Angler an der Galata Brücke in Istanbul | Bildquelle: REUTERS

Coronavirus in der Türkei Wie viele Betroffene sind es wirklich?

Stand: 23.03.2020 18:22 Uhr

In der Türkei sind bisher 1236 Menschen mit dem Coronavirus infiziert, 30 Menschen starben. Allerdings sei die Dunkelziffer höher, warnt die Ärztevereinigung und fordert mehr Transparenz von der Regierung.

Von Oliver Mayer-Rüth, ARD-Studio Istanbul

An der Galata-Brücke steht ein Mann in den Siebzigern in gebückter Haltung. Er verkauft Taschentuchpäckchen. Und das, obwohl seit Samstagnacht eine Ausgangssperre für Personen, die 65 Jahre oder älter sind, besteht.

Taschentuchpäckchen verkaufen, das ist die Arbeit der Ärmsten des Landes. Sonst stehen sie an den Eingängen zur Istanbuler U-Bahn oder an den Straßenecken des Zentrums der Stadt. Aber heute sind die meisten Taschentuchverkäufer zu Hause geblieben.

Istanbul Taschentuchhändler | Bildquelle: Johannes Moths
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Dieser Mann verkauft Taschentücher - trotz der Aussgangssperre für ältere Menschen.

Und lange wird der ältere Mann wohl auch nicht ausharren. Denn die wenigen Türken, die an der sonst stark belebten Kreuzung unterhalb des Galata-Turms unterwegs sind, zeigen kein Interesse an seiner Ware. Man geht sich derzeit lieber aus dem Weg, man hält Abstand. Die Angst, sich mit dem Virus zu infizieren, ist groß in der Millionenmetropole.

Intransparenz hat einen Grund

Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan hat die Bevölkerung aufgefordert, zu Hause zu bleiben. Und viele halten sich daran. Seit einer Woche veröffentlicht der türkische Staat täglich neue Infizierten-Zahlen und die Zahlen der aufgrund des Virus Verstorbenen. 1236 seien infiziert, 30 hätten es nicht überstanden, informiert Gesundheitsminister Fahrettin Koca am Abend die Öffentlichkeit über den Kurznachrichtendienst Twitter. 20.345 Tests seien durchgeführt worden.

Ortsangaben gibt es in der Türkei derzeit nicht. Ein Mitglied einer Expertenkommission begründete die Intransparenz mit der Sorge, dass Bewohner betroffener Städte, ähnlich wie in Italien, fluchtartig das Weite suchen und so das Virus ins ganze Land tragen könnten.

Ärztekammer: Hohe Dunkelziffer

Die türkische Ärztekammer spricht seit Tagen von einer hohen Dunkelziffer und forderte gestern das Gesundheitsministerium in einem Brief zu mehr Transparenz auf. "Ansonsten werden sich die Menschen über das tatsächliche Ausmaß der Gefahr nicht bewusst und ihre Beteiligung an der Bekämpfung der Pandemie wird nicht erfolgen", heißt es darin.

Dafür muss sich die Ärztekammer von regierungsnahen Zeitungen viel Kritik anhören. Reflexartig heißt es bei Palastschreibern, die Kammer unterstütze Terror.

Menschen in Istanbul am Ufer und Schiffsanleger | Bildquelle: Johannes Moths
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Ärzte glauben, dass die Dunkelziffer der Erkrankten weitaus höher liegt.

Ärztin spricht von Tausenden Infizierten

Seit dem 18. März kursiert in den sozialen Medien ein Video, in dem eine Ärztin vor dem Personal eines Krankenhauses in Ankara warnt, es gebe nicht Hunderte, sondern Tausende Infizierte. Die offizielle Zahl lag an diesem Tag bei 191. Der Staat ließ Inhalt und Herkunft des Videos untersuchen. Später musste sich die Ärztin in einem offenen Brief entschuldigen. So hüten sich Mitarbeiter staatlicher Krankenhäuser derzeit, Interviews zu geben, bei denen ihre Namen genannt werden.

Ein Arzt eines staatlichen Istanbuler Krankenhauses erzählt der ARD, noch vor ein paar Wochen habe man trotz deutlicher Corona-Symptome keine Tests bei Erkrankten durchgeführt. Man habe viel Zeit verloren. Dann habe es Tests gegeben, deren Auswertung fünf Tage dauerten.

"Dringend mehr Tests"

Inzwischen würden in den Krankenhäusern Corona-Abteilungen eingerichtet. Noch sei das Gesundheitssystem stabil. Allerdings könnte man an seine Grenzen stoßen, wenn die Zahl der schwer Erkrankten weiter steige. Er kenne auch inzwischen einige Ärzte und Krankenpfleger, die infiziert und erkrankt seien. Es müssten dringend mehr Tests durchgeführt werden, mindestens 10.000 am Tag.

Schnelltests und Medikament aus China

Am Abend verkündet Gesundheitsminister Koca, 50.000 Schnelltests seien heute aus China geliefert worden. Bis Donnerstag sollen 300.000 zur Verfügung stehen. Außerdem probiere man ein ebenfalls heute aus China geliefertes Medikament an Erkrankten aus. Ergebnisse würden in den kommenden Tagen veröffentlicht, so der Minister.

Veröffentlichung beständig

Pavel Ursu, Vertreter der Weltgesundheitsorganisation in der Türkei, nimmt den türkischen Gesundheitsminister in Schutz. Die Veröffentlichung von Infiziertenzahlen sei in den letzten Tagen beständig. Es gebe keinen Grund zu glauben, der Gesundheitsminister verheimliche etwas. Sicherlich seien geographische Daten zu den Tests für wissenschaftliche Erkenntnisse über die Ausbreitung der Epidemie sinnvoll, und die Daten würden auch erhoben werden, doch man könne die Öffentlichkeit auch zu einem späteren Zeitpunkt informieren.

Istanbul Zentraler Taksim Platz | Bildquelle: Johannes Moths
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Der Taskim-Platz in Istanbul: Die Ausgangssperre wird vielerorts nicht eingehalten.

Medien: Dramatischer als in Italien

In den sozialen Medien kursieren Exponentialkurven, die für die Türkei einen dramatischeren Verlauf der Epidemie als in Italien prophezeien. Ursu entgegnet, er könne anhand der jetzigen Erhebungen über den weiteren Verlauf bisher wenig sagen. Das sei im Moment einfach noch zu früh, sagt der Arzt. Er rechne mit einem Anstieg der Fälle, allerdings hält er die vom Staat eingeführten Maßnahmen für bisher ausreichend. Nun müsse sich zeigen, wie dramatisch der Anstieg tatsächlich sei.

Ausgangssperre missachtet

Am Sonntag strömten die Istanbuler trotz aller Mahnungen aus Ankara an die Ufer des Bosporus - der malerischen Meerenge zwischen dem europäischen und dem asiatischen Teil der 16-Millionen-Metropole. So schreibt die Tageszeitung Hürriyet, der Aufruf "Bleib zu Hause" habe nichts gebracht. Die Ausgangssperre für Personen über 65 Jahre sei bereits am ersten Tag missachtet worden. Die Istanbuler seien zu den Picknickplätzen geströmt.

Heute liegt trüber Nebel über dem Gewässer. In den nächsten Tagen soll kalter Wind aus dem Norden blasen. Das dürfte für viele wirklich ein Grund sein, zu Hause zu bleiben. Doch der Effekt der Einschränkungen und des schlechten Wetters kommt - so die Erfahrung aus anderen vom Virus befallenen Ländern - immer erst um einige Tage versetzt.

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