Tedros Adhanom Ghebreyesus bei der WHO-Konferenz zum Coronavirus in Genf | Bildquelle: dpa

WHO zu britischer Corona-Studie "Lebensrettender Durchbruch"

Stand: 17.06.2020 10:08 Uhr

Gedacht zur Behandlung von allergischen Reaktionen oder Asthma zeigt der Wirkstoff Dexamethason auch Erfolge bei Corona-Patienten. Ein Durchbruch, so die Weltgesundheitsorganisation. Deutsche Experten äußern sich zurückhaltender.

Die Weltgesundheitsorganisation sieht in den vorläufigen Ergebnissen einer britischen Studie zu einem Medikament gegen Covid-19 einen Durchbruch im Kampf gegen die Krankheit. Bei dem Entzündungshemmer Dexamethason handle es sich um das erste Mittel, das die Sterblichkeit von Corona-Patienten verringere, die auf Sauerstoff oder Beatmungsgeräte angewiesen seien, sagte WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus.

Die vorläufigen Ergebnisse der noch unveröffentlichten klinischen Studie weisen darauf hin, dass Dexamethason die Sterberate bei schweren Verläufen senken könnte. Bei Patienten, die künstlich beatmet wurden und das Medikament bekamen, sank die Sterberate um ein Drittel, wie die federführenden Wissenschaftler von der Universität Oxford berichteten. Die Ergebnisse der Studie sind aber bisher nicht von anderen Experten begutachtet worden.

WHO-Chef gratuliert Uni Oxford

"Das sind großartige Neuigkeiten", sagte Tedros. "Ich gratuliere der Regierung des Vereinigten Königreichs, der Universität Oxford sowie den vielen Krankenhäusern und Patienten im Vereinigten Königreich, die zu diesem lebensrettenden wissenschaftlichen Durchbruch beigetragen haben."

In der Studie untersuchen Wissenschaftler die Eignung verschiedener bereits zugelassener Medikamente als Mittel gegen Covid-19. Insgesamt sind mehr als 11.500 Patienten in 175 britischen Kliniken beteiligt. Der Dexamethason-Teil der Studie umfasste demnach 2104 Patienten, die für zehn Tage einmal täglich 6 Milligramm Dexamethason bekamen.

Keine Wirkung bei mildem Krankheitsverlauf

Die Sterblichkeit nach 28 Tagen war unter den künstlich beatmeten Patienten am höchsten. Sie lag ohne Dexamethason-Behandlung bei 41 Prozent. In der Versuchsgruppe sank sie um ein Drittel. Bei den Patienten, die Sauerstoff bekamen, aber nicht künstlich beatmet wurden, sank sie um ein Fünftel. Bei Infizierten mit milderem Krankheitsverlauf zeigte Dexamethason hingegen keine Wirkung.

Basierend auf den Zahlen würde durch Dexamethason bei der Behandlung von acht schwerkranken Covid-19-Patienten ein Todesfall verhindert, hieß es. Das Medikament wird üblicherweise als Entzündungshemmer eingesetzt, etwa bei Entzündungen von Haut und Gelenken.

Euphorie könnte verfrüht sein

Deutsche Experten warnten allerdings vor verfrühter Euphorie. Eine abschließende Einschätzung zur Qualität sei erst möglich, wenn die Originaldaten ausführlich gesichtet seien, sagte Maria Vehreschild, Leiterin des Schwerpunkts Infektiologie am Universitätsklinikum der Goethe-Universität Frankfurt. Wichtig sei unter anderem, die Nebenwirkungen noch weiter aus den Daten herauszuarbeiten.

Es sei zu bedenken, dass Dexamethason die Immunantwort gegen das Virus bremst und dazu führen könnte, dass das Virus langsamer eliminiert wird, ergänzte Bernd Salzberger, Bereichsleiter Infektiologie am Universitätsklinikum Regensburg und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie.

Laut Chefarzt der Infektiologie und Tropenmedizin am München Klinik Schwabing, Clemens Wendtner, muss geprüft werden, inwieweit der Mehrwert von Steroiden wie Dexamethason hinsichtlich der Sterberate mit schweren Infektionen anderer Art - sogenannten Superinfektionen - erkauft werden muss. "Angesichts des insgesamt nur kleinen, wenn auch signifikanten Herabsetzens der Sterblichkeitsrate durch Steroide bleibt die beste Medizin die Verhinderung der Covid-19-Erkrankung durch einen effizienten Impfstoff."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 17. Juni 2020 um 06:00 Uhr.

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