Friedhofsmitarbeiter in Schutzkleidung begraben Corona-Tote im Juli 2020 | AP

Corona-Krise Mehr als 200.000 Corona-Tote in Brasilien

Stand: 08.01.2021 10:42 Uhr

Nicht nur in Brasilien, sondern in ganz Südamerika steigen die Corona-Fallzahlen wieder. Während die Region für die Impfstoff-Forschung wichtig war, müssen die Menschen nun auf die Impfungen warten.

Von Anne Herrberg, ARD-Studio Buenos Aires

Jair Bolsonaro springt von einem Boot in die Fluten, krault begleitet von Bodyguards zum völlig überfüllten Strand Praia Grande in Sao Paulo und nimmt dort ein Bad in der Menge. "Mito" rufen seine Fans, Mythos, natürlich alle ohne Mundschutz, dicht an dicht, die Corona-Restriktionen des Bundesstaates werden ignoriert. Der Präsident persönlich macht es vor, strenge Maßnahmen lehnte Bolsonaro schon immer ab. Dabei zeigt die Kurve wieder steil nach oben. Gerade hat Brasilien die Marke von 200.000 Corona-Toten überschritten. Selbst in der besonders hart getroffenen Amazonas-Metropole Manaus, in der vor wenigen Monaten noch eine Art Herdenimmunität vermutet wurde, sind die Fallzahlen erneut explodiert.

Anne Herrberg ARD-Studio Rio de Janeiro

Nun wurde ein zweiwöchiger Lockdown verhängt. Marktfrau Maria Tereza ist verzweifelt: "Wenn jeder gewissenhaft den Mundschutz aufsetzen und die Regeln einhalten würde, dann wäre das nicht notwendig gewesen, aber niemand hält sich dran", klagt sie. Nun sei hier alles dicht, das stürze so viele Menschen in Not, weil sie nicht arbeiten können. 

Fallzahlen steigen in ganz Südamerika

Es ist nicht nur Brasilien. In ganz Südamerika, ohnehin die am härtesten getroffene Region der Welt, steigen die Fallzahlen wieder an. Vor allem bei den Jüngeren. Dabei sah es vor wenigen Monaten so aus, als flache die Kurve etwas ab. Restriktionen wurden gelockert, Schulen wieder geöffnet.

Auf der Südhalbkugel ist Sommer. Viele verhalten sich so, als sei alles schon überstanden, sagt die argentinische Infektiologin Carlota Russ: "Wir erleben weniger eine zweite Welle, sondern ein Wiederaufflammen der ersten." Nach dem langen Lockdown seien viele müde. Vor allem die Jüngeren wollten endlich wieder leben, Regeln würden nicht mehr eingehalten, sagt sie und verweist auf das Staatsbegräbnis von Maradona mit Zehntausenden Menschen. Es gebe viele illegale Partys, die Strände sind voll. "Das ist alles schwer zu kontrollieren. Die Entwicklungen sind sehr beunruhigend."

Argentinien hat nun eine nächtliche Ausgangssperre verhängt, in Chile gelten Teil-Lockdowns, Uruguay hat die Grenzen ganz geschlossen und in Peru sind die Intensivstationen erneut am Limit. Doch wieder einen harten Lockdown zu verhängen, kann sich kaum ein Land leisten, weder wirtschaftlich noch politisch.

Jair Bolsonaro (l), Präsident von Brasilien, posiert für Fotos mit dem Maskottchen einer landesweiten Covid-Impfkampagne, genannt "Ze Gotinha". | dpa

Im Dezember posiert Brasiliens Präsident Bolsonaro noch mit dem Maskottchen der Impfkampagne "Ze Gotinha". Bild: dpa

Erst Versuchslabor der Welt - jetzt Warten auf den Impfstoff

Die Hoffnung richtet sich nun auf die Impfstoffe. Südamerika war einer der Hotspots für Impfstudien, droht nun aber bei der Verteilung ins Hintertreffen zu geraten - nicht nur wegen logistischer Herausforderungen, sagt der peruanische Intensivmediziner Jesus Valverde. Er beklagt eine Diskriminierung: "Die reichen Länder haben sich schon jetzt mit genug Impfstoff eingedeckt, für ärmere Länder gestalten sich die Verhandlungen mit den Firmen als schwierig und teuer." Bei allen Diskursen von Solidarität sei es eine wirtschaftliche Frage, wer zuerst dran komme.

Mit der Impfung zumindest von Gesundheitspersonal begonnen haben bisher nur Argentinien, mit Sputnik V, und Chile mit dem Impfstoff von BioNTech und Pfizer. In Brasilien scheiterte die Massenimmunisierung bisher an politischen Konflikten um den Impfstoff. Nun scheint die Regierung Bolsonaro doch einzulenken. Sie gab an, den chinesischen Impfstoff CoronaVac verwenden zu wollen, solange sich das Vakzin von AstraZeneca verspätet.

Wertvolle Zeit wurde verspielt, kritisiert die Mikrobiologin Natalia Pasternak. Brasilien hätte beste Voraussetzungen gehabt, als erstes Land in Südamerika zu impfen, sagt Pasternak: "Wir haben ein Netz aus Impfstationen, Kühlketten, Erfahrung. Aber durch ihr Missmanagement und den fehlenden Willen hat es unsere Regierung geschafft, diesen Vorteil zu verspielen."

Bolsonaro selbst hat ohnehin schon angekündigt, er wolle sich gar nicht impfen lassen - schon gar nicht mit der chinesischen Impfung. Und, laut einer Umfrage des renommierten Datafolha-Institutes, sieht das jeder vierte Brasilianer ebenso.

Über dieses Thema berichteten am 08. Januar 2021 NDR Info um 10:05 Uhr und die tagesschau um 12:00 Uhr.