Prag: Menschen mit Mundschutz stehen an der Sammelstelle am Wenzelsplatz Schlange, um sich auf Covid-19 testen zu lassen. | Bildquelle: dpa

Steigende Corona-Zahlen Kritik an Tschechiens Regierung wächst

Stand: 12.09.2020 11:31 Uhr

In Tschechien steigt die Zahl der Neuinfektionen rasant - doch die Regierung sieht keinen Grund, strikte Maßnahmen zu ergreifen. Opposition und Experten werfen ihr Versagen vor.

Von Peter Lange, ARD-Studio Prag

In Tausenderschritten steigen gerade die Corona-Infektionen in Tschechien. Zuletzt wieder mit einem neuen Rekordwert: 1447 neue Fälle kamen innerhalb von 24 Stunden dazu.

Ministerpräsident Andrej Babis sieht das vor allem als Folge von deutlich mehr Corona-Tests und warnt vor Panik: "Ich halte die Situation nicht für bedrohlich. Wir achten vor allem auf die Zahl der Patienten in den Krankenhäusern. Und was die Sterblichkeit pro eine Million Einwohner angeht, gehören wir immer noch zu den besten Ländern der Welt."

Noch stimmt das. Seit Beginn der Pandemie  im März sind etwa 450 Menschen im Zusammenhang mit Covid-19 gestorben. Aktuell sind jedoch über 11.000 Menschen infiziert, so viele wie noch nie. Auch andere Zahlen steigen: 250 Erkrankte müssen in Kliniken behandelt werden, 64 von ihnen sind in kritischem Zustand. 

Infektionen verbreiten sich rasant

Es sind auch nicht mehr nur die jungen Leute, die sich anstecken, und bei denen der Verlauf üblicherweise milde ist. "Bis heute morgen haben wir in elf sozialen Einrichtungen Covid-19-Fälle registriert", berichtet Sozialministerin Jana Malacova. "99 Bewohner dieser Einrichtungen und 60 Beschäftigte sind erkrankt. Ich habe den Gesundheitsminister aufgefordert, wie im Frühling wieder landesweite Tests durchzuführen."

Epizentren der Pandemie in Tschechien waren bisher Prag und ein Bezirk in Südmähren. Ein Viertel der Infektionen wird in der Hauptstadt registriert. Aber nun nimmt das Ansteckungsrisiko auch in den  meisten Regionen zu. Die vierstufige Corona-Ampel weist nur noch 30 von 76 Bezirken im Land als risikofrei aus. 40 sind nun grün gekennzeichnet, also mit geringem Risiko. Neben Prag sind nun weitere fünf Bezirke in die zweithöchste Kategorie gelb eingestuft worden.

Kritik an Regierung wächst

In den meisten Fällen verbreiten sich die Infektionen bei gesellschaftlichen Veranstaltungen, bei Familienfeiern, am Arbeitsplatz, bei Freizeit-Aktivitäten und im Sport. In Medien und Politik wird nun diskutiert, wie Tschechien in diese Situation geraten konnte, wo doch im Frühjahr ganz viel richtig gemacht wurde. Die medizinischen Fachleute bemängeln, dass die Regierung diesmal 14 Tage zu spät reagiert habe.

Außerdem habe sie die Bevölkerung in einer falschen Sicherheit gewiegt: "Den Menschen ist vermittelt worden, dass wir es geschafft haben und dass wir die Besten sind", erklärt der Biochemiker Jan Konvalinka. "Deshalb dürfen wir uns nicht wundern, dass sie nicht mehr aufgepasst haben, dass sie ihr normales Leben leben mit dem Gefühl: Wir haben es hinter uns."

Beobachtern fällt zudem auf, dass das Kabinett nicht mehr mit einer Stimme spricht, was mit den anstehenden Regionalwahlen im Oktober zu tun hat. Innenminister Jan Hamacek möchte wieder den Krisenstab einberufen, den er dann zu leiten hätte. Für den Chef der Sozialdemokraten ist das offenbar wichtig, um öffentlich aktiv und sichtbar zu sein. Gesundheitsminister Adam Vojtech von der ANO hält das nicht für nötig.

Opposition: Regierung hat versagt

Aus Sicht der parlamentarischen Opposition hat die Regierung auf ganzer Linie versagt: "Ich habe clevere, gezielte, aber keine landesweiten Maßnahmen erwartet", sagt Miroslav Kalousek von der TOP09. "Es zeigt sich aber, dass die Regierung dazu nicht fähig ist."  

Einig sind sich Regierung, Opposition und Medien nur in einem: Tschechien hat ein paar schwierige Wochen vor sich.

Corona-Trend in Tschechien ungebrochen
Peter Lange, Prag
12.09.2020 10:59 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 12. September 2020 um 07:45 Uhr in der Sendung "Informationen am Morgen".

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