Totengräber beerdigen in Sankt Petersburg ein Covid-19-Todesopfer | Bildquelle: REUTERS

Coronavirus in Russland Sehr viele Fälle - wenige Tote

Stand: 13.05.2020 18:32 Uhr

Lange schien Russland vom Coronavirus relativ verschont zu bleiben - doch jetzt gibt es nur noch in den USA mehr Fälle. Das Gesundheitssystem ist unter Druck. Die Totenzahl aber bleibt auffällig niedrig.

Von Jo Angerer, ARD-Moskau

Erneut heftige Zahlen aus Russland: 10.028 Neuinfektionen, die Zahl der bestätigten Infektionen steigt damit auf 242.271. Weitere Zahlen verkündete heute Gesundheitsminister Michail Muraschko: Im ganzen Land werden 140.000 Patienten ambulant behandelt, 100.000 Infizierte liegen in den Krankenhäusern, 1500 Menschen müssen beatmet werden.

Das bringt Russlands Gesundheitswesen an die Grenzen. Es fehlt an Personal und Schutzausrüstung, viele Ärzte und Pflegekräfte infizieren sich. Auf einer Gedenkseite im Netz verbreiten Ärzte den Namen ihrer gestorbenen Kollegen. 174 sind es bislang. Die Arbeit in den "roten Zonen", wo die Schwerkranken liegen, ist nicht nur körperlich belastend. 40 Prozent der Ärzte, die dort arbeiten, klagen über psychische Probleme, Angst oder Depressionen.

Auch außerhalb der Metropolen steigen jetzt die Zahlen

Das Virus breitet sich schnell aus. Standen bislang die Großstädte Moskau, Sankt Petersburg und Nischni Nowgorod im Fokus, so steigt jetzt die Zahl der Infektionen in den russischen Regionen.

Beispiel Dagestan: 3000 bestätigte Infektionen. Die russische Republik im Nordkaukasus ist ländlich geprägt, mit vielen Kleinbauern und Marktverkäufern. Die meisten leben in Großfamilien. Soziale Distanz, Selbstisolierung gar - nicht durchsetzbar.

"Wir schaffen es nicht selbst"

Hinzu kommt ein Gesundheitssystem, das auch vor Corona schon nahezu am Ende war. Vor allem in den entlegenen Bergregionen wurden viele Krankenhäuser geschlossen, das Personal entlassen. Der Arzt Abdula Gadshijew berät das Gesundheitsministerium in Dagestan. "Wir brauchen Hilfe von außen, vom Militär", sagt er. "Wir schaffen es nicht selbst, wir brauchen Feldlazaretts mit Ausrüstung, Personal und Medikamenten."

Zweites Beispiel: die Region Murmansk, nördlich des Polarkreises, mit 2500 bestätigen Infektionen. In der kleinen Ortschaft Belokamena breitet sich das Virus auf einer Baustelle aus, wo für den Gaskonzern NOVOTEC eine Verladestation für Flüssiggas errichtet wird. 11.000 Menschen arbeiten hier, leben in Unterkünften auf engstem Raum. Innerhalb eines Monats sind bereits mehr als 2000 Arbeiter an Covid-19 erkrankt. Infektionswege sind kaum zu unterbrechen, inzwischen wurde sogar ein Kreuzfahrtschiff dorthin verlegt, um mehr Platz für die Arbeiter zu haben.

Corona-Abteilung in Moskauer Krankenhaus | Bildquelle: AP
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Corona-Abteilung in einem Moskauer Krankenhaus: Auch immer mehr russische Ärzte sterben an Covid-19.

Geschönte Totenzahlen?

Bleibt die Frage, warum Russland mit mehr als 240.000 bestätigten Infektionen offiziell nur 2212 an Covid-19 Gestorbene verzeichnet. Einige vermuten, die Zahlen seien geschönt. So zitiert die nicht gerade oppositionsfreundliche Zeitung "Nowye Iswestija" einen Arzt, der die offiziellen Zahlen der russischen Republik Dagestan anzweifelt und von Fälschung spricht. Stand 7. Mai gebe es offiziell in der ganzen Republik nur 17 Tote, schreibt der Arzt in seinem Blog. Dabei starben laut seiner Aufstellung bereits 13 Mediziner. Nur vier weitere Tote? Vizepremier Tatjana Golikowa jedenfalls dementierte Manipulationen der offiziellen Statistik.

Warum also ist die Zahl der Todesfälle im Vergleich zu anderen Ländern so niedrig? Dieser Frage geht Wladimir Schkolnikow mit seiner Arbeitsgruppe am Max-Planck-Institut für Demografische Forschung nach. Offizielle Zahlen der an Covid-19 Gestorbenen zu vergleichen, sei problematisch, sagt er tagesschau.de. "Vielleicht kann man sie überhaupt nicht vergleichen."

Was zählt in Deutschland als Covid-19-Todesfall?

Die RKI-Statistik zählt als Covid-19-Todesfälle laut eigenen Angaben solche, bei denen es einen laborbestätigten Nachweis von SARS-CoV-2 gibt "und die in Bezug auf diese Infektion verstorben sind". In der Praxis sei es aber oft schwierig zu entscheiden, inwieweit die Infektion zum Tod beigetragen habe. Erfasst werden laut RKI sowohl Menschen, die unmittelbar an der Erkrankung starben, als auch Vorerkrankte, die zwar infiziert waren, bei denen Todesursache aber letztlich unklar bleibe.

Personen, die zwar nie getestet wurden, aber möglicherweise an Covid-19 starben, können laut RKI post mortem auf das Virus untersucht werden.

Nur unmittelbar an Covid-19 Gestorbene in der Statistik

Denn jedes Land zählt die Corona-Toten nach eigenen Kriterien. Ist etwa ein Patient, der an einem Schlaganfall stirbt und positiv getestet wird, ein Corona-Toter - oder nicht? Verschiedene Länder beantworten diese Frage unterschiedlich - und diagnostizieren die Todesfälle unterschiedlich. In Russland werden laut Gesundheitsministerium nur unmittelbar an Covid-19 Gestorbene in die Statistik aufgenommen.

Als einzige Region Russlands nennt Tscheljabinsk im Ural in ihrer Statistik beide Zahlen, die der unmittelbar an Covid-19 Gestorbenen und die der positiv Getesteten, die an anderen Erkrankungen starben. Nur ein Drittel der Opfer starb an Covid-19, zwei Drittel starben an anderen Erkrankungen. Derart differenzierte Zahlen für Gesamtrussland gibt es nicht. Zumindest nicht öffentlich zugänglich.

In Moskau 2000 Tote mehr als sonst

Wichtig wäre es auch, die Zahl der Corona-Toten in Bezug zur gesamten Zahl der Todesfälle zu setzen, meint Schkolnikow. "Wir sollten jede Woche die Zahl der Todesfälle mit den entsprechenden Werten aus den Vorjahren vergleichen."

Den Vergleich mit der Gesamtsterblichkeit kann man am Beispiel Moskau machen. Die "Moscow Times" zitiert die offizielle Zahl für den April, knapp 12.000 Tote. Im Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre starben in jedem April knapp 10.000 Moskauer. Im April 2020 sind es also 2000 Tote mehr als normal. Die offizielle Zahl der Covid-19-Opfer in Moskau war im April mit 600 wesentlich niedriger. Aus seiner Forschungsarbeit weiß Schkolnikow: "Es hat sich gezeigt, dass die Zahl der Todesfälle höher ist als die offiziellen Zahlen. Das mag auch für Russland zutreffen."

Korrespondent

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