Abend an der Sunpromenade in Malmö (Mai 2020) | Bildquelle: Johan Nilsson/EPA-EFE/Shuttersto

Schwedens Sonderweg Der hohe Preis des geringen Wirtschaftseinbruchs

Stand: 24.08.2020 07:43 Uhr

Schwedens Wirtschaft hat die Corona-Pandemie bislang besser überstanden als fast alle anderen europäischen Staaten. Aber ist das eine gute Nachricht? Das Land zahlt womöglich einen hohen Preis dafür.

Von Elena Kuch, Steven Galling und Jan Lukas Strozyk, NDR

Schweden hat von Beginn an anders auf das Coronavirus reagiert als die meisten anderen europäischen Länder. Als in Deutschland Schulen und Kindergärten geschlossen wurden, blieben in Schweden fast alle Bildungseinrichtungen geöffnet. Auch in Ladengeschäften und der Gastronomie ging der Betrieb ohne große Einschränkungen weiter. Nur Großveranstaltungen mit mehr als 50 Teilnehmern wurden untersagt.

Die Wirtschaft brach dennoch ein: Wie die nationale Statistikbehörde Anfang August mitteilte, ging das Bruttoinlandsprodukt (BIP) zwischen April und Juni um 8,6 Prozent im Vergleich zum vorangegangenen Quartal zurück. Und doch steht das Land damit besser da als Deutschland. Hier ist das BIP laut statistischem Bundesamt im zweiten Quartal dieses Jahres um rund zehn Prozent eingebrochen. Europaweit liegt der Wert sogar bei fast zwölf Prozent Minus.

Der Mann hinter Schwedens Corona-Strategie ist Staats-Epidemiologe Anders Tegnell. Sein Konzept: die Ausbreitung des Virus verlangsamen, aber mit möglichst geringen Einschränkungen. "Schulschließungen und Ausgangssperren sind sehr harte Maßnahmen, die jetzt in vielen Teilen der Welt angewendet werden. Natürlich muss man fragen, ob so etwas das Richtige ist", sagte Tegnell.

Systematisches Vorgehen mit anderer Gewichtung

Er setzte stattdessen auf die Eigenverantwortung der Bürger. Tegnell empfahl den Schweden, Abstand einzuhalten und Hygieneregeln zu beachten. Verpflichtende Regeln, etwa zum Tragen von Masken, hat das Land nicht erlassen.

Schwedens Weg sei aber keineswegs planlos gewesen, erklärt Ilona Kickbusch, Gründerin des Global Health Center und Beraterin der Weltgesundheitsorganisation WHO. "Was wir jetzt in der Öffnungsphase machen, hat Schweden konsequent durchgehend gemacht", sagt sie im Interview mit dem NDR - etwa in Bezug auf die Schulen.

Das sei von Beginn an ein systematisches Vorgehen gewesen - nur eben mit einer anderen Gewichtung als in Deutschland. Die Entscheidungen müsse man auch im Kontext sehen, so Kickbusch. Die schwedische Gesellschaft sei "sehr geordnet" und baue auf "einer langen Tradition eines schwedischen Wohlfahrtsstaates" auf, in dem Menschen ganz anders auf Empfehlungen des Staates reagierten.

Schwedens Staatsepidemiologe Anders Tegnell spricht auf einer Pressekonferenz in Stockholm. | Bildquelle: MAGNUS ANDERSSON/EPA-EFE/Shutter
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Schwedens Staatsepidemiologe Anders Tegnell war federführend für die Corona-Strategie des Landes zuständig.

Ilona Kickbusch, Leiterin des Global Health Program
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Ilona Kickbusch leitete das Global Health Program in Genf und berät die WHO.

Kritik an Umgang mit Seniorinnen und Senioren

Doch im Frühjahr breitete sich das Virus in Schweden schnell aus. Bis Ende April steckte sich geschätzt jeder fünfte Stockholmer an. Und blickt man auf die aktuellen Zahlen der Covid19-Infektionen, dann wird klar, welchen Preis das Land für die Freiheit offenbar bezahlt hat.

In Schweden haben sich laut offiziellen Statistiken bislang mehr als 85.000 Menschen infiziert, knapp 6000 sind gestorben. Bei rund zehn Millionen Schweden bedeutet das etwa 8500 Infizierte und 575 Tote pro eine Million Einwohner. Zum Vergleich: Auf eine Million Deutsche kommen etwa 2750 Infizierte und 110 Verstorbene (Stand: 21.08.). Im Sommer gingen allerdings in Schweden die Fallzahlen ebenfalls deutlich zurück. Doch Wissenschaftler befürchten, dass es auch dort einen erneuten Anstieg geben könnte.

Besonders betroffen sind in Schweden Seniorinnen und Senioren. Rund die Hälfte der knapp 6000 Menschen, die in Schweden bis Mitte August gestorben sind, lebten in Altenheimen. Kritiker bemängelten früh, dass man sich um die Menschen nicht ausreichend gekümmert habe. Anna Skarsjö ist Gewerkschafterin, setzt sich für Mitarbeitende in der Altenpflege ein: "Das größte Problem ist, dass es nicht genügend Schutzausrüstung gibt", sagte Skarsjö dem NDR bereits im Mai. "Und es gibt nicht ausreichend Personal, um sicherzustellen, dass wir die Krankheit so begrenzt wie möglich halten", so Skarsjö damals. Mittlerweile habe sich die Situation deutlich verbessert, sagte Skarsjö im August.

Der einzige Gewinner ist China

"Ein bisschen des ökonomischen Schadens wurde eingespart", so Gabriel Felbermayr, Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, zum schwedischen Weg. "Es ist eine gesellschaftspolitische Frage, was hat man dafür geopfert hat? Was kostet am Ende des Tages ein Prozent weniger Rezession?" Ob das die richtige Entscheidung gewesen sei, darüber müssten letztlich die Wähler entscheiden.

Ein abschließendes Fazit möchte der Ökonom ohnehin noch nicht ziehen. Sowohl für Deutschland als auch für Schweden ist die Pandemie nicht vorüber. Wirtschaftlich werden am Ende beide Staaten darunter leiden. "Der einzige Gewinner ist China. Das einzige Land, das in dieser Krise nicht massiv schrumpft", sagt Felbermayr mit Blick auf die großen Volkswirtschaften der Welt. Zwar erwarte er nicht, dass Chinas Wirtschaft so stark wachse, wie in den vergangenen Jahren, eher im Bereich von zwei Prozent. Aber "der Rest ist in einer tiefen Rezession", so Felbermayr.

Über dieses Thema berichtete der Weltspiegel am 19.07. 2020 um 19:19 Uhr.

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Elena Kuch, NDR

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Jan Strozyk, NDR | Bildquelle: NDR/Christian Spielmann Logo NDR

Jan Lukas Strozyk, NDR

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