Michel Schmitt schaut am Computer Lungen-Aufnahmen an

Corona-Pandemie Suche nach dem Ursprung des Virus

Stand: 23.08.2020 03:01 Uhr

Das Coronavirus breitet sich weiter rasant um den Globus aus. Doch wo kommt es her? Wissenschaftler weltweit versuchen, die Spuren des Erregers nachzuzeichnen. Aber noch immer ist der Ursprungsort ungewiss.

Von Christian Baars und Stella Peters, NDR

Michel Schmitt sitzt vor seinem Computer und zeigt auf weiße Flecken in der Aufnahme einer Lunge. Es sind typische Anzeichen für eine Covid-19-Erkrankung. Das Erstaunliche ist: Diese Aufnahme stammt vom 16. November 2019 vergangenen Jahres.

Schmitt ist Radiologe am Albert-Schweitzer-Krankenhaus in Colmar im Elsass, nicht weit entfernt von Freiburg. Die Region in Frankreich war im Frühjahr besonders stark von der Corona-Pandemie betroffen. Schmitt analysierte damals Hunderte Lungenbilder von Patienten. "Mit den Erfahrungen von März und April kam ich auf die Idee, alle Bilder ab dem Sommer 2019 durchzugehen und nach untypischen Zeichen zu suchen", sagt der Radiologe. Tatsächlich wurde er fündig.

Auf den Aufnahmen vom 16. November und zwölf weiteren aus dem Dezember entdeckte er Hinweise auf eine Covid-19-Erkrankung. Damals hätten sie die Patienten noch für "seltsame Grippefälle" gehalten, "mit Fieber, Lungenembolie, Lungenentzündungen", sagt Schmitt. Aber das habe "alles nicht zusammengepasst".

Michel Schmitt schaut Lungen-Aufnahmen an
galerie

Michel Schmitt untersucht Lungen-Aufnahmen, um Hinweise auf Corona-Erkrankungen zu entdecken.

Erste Corona-Fälle in Frankreich im November?

Kann es sein, dass bereits Mitte November in Frankreich einige Menschen an Corona erkrankt waren? Schmitt ließ die Patienten nachträglich auf Antikörper untersuchen. Die Ergebnisse waren positiv. Allerdings kann er nicht ausschließen, dass sie sich möglicherweise in der Zwischenzeit angesteckt hatten.

Aber es gibt auch weitere Studien, die darauf hindeuten, dass sich das Virus bereits einige Wochen oder gar Monate lang ausgebreitet hat, bevor es Ende Dezember in Wuhan entdeckt wurde. So fanden etwa Forscher in Italien und Brasilien Spuren des Erregers in aufbewahrten Abwasserproben, die im Dezember beziehungsweise November entnommen worden waren. Und in China selbst - so berichtete vor einigen Monaten die Zeitung "South China Morning Post" - hat es offenbar bereits Mitte November eine erste nachgewiesene Infektion gegeben.

Spurensuche: Woher stammt das Corona-Virus?
tagesthemen 23:20 Uhr, 22.08.2020, C. Drexel/S. Peters/C. Baars, NDR

Download der Videodatei

Wir bieten dieses Video in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Videodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Video einbetten

Nutzungsbedingungen Embedding Tagesschau: Durch Anklicken des Punktes „Einverstanden“ erkennt der Nutzer die vorliegenden AGB an. Damit wird dem Nutzer die Möglichkeit eingeräumt, unentgeltlich und nicht-exklusiv die Nutzung des tagesschau.de Video Players zum Embedding im eigenen Angebot. Der Nutzer erkennt ausdrücklich die freie redaktionelle Verantwortung für die bereitgestellten Inhalte der Tagesschau an und wird diese daher unverändert und in voller Länge nur im Rahmen der beantragten Nutzung verwenden. Der Nutzer darf insbesondere das Logo des NDR und der Tageschau im NDR Video Player nicht verändern. Darüber hinaus bedarf die Nutzung von Logos, Marken oder sonstigen Zeichen des NDR der vorherigen Zustimmung durch den NDR.
Der Nutzer garantiert, dass das überlassene Angebot werbefrei abgespielt bzw. dargestellt wird. Sofern der Nutzer Werbung im Umfeld des Videoplayers im eigenen Online-Auftritt präsentiert, ist diese so zu gestalten, dass zwischen dem NDR Video Player und den Werbeaussagen inhaltlich weder unmittelbar noch mittelbar ein Bezug hergestellt werden kann. Insbesondere ist es nicht gestattet, das überlassene Programmangebot durch Werbung zu unterbrechen oder sonstige online-typische Werbeformen zu verwenden, etwa durch Pre-Roll- oder Post-Roll-Darstellungen, Splitscreen oder Overlay. Der Video Player wird durch den Nutzer unverschlüsselt verfügbar gemacht. Der Nutzer wird von Dritten kein Entgelt für die Nutzung des NDR Video Players erheben. Vom Nutzer eingesetzte Digital Rights Managementsysteme dürfen nicht angewendet werden. Der Nutzer ist für die Einbindung der Inhalte der Tagesschau in seinem Online-Auftritt selbst verantwortlich.
Der Nutzer wird die eventuell notwendigen Rechte von den Verwertungsgesellschaften direkt lizenzieren und stellt den NDR von einer eventuellen Inanspruchnahme durch die Verwertungsgesellschaften bezüglich der Zugänglichmachung im Rahmen des Online-Auftritts frei oder wird dem NDR eventuell entstehende Kosten erstatten
Das Recht zur Widerrufung dieser Nutzungserlaubnis liegt insbesondere dann vor, wenn der Nutzer gegen die Vorgaben dieser AGB verstößt. Unabhängig davon endet die Nutzungsbefugnis für ein Video, wenn es der NDR aus rechtlichen (insbesondere urheber-, medien- oder presserechtlichen) Gründen nicht weiter zur Verbreitung bringen kann. In diesen Fällen wird der NDR das Angebot ohne Vorankündigung offline stellen. Dem Nutzer ist die Nutzung des entsprechenden Angebotes ab diesem Zeitpunkt untersagt. Der NDR kann die vorliegenden AGB nach Vorankündigung jederzeit ändern. Sie werden Bestandteil der Nutzungsbefugnis, wenn der Nutzer den geänderten AGB zustimmt.

Einverstanden

Zum einbetten einfach den HTML-Code kopieren und auf ihrer Seite einfügen.

Die Wanderwege des Virus nachvollziehen

Seit wann breitet sich das Virus also tatsächlich unter Menschen aus? Und woher stammt es? Wissenschaftler versuchen den Weg des Virus mit verschiedenen Methoden nachzuzeichnen. Auch Peter Forster hat sich daran beteiligt. Der Genetiker arbeitet in Cambridge und beschäftigt sich normalerweise mit Veränderungen im Genom des Menschen, um herauszufinden, wann und wo sich frühe Vorfahren auf dem Planeten ausgebreitet haben. "Ich habe ja 20 Jahre damit zugebracht, die Wanderungen des Menschen in den letzten 200.000 Jahren nachzuvollziehen", sagt Forster. Diese Methoden würden sich auch ausgezeichnet eignen, "die Wanderwege des Virus" nachzuvollziehen.

Zusammen mit Kollegen, unter anderem seinem Bruder in Kiel, hat er so den Ausbruch des Coronavirus SARS-CoV-2 analysiert. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass die Pandemie höchstwahrscheinlich zwischen Mitte September und Anfang Dezember begonnen hat - und zwar ziemlich sicher in China oder einem angrenzenden Land. Dass das Virus kurze Zeit später bereits vereinzelt in Europa gewesen sei, überrascht ihn nicht. Dokumentierte, spätere Fälle zeigten, wie schnell Reisende den Erreger in andere Regionen bringen könnten, sagt er.

Fledermaus-Erreger ähneln SARS-CoV-2 genetisch

Auch die meisten anderen Wissenschaftler gehen davon aus, dass der Ausbruch im zweiten Halbjahr 2019 in Asien begonnen hat. Wann, wo und wie genau sich der erste Mensch angesteckt hat, ist jedoch weiterhin unklar. "Es deutet viel darauf hin, dass der Erreger seinen Ursprung in einem Fledermaus-Reservoir im Süden Chinas hat", sagt Thomas Mettenleiter, Leiter des Friedrich-Löffler-Instituts (FLI), dem Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit. Erreger, die genetisch dem neuen Virus SARS-CoV-2 ähnelten, habe man im Süden Chinas bei bestimmten Fledermäusen gefunden, sagt Mettenleiter. Das sei ein Indiz, aber noch kein Beweis für die Herkunft.

Laut einer Studie eines internationales Teams von Wissenschaftlern, die Ende Juli in der Zeitschrift "Nature" erschien, zirkulieren Viren, die eng mit SARS-CoV-2 verwandt sind, seit vielen Jahrzehnten in Hufeisennasen-Fledermäusen. Und diese Erreger besäßen Eigenschaften, die es ihnen ermöglichten, menschliche Zellen zu infizieren. Das bedeutet, wann immer es zu einem Kontakt zwischen den Tieren und Menschen kommt, können die Viren überspringen und sich möglicherweise so verändern, dass sie sich unter Menschen stark weiter verbreiten können.

Wann und wo konkret das beim jetzigen Ausbruch passiert ist, können die Forscher aber auch nicht sagen. Sie weisen daraufhin, dass die Hufeisennasen-Fledermäuse in unterschiedlichen Regionen Chinas und in benachbarten Ländern weit verbreitet sind.

Ein Plakat in China warnt vor dem Verzehr von Fledermäusen und anderen Wildtieren | Bildquelle: ALEX PLAVEVSKI/EPA-EFE/Shutterst
galerie

Schon früh gerieten Fledermäuse und andere Wildtiere in China in den Verdacht, dass die Pandemie von ihnen ausgegangen sein könnte.

Schwer, an geeignete Proben zu gelangen

Auch für die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind die Fragen zum Ursprung noch nicht geklärt. Ein Team von Wissenschaftlern soll deshalb weitere Untersuchungen vor Ort durchführen. Im Juli waren zwei Experten, ein Tiermediziner und ein Epidemiologe, in China. Sie sollten eine größere Studie zur möglichen Quelle der Infektionen vorbereiten. WHO-Chef Tedros Ghebreyesus sagte Anfang August, diese Mission sollte in Kürze beginnen. Wann genau, ist weiter unklar - und auch, ob sie Erfolg haben wird.

Thomas Mettenleiter vom FLI ist jedenfalls skeptisch, ob jemals sicher nachgewiesen werden kann, wann und von welcher Spezies genau das Virus zu den Menschen gekommen ist. Im Moment sei die Spurensuche besonders schwierig, "denn wir haben eine humane Pandemie", sagt Mettenleiter.

Der Erreger sei "jetzt praktisch schon überall verbreitet". Und das bedeute: Selbst wenn es gelinge, die Viren in der Natur nachzuweisen, müsse erst einmal abgeklärt werden, "ob sie nicht Wiedereinträge durch infizierte Menschen sind", so Mettenleiter. Am besten wäre es deshalb, Proben zu untersuchen, die schon vor Ausbruch der Pandemie genommen worden sind. Ob die Wissenschaftler da fündig werden, ist ungewiss.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 23. August 2020 um 15:00 Uhr.

Korrespondent

Christian Baars, NDR Logo NDR

Christian Baars, NDR

Korrespondentin

Stella Peters Logo NDR

Stella Peters, NDR

Darstellung: