Straßenszene in Taipeh | Bildquelle: AP

Corona-Pandemie Was Deutschland von Taiwan lernen kann

Stand: 21.08.2020 11:54 Uhr

Deutschland gilt vielen als Musterbeispiel in der Bekämpfung der Corona-Pandemie - eine sehr europäische Sicht auf die Dinge. Taiwans Krisenbilanz ist weit erfolgreicher.

Von Klaus Bardenhagen, Stella Peters und Jan Lukas Strozyk, NDR

Lin Meichun sorgt dafür, dass das Virus in ihrem Viertel unter Kontrolle bleibt. Die Frau ist Stadtteilbürgermeisterin im Bezirk Xinyi in Taiwans Hauptstadt Taipeh. Sie kümmert sich um Menschen, die sich in Quarantäne befinden, verteilt Lebensmittel, Bücher, aber auch ein bisschen Klatsch und Fürsorge.

So wie bei Herrn Mao: Er war in den USA, muss daher für zwei Wochen zu Hause bleiben. Neben den Besuchen der Stadtteilbürgermeisterin gibt es auch eine Art Übergangsgeld. Das soll dafür sorgen, dass die Menschen sich wirklich in Quarantäne begeben und niemand eine mögliche Infektion verschweigt. Es ist ein Service der Stadt Taipeh: kümmern und kontrollieren.

Taiwan ist im internationalen Vergleich bislang außerordentlich gut durch die Corona-Pandemie gekommen. Während Deutschland vor allem in Europa für seinen Umgang mit der Krise Lob erntet, schaffte es Taiwan bislang, dass sich ohne Lockdown und Verbote nur ein Bruchteil der Menschen infiziert hat.

Stadtteil-Bürgermeisterin Lin Mei-chun spricht mit einem Mann
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Stadtteil-Bürgermeisterin Lin Mei-chun besucht einen Mann, der unter Quarantäne steht.

Masken für alle, für einige Cent

Die Seuchenschutzbehörde in dem Land mit rund 23 Millionen Einwohnern hat bis zum 20. August weniger als 500 Corona-Fälle gezählt - und nur sieben Tote. Und das trotz der Nähe zu China, wo das Virus erstmals ausgebrochen ist. Zum Vergleich: In Deutschland gibt es bislang bei knapp viermal so vielen Einwohnern über 220.000 Infizierte und mehr als 9000 Todesfälle.

Das liegt vor allem daran, dass Taiwan gut vorbereitet war. Seit Jahren lagerte die Regierung Masken und medizinisches Material ein. Bis Ende Januar wurden knapp zwei Millionen Masken am Tag produziert, dann beschloss die Regierung, die Produktion massiv hochzufahren auf zwischenzeitlich fast 20 Millionen Masken pro Tag im April, nahezu eine Maske pro Einwohner.

Rund 15 Cent kostete eine von ihnen. Mit Hilfe der Krankenversicherungs-Karte wurde digital festgehalten, dass niemand mehr Masken kaufen konnte, als er brauchte. Deutschland hingegen versuchte im April noch händeringend, Masken und Verbrauchsmaterial aus dem Ausland zu bestellen: Als Ende des Monats eine Lieferung aus China in Leipzig landete, erschien sogar die Bundesverteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer. "Wir haben eine Kostenanalyse gemacht und das Ergebnis war, dass es uns viel teurer kommen würde, wenn eine Pandemie Taiwan hart trifft - als wenn wir uns in Sachen Schutzausrüstung vorbereiten", sagt Chen Chienjen, Taiwans ehemaliger Gesundheitsminister.

Chen Chien-jen, Taiwans ehemaliger Gesundheitsminister
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Chen Chien-jen, Taiwans ehemaliger Gesundheitsminister, hat aus früheren Pandemien gelernt.

Aus früheren SARS-Ausbrüchen gelernt

Sein Land hat aus Erfahrung gelernt. 2003 war der Inselstaat schon einmal von einem SARS-Virus betroffen. Damals starben nach offiziellen Angaben 73 Menschen. "Wir haben uns 17 Jahre lang auf diese Corona-Pandemie vorbereitet. Nach dem SARS-Ausbruch waren wir mit der Vogelgrippe und der Schweinegrippe konfrontiert - also das gesamte Gesundheitssystem und auch unsere Seuchenschutzbehörde konnten mehrfach üben, wie man eine Pandemie kontrolliert", erklärt Chen.

Als am 31. Dezember vergangenen Jahres chinesische Behörden die erste Meldung zu einem möglichen Ausbruch in Wuhan verschickten, reagierte Taiwan sofort. Einreisende aus Wuhan wurden noch vom selben Tag an auf Anzeichen einer Lungenentzündung kontrolliert. Am 20. Januar wurde dann ein Krisenzentrum aktiviert.

In Deutschland kam der Krisenstab erst Ende Februar das erste Mal zusammen. In Taiwan setzten sie bis dahin bereits mehr als 120 Maßnahmen in Gang. So wurden etwa Anfang Februar 500.000 Masken umsonst in Kindergärten verteilt, Soldaten aktiviert, um Maskenhersteller zu unterstützen, die Winterferien verlängert und Testkapazitäten erhöht.

Umgang mit Corona in Taiwan
20.08.2020

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Schmaler Grat zwischen Freiheit und Infektionskontrolle

Taiwan verfolgt seit Beginn des Jahres auch akribisch alle möglichen Ansteckungen, um weitere Infektionen zu verhindern. Dabei setzt die demokratische Regierung auch auf technologische Hilfsmittel zur Überwachung: Wer trotz Quarantäne die Wohnung verlässt, muss damit rechnen, dass das Mobiltelefon geortet wird und die Behörden sich melden.

Eine Gratwanderung in einem Land, das stolz auf seine demokratische Gesellschaft und seine Freiheitsrechte ist. Aber die Bevölkerung trägt die Maßnahmen mit: "Ich bin sehr stolz. Zumindest was den Kampf gegen das Virus angeht, leisten wir doch unseren Beitrag und sind ein Teil davon", sagt Stadtteilbürgermeisterin Lin.

Ein Mann desinfiziert einen Müllsack
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Ein Mann desinfiziert einen Müllsack: In Taiwan wird der Abfall von Corona-Patienten gesondert abgeholt.

Deutsche Corona-Warn-App zunächst fehlerhaft

Deutschland hingegen erlebte mit der Corona-Warn-App ein regelrechtes Debakel: Erst verzögerte sich der Start bis in den Juni, dann musste die Regierung eingestehen, dass die App auf vielen Smartphones nicht richtig funktioniert.

Forscher des Trinity College in Dublin fanden zudem heraus, dass die App in Bussen und Bahnen nahezu nutzlos ist: Die App erkannte im Test die Signale anderer Smartphones nicht korrekt - womöglich führt das Metall in den Fahrzeugen zu Signalstörungen.

Zurück im Büro ruft Stadtteilbürgermeisterin Lin gemeinsam mit einer Assistentin weitere Menschen in Quarantäne an. "Heute alles in Ordnung?" - "Brauchen Sie Hilfe mit dem Müll?" Viele Menschen in ihrem Viertel leben schon ihr gesamtes Leben dort, es sei eine alteingesessene Gemeinschaft, erklärt Lin: "Der Vorteil ist, man kümmert sich um einander. Und selbst wenn wir noch keine offizielle Meldung bekommen haben, rufen die Nachbarn schon einmal an und sagen Bescheid, dass jemand aus Amerika zurückgekommen ist. Dann können wir uns vorbereiten."

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