Bei Italiens Rechtspopulist Salvini wird vor einem Meeting die Temperatur gemessen | Bildquelle: PASQUALE BOVE/EPA-EFE/Shuttersto

Spanien, Italien und Frankreich Wo auch Rechtspopulisten Masken tragen

Stand: 31.08.2020 16:07 Uhr

Wütender Protest gegen Corona-Maßnahmen: In Spanien, Italien und Frankreich ist das kaum vorstellbar. Auch Regierungsgegner erinnern sich nur zu deutlich an die verheerenden Bilder vom Frühjahr. Ein Überblick der ARD-Korrespondenten.

Spanien: Ein Popstar ruft zu Demos auf

In Spanien ist der Schrecken der Pandemie viel gegenwärtiger als in Deutschland. Fast jeder Spanier kennt jemanden, der schwer an Covid-19 erkrankt oder im Zusammenhang mit dem Virus gestorben ist. Daher zweifeln nur wenige die Corona-Politik der Regierung an - obwohl die Auflagen des Staates so streng waren wie in kaum einem anderen Land Europas. Im Frühjahr galt für rund zwei Monate eine Ausgangssperre: Die Menschen durften ihre Wohnung praktisch nur verlassen, um zur Arbeit oder zum Einkaufen zu gehen.

Zu vereinzelten Demonstrationen gegen die Maskenpflicht in Madrid kamen höchstens 2000 bis 3000 Menschen. Die Teilnehmer gehören politisch eher dem rechten Spektrum an, wobei rechte bis ultrarechte Parteien die Kritik an den Corona-Maßnahmen nicht zu einem ihrer Themen gemacht haben. Spitzenpolitiker dieser Parteien tragen Mundschutz in der Öffentlichkeit und greifen die Regierung höchstens an, weil sie ihr die hohen Opferzahlen vorwerfen und eine konsequentere Corona-Politik für nötig gehalten hätten.

Auch Spanien hat prominente Corona-Skeptiker, zum Beispiel den Popsänger Miguel Bosé. Er ruft über die sozialen Netzwerke hin und wieder zu Demonstrationen gegen die Corona-Auflagen auf, zu denen er selbst dann oft gar nicht erscheint. Bemerkenswert dabei: Bosés Mutter war im Frühjahr selbst an den Folgen einer Covid-19-Erkrankung gestorben.

Die Protestaktionen in Deutschland haben in spanischen Medien in den vergangenen Wochen eher Kopfschütteln ausgelöst. Zeitungen schrieben vom "Marsch der Leugner" oder der "Unverantwortlichkeit in Berlin". Und immer wieder wundern sich die spanischen Journalisten über die Zusammensetzung der Demo-Teilnehmer: dass Familien, Verschwörungstheoretiker, linke Systemkritiker und Neonazis gemeinsam auf die Straße gehen.

Oliver Neuroth, ARD-Studio Madrid

Menschen in Barcelona mit Mundschutz | Bildquelle: REUTERS
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In Barcelona gehört der Mundschutz auf den Straßen zum Alltag.

Italien: Rückhalt für die Regierung

Menschenmengen, die gegen die Corona-Maßnahmen protestieren, versuchen, das Parlament zu stürmen - in Italien wäre das momentan undenkbar. Große Demonstrationen gegen die Maskenpflicht oder die Quarantäne-Vorschriften gibt es kaum, Ministerpräsident Giuseppe Conte bekommt immer noch verhältnismäßig gute Zustimmungswerte für seine Politik. Das alles könnte daran liegen, dass vielen Italienern die Bilder aus dem Frühjahr noch deutlich in Erinnerung sind: Särge, die in Kirchen gelagert wurden, Militärfahrzeuge, die die Toten aus dem norditalienischen Bergamo in andere Städte transportieren mussten, weil das dortige Krematorium überlastet war.

Italien war im europäischen Vergleich im Frühjahr besonders stark von der Pandemie betroffen, monatelang durften die Italiener ihre Wohnungen kaum noch verlassen. Auch die Angst, dass sich dieser sogenannte Lockdown wiederholen könnte, dürfte dazu beitragen, dass es vergleichsweise wenig Gegenwehr gegen die Maßnahmen der Regierung gibt. Das bedeutet aber nicht, dass sich alle an die Maskenpflicht im öffentlichen Nahverkehr oder in den Restaurants halten oder überhaupt die Corona-Maßnahmen der Regierung unterstützen.

Oppositionsführer Matteo Salvini von der rechten Lega versucht offenbar, diese Menschen für sich zu gewinnen, indem er sich immer wieder ohne Mund-Nasenschutz zeigt, Sicherheitsabstände nicht einhält und sich für weitere Lockerungen der Corona-Regeln einsetzt. Gleichzeitig weist aber auch er immer wieder auf die Gefährlichkeit des Virus hin und ruft Menschen dazu auf, umsichtig zu handeln.

Und es gibt auch wirkliche Corona-Leugner in Italien: Ein Extrembeispiel ist der Bürgermeister von Sutri, einem Ort in Mittelitalien, der von Anfang an die Hygienemaßnahmen der Regierung kritisiert hat: Er hat mittlerweile verboten, auf dem Gemeindegebiet einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen, wo es nicht gesetzlich vorgeschrieben ist. Die offizielle Begründung: Anti-Terror-Maßnahmen. Nur Diebe und Terroristen verdeckten das Gesicht, so der Bürgermeister.

Lisa Weiß, ARD-Studio Rom

Polizistin in Rom spricht unter Mundschutz mit Touristen | Bildquelle: AFP
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Seit Mitte August ist auf öffentlichen Plätzen in Italiens Öffentlichkeit das Tragen von Mundschutz Pflicht

Frankreich: Protest fast ausschließlich im Netz

Über die Berliner Demonstration der Maskengegner wurde in den französischen Medien breit berichtet - nicht ohne eine gewisse Verwunderung über die sonst wenig protestfreudig empfundenen Deutschen. In Paris gab es am Samstag auch einen Aufruf zum Protest gegen die Coronaschutzmaßnahmen. Aber es kamen nicht Zehntausende, sondern nur wenige hundert.

Die Maskengegner, es gibt sie auch in Frankreich. Aber die Bewegung ist kaum organisiert, es gibt keine bekannten, oder gar anerkannten Wortführer. Der Protest spielt sich fast ausschließlich im Netz ab. Zum Beispiel in der Facebook-Gruppe gegen die Maskenpflicht. Dort äußern sich Verschwörungstheoretiker, die in allem ein Komplott der Pharmaindustrie oder der Politiker zur Errichtung einer Diktatur sehen, Impfgegner, Rechtsradikale und extremistische Umweltschützer. Aber die Gruppe hat nicht einmal zehntausend Mitglieder - lächerlich wenig für das sonst so protestbereite Frankreich. Die Gelbwesten konnten Millionen über Facebook mobilisieren.

Eine große Mehrheit der Franzosen steht hinter der Maskenpflicht, die mittlerweile in Paris und vielen weiteren Städten sogar im Freien gilt. Das hat sicher damit zu tun, dass Frankreich im Frühjahr viel stärker als Deutschland von der Epidemie getroffen wurde und die Intensivstationen überlastet waren. Damals hatte die Regierung - wohl wissend, dass keine Masken verfügbar waren - einen Mund-Nasen-Schutz für sinnlos erklärt. Das wird ihr heute noch als bewusste Lüge vorgehalten. Auch von Rechtsaußen. Im Unterschied zur AfD in Deutschland hat Marine Le Pen, die Chefin des Rassemblement national, immer eine Maskenpflicht und schärfere Corona-Schutzmaßnahmen gefordert.

Martin Bohne, ARD-Studio Paris

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Kaum Proteste gegen Maskenpflicht in Frankreich

Martin Bohne, ARD Paris
31.08.20 16:37 | audio

Über dieses Thema berichtete B5 aktuello am 31. August 2020 um 18:32 Uhr.

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