Migranten aus Venezuela gehen in Bogota, Kolumbien, zu Fuß in Richtung venezolanische Grenze. | Bildquelle: dpa

Coronavirus in Südamerika Migrationsströme kehren sich um

Stand: 18.04.2020 12:20 Uhr

Trotz der Ausgangssperren sind in Kolumbien und Peru viele Migranten auf den Straßen unterwegs. Weil sie in der Corona-Krise keine Arbeit finden, wandern sie zurück in die Heimat. Dadurch könnte sich das Virus weiter ausbreiten.

Von Ivo Marusczyk, ARD-Studio Buenos Aires

Trotz Reiseverboten und Ausgangssperren haben sich auf einigen Landstraßen wieder Marschkolonnen gebildet. Hunderte Menschen sind zu Fuß durch die Anden unterwegs, auch ganze Familien mit Kindern.

"Wir sind vor der Wirtschaftskrise in Venezuela geflohen, das wissen ja alle, wie schlimm es dort ist", erzählt ein Mann. Trotzdem ist er nun mitten in der Pandemie auf dem Rückweg in die Heimat. Denn in Kolumbien könne er kein Geld mehr verdienen.

Ein Polizist desinfiziert das Gepäck von Migranten aus Venezuela | Bildquelle: picture alliance/dpa
galerie

Ein Polizist desinfiziert das Gepäck von Migranten aus Venezuela - viele wollen zurück in die Heimat.

Stillstand in Venezuelas Nachbarländern

In den vergangenen Jahren sind viereinhalb bis fünf Millionen Menschen vor den desolaten Zuständen in Venezuela geflüchtet. Jetzt herrscht aber auch in den Nachbarländern wie in Kolumbien Stillstand. Dadurch hat sich die Situation so zugespitzt, dass viele versuchen zurückzukehren.

Busse fahren nicht mehr und wären ohnehin zu teuer, darum haben sie sich zu Fuß aufgemacht - so, wie sie gekommen sind. Das kleine Ecuador hat viele Flüchtlinge aufgenommen, ist jetzt aber besonders von der Corona-Krise betroffen.

"Wir haben Angst bekommen, als wir die Probleme in Guayaquil und dann in Quito gesehen haben", erzählt ein Mann. Er habe gesehen, wie dort die ersten Menschen tot liegen geblieben sind. "Da haben wir uns gesagt: nichts wie weg, und sind aufgebrochen."

Umgekehrte Migrationsströme

Die Flüchtlings-Trecks untergraben die Versuche der kolumbianischen Regierung, die Krankheit einzudämmen. Deswegen stoppen die Behörden die Elendsmärsche und versuchen, Busse zu organisieren, die sie an die Grenze bringen.

Das Coronavirus sorge dafür, dass die Migrationsströme sich umgekehrt haben, sagt Jorge Ospina, der Bürgermeister der kolumbianischen Millionenstadt Cali. Die Flüchtlinge in Cali seien erst vor kurzem aus Ecuador angekommen, sagt er. "Man kann schon sagen, dass diese Pandemie alle Voraussetzungen ändert."

Migranten aus Venezuela mit Mundschutzmasken warten in Cali auf einen Bus, der sie an die Grenze zu Venezuela fahren soll. | Bildquelle: dpa
galerie

Migranten aus Venezuela warten in Cali auf einen Bus, der sie an die Grenze fahren soll.

Von der Stadt zurück aufs Land

Ähnliche Bilder gibt es auch aus dem Nachbarland Peru. Dort sind es aber keine Ausländer, die sich auf den Weg machen, sondern sogenannte Campesinos, Menschen vom Land. Normalerweise kommen Tausende von ihnen jedes Jahr nach Lima und in andere Großstädte, um sich als Tagelöhner oder mit Gelegenheitsjobs durchzuschlagen. Jetzt haben sie keine Arbeit mehr, können die Miete nicht mehr bezahlen.

Viele wollen zurück in ihre Heimatregionen. Rund 800 Menschen aus der Stadt Huancavelica schlossen sich zu einem Treck zusammen. Sie wollten von der Hauptstadt Lima aus 400 Kilometer in ihre Heimat gehen. Doch Anwohner blockierten die Straßen nach gut 50 Kilometern, stellten sich dem Marsch entgegen, wie das peruanische Fernsehen berichtet.

"Wir wollen nicht, dass diese Leute hierher nach Matucana kommen ", rief eine Anwohnerin. Das örtliche Krankenhaus sei darauf nicht ausgelegt. "Die stecken uns noch an."

Sorge vor erhöhter Ansteckungsgefahr

Es folgte ein längeres Tauziehen. Die Menschen wurden in ein Stadion gebracht, schließlich wurden doch Busse organisiert, die sie in ihre Heimatregion bringen sollen. Allerdings dürfen sie nicht zu ihren Familien, sondern müssen in Quarantäne-Lagern bleiben.

Die Gefahr, dass sie die Ausbreitung des Virus fördern, ist ziemlich real. Von 800 Menschen wurden mehr als 40 positiv auf das Coronavirus getestet. Die peruanische Umweltministerin Fabiola Munoz sagte, man habe hier humanitäre Hilfe leisten müssen - aber das solle nicht zur Regel werden.

"Wir werden nicht zulassen, dass sich solche Szenen auf den Straßen wiederholen", sagte sie. Gegenmaßnahmen seien bereits verstärkt worden. Die Regierung könne nicht erlauben, dass die Menschen sich in großen Gruppen auf den Weg machen - "denn damit bringen sie nicht nur sich, sondern uns alle in Gefahr".

Not der Flüchtlinge spitzt sich zu

Doch diese Elendsmärsche in Kolumbien und Peru könnten erst der Anfang sein. Die Not in den Elendsvierteln der südamerikanischen Metropolen wird von Tag zu Tag größer. Die meisten sind auf sich allein gestellt, noch kommt kaum Hilfe an. Und Verbote können verzweifelte und verängstigte Menschen nicht aufhalten. 

Corona in Südamerika sorgt für neue Elendsmärsche
Ivo Marusczyk, ARD Buenos Aires
18.04.2020 10:36 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 18. April 2020 um 13:37 Uhr.

Darstellung: