapp

Indien will mit einer groß angelegten Impfkampagne aus der Krise kommen. Doch die ist längst ins Stocken gekommen, vielerorts fehlt es an Impfstoff. Vor allem die Jüngeren haben es schwer, eine Impfung zu bekommen. Von einer Herdenimmunität sei man noch deutlich entfernt. "Dass das in nächster Zukunft passiert, ist unwahrscheinlich", sagt Randeep Guleria. "Die Impfstoffe, die es hier in Indien gibt, werden mindestens bis Juni, Juli knapp sein."

Wie überall auf der Welt, wo Pandemie-Maßnahmen das öffentliche Leben lahmlegen, sehnen sich auch in Indien die Menschen nach Lockerungen. In vielen Städten und Bundesstaaten gibt es mehr oder minder strikte Lockdowns mit Ausgangssperren rund um die Uhr. Ein Ende dieser Maßnahmen sieht Randeep Guleria im Moment jedoch noch kritisch. "Idealerweise hat man einen Großteil der Bevölkerung geimpft, bevor man die Beschränkungen aufhebt. Aber den Luxus werden wir uns hier in Indien nicht leisten können."

Denn der wirtschaftliche Schaden ist groß. Nicht nur für die Millionen Tagelöhner, die durch die Lockdowns ihr Einkommen verloren haben. Ohnehin geht längst nicht im ganzen Land die Zahl der Corona-Neuinfektionen zurück. In vielen ländlichen Regionen ist die Lage nach wie vor angespannt bis katastrophal, die Krankenhäuser sind überlastet. So musste der ostindische Bundesstaat West-Bengalen gerade erst einen zweiwöchigen Lockdown verhängen.

Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 14. Mai 2021 um 16:51 Uhr.