Eine Frau geht an einem geschlossenen Spirituosengeschäft in Hillbrow, Johannesburg (Südafrika), vorbei. | Bildquelle: AFP

Corona in Südafrika Viele Opfer - aber geringe Sterblichkeit

Stand: 20.07.2020 13:29 Uhr

Ausgangssperre, Appelle und Hilfsbereitschaft können nicht verhindern, dass Südafrika trauriger Corona-Spitzenreiter auf dem Kontinent ist. Doch trotz hoher Infektionszahlen ist die Todesrate gering.

Von Jana Genth, ARD-Studio Johannesburg

Die Infektionszahlen nehmen zu - jeden Tag kommen in Südafrika mehr als 10.000 positiv getestete Menschen dazu. In keiner Provinz gibt es mehr Infektionen als in Gauteng, hier liegen auch Johannesburg und Pretoria. Verwunderlich ist das nicht, schließlich lebt ein Viertel der Südafrikaner im Großraum Johannesburg.

Bandile Masuku, der in der Provinzregierung von Gauteng für die Gesundheit zuständig ist, sagt, dass die Behörden damit gerechnet hätten, dass die Armensiedlungen Hotspots werden:

"Da wohnen so viele Menschen auf engem Raum. In keiner Weise konnten wir erwarten, dass Abstandhalten dort funktioniert. Zuhause bleiben geht auch nicht. Covid breitet sich aber auch in den Stadtzentren aus, wo wieder mehr Menschen unterwegs sind und versuchen, Geld zu verdienen. Genau das sehen wir jetzt."

 "Todesrate liegt um die zwei Prozent"

Mehr als 5000 Menschen sind nun landesweit in Verbindung mit Covid-19 gestorben. Im Verhältnis zu fast 365.000 Infektionen ist das vergleichsweise immer noch gering. Lynn Morris, die Direktorin am Nationalen Institut für Infektionskrankheiten, betont:

"Charakteristisch für die Pandemie in Südafrika und auch für andere Länder in Afrika ist die geringe Sterblichkeit im Verhältnis zu den Infektionen. Woran das liegt, wissen wir noch nicht. Die Todesrate liegt um die zwei Prozent, das ist geringer als in vielen Ländern in Europa. Die Gründe dafür müssen wir noch erforschen."

Erstaunlich ist das für die Wissenschaftler, weil es in Südafrika viele HIV-Infizierte und Tuberkulose-Patienten gibt. Generell sind inzwischen mehr als die Hälfte aller Corona-Infizierten schon wieder gesund und schwere Verläufe sind verhältnismäßig selten.

John Nkengasong im Hauptquartier der Afrikanischen Union (Archivbild: 11.03.2020) | Bildquelle: REUTERS
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"Es geht darum, Leben zu retten, aber auch den Lebensunterhalt sicherzustellen", sagt der Leiter des Gesundheitsbereichs der Afrikanischen Union, John Nkengasong.

Ausgangssperre gefährdet Existenzen

Da wundert es kaum, dass die Ausgangssperre, die seit fast vier Monaten gilt, inzwischen viele Menschen nervt. Sogar John Nkengasong, der den Gesundheitsbereich der Afrikanischen Union leitet, sieht das so:

"Wir können nicht ewig im Lockdown bleiben. Es ist nicht die Wahl zwischen Leben retten oder die Wirtschaft aufrechterhalten. Es geht darum, Leben zu retten, aber auch den Lebensunterhalt sicherzustellen. Es ist an der Zeit, die Regeln zu lockern, das aber vorsichtig zu tun."

Südafrikas Regierung verschärft Maßnahmen

Südafrika hat auf die zunehmende Zahl der Corona-Infektionen mit einem erneuten Alkoholverkaufsverbot reagiert. Damit solle die Zahl von Traumapatienten in Krankenhäusern gesenkt werden, sodass mehr Betten für Corona-Patienten frei sind, sagte Präsident Cyril Ramaphosa. Zugleich verhängte er erneut eine nächtliche Ausgangssperre und schrieb das Tragen von Gesichtsmasken in der Öffentlichkeit vor.

Südafrika hatte im April und Mai eine der strengsten Ausgangssperren weltweit verhängt, um die Pandemie einzudämmen. Dies gelang zwar, doch zugleich stürzte die ohnehin angeschlagene Wirtschaft in eine dramatische Rezession. Im Juni lockerte die Regierung einige Auflagen. Dadurch nahmen aber die Infektionen wieder zu.

AP

Alkoholverbot soll Kliniken entlasten

Südafrika ist weltweit das einzige Land, in dem während des Lockdowns kein Alkohol verkauft werden darf. Verletzte Menschen nach Schlägereien und Verkehrsunfällen unter Alkoholeinfluss würden Betten in Krankenhäusern blockieren, so die Regierung. Selbst der Nationale Rat der Spirituosenhändler sieht das ein. Lucky Ntimane fordert maßvolles Trinken.

"Alkoholmissbrauch ist doch schon immer ein Thema hier. Das Problem wurde nie gelöst. Nur als Beispiel: In Tschechien wird zehn Mal mehr getrunken als in Südafrika, aber Alkoholmissbrauch gibt es dort nicht. Wir Spirituosenhändler sagen: Das Problem war immer schon der Verbraucher."

 Hohe Spenden- und Hilfsbereitsschaft

Generell geht die Angst um in den Städten, Covid-19 ist ein richtiges Schreckgespenst für viele. Es bringt Hunger mit sich, weil Hunderttausende keine Gelegenheitsjobs mehr haben und kein Geld verdienen.

Aber die Spendenbereitschaft im Land ist enorm. Die Behörden - allen voran Bandile Masuku von der Provinzregierung Gauteng - betonen, wenn jemand krank werden würde, würde niemandem medizinische Hilfe verweigert werden.

"Unser Gesundheitssystem ist nicht perfekt, aber wir arbeiten daran. Ich bin sicher, dass unser System, so kaputt es auch ist, widerstandsfähig ist. Es kann uns da durchbringen."

Dass hoffen alle in Südafrika, denn das Land ist noch lange nicht auf dem Höhepunkt der Epidemie angekommen. Virologen rechnen erst Ende August bis Anfang September damit.

Mehr als 5000 Tote? Südafrika in den Wirren von Covid-19
Jana Genth, ARD Johannesburg
20.07.2020 12:14 Uhr

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Über dieses Thema berichtete MDR aktuell am 20. Juli 2020 um 13:36 Uhr.

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