Ein Polizeibeamter gestikuliert in Richtung eines Fotografen, während Menschen in einer Schlange stehend auf einen Corona-Test warten. | REUTERS

Coronavirus-Pandemie Angst bestimmt den Alltag in Peking

Stand: 19.06.2020 08:31 Uhr

Die offizielle Zahl der Corona-Neuinfektionen liegt zwar nur im niedrigen zweistelligen Bereich. Doch in Peking herrscht Angst vor einer zweiten Virus-Welle. Die Behörden reagieren nervös und massiv.

Von Axel Dorloff, ARD-Studio Peking

Die Schulen in Peking sind alle wieder geschlossen worden, obwohl sie gerade erst nach rund vier Monaten geöffnet hatten. Mehr als Tausend Flüge pro Tag von und nach Peking sind gestrichen. Die Kontrollen in der Stadt - wie das ständige Fiebermessen - werden verschärft.

Axel Dorloff ARD-Studio Peking

Der 32-jährige Ben Mengmeng hat gerade einen Corona-Test gemacht. Die Voraussetzung, dass man die Stadt Peking überhaupt verlassen darf. "Es ist nicht so, dass ganz Peking abgeriegelt wird, aber die Kontrolle könnte jetzt für längere Zeit strikter sein", sagt er. "Sie können Peking gar nicht wie Wuhan total blockieren." Aber die Behörden beschränkten den Zutritt zu Wohnblocks, Nachbarschaften und Arbeitseinheiten. Jeden Tag Temperaturmessungen, alle Regeln müssten eingehalten werden, beschreibt er die Situation: "Das Virus wird vermutlich noch länger unter uns bleiben. Wir müssen wachsam sein."

Keine 30 Neuinfektionen pro Tag

Wachsam bis nervös reagieren auch die Behörden. Die Maßnahmen wegen des neuen Corona-Ausbruchs auf einem Lebensmittel-Großmarkt vor einer Woche sind - gemessen an den offiziellen Zahlen - weitreichend bis radikal. Heute morgen haben die Behörden für Peking 25 bestätigte Neuinfektionen vermeldet, gestern waren es 21.

Kevin Wang arbeitet für eine Kosmetikfirma, der 52-jährige hat Angst vor einem zweiten Lockdown. "Ich kann jetzt nur noch innerhalb Pekings arbeiten, Dienstreisen ins Ausland oder auch innerhalb Chinas sind alle gecancelt. Die Epidemie ist für Mega-Städte wie Peking ein sehr schwerer Schlag, vor allem für Restaurants, Fitness-Clubs, dort, wo sich viele Menschen sammeln. Auch jetzt hat wieder Vieles geschlossen. Und der neue Ausbruch der Epidemie hat die Zuversicht der normalen Leute stark gedämpft. Alle haben wieder Angst auszugehen."

Mehr als eine Million getestet

Die offiziellen Zahlen rechtfertigen es bislang nicht, von einer zweiten Welle zu sprechen. Aber es ist die Angst vor dieser zweiten Welle, die trotzdem den Alltag in Peking bestimmt.

Mehr als eine Million Bewohner der Stadt sind bereits auf das Coronavirus getestet worden. Als Quelle des Ausbruchs gilt weiter der Xinfadi-Markt im Süden von Peking, die meisten Infizierten waren zuletzt dort.

Am meisten Fälle in gekühlten Bereichen

Wu Zunyou, Chef-Epidemiologe an Chinas Zentrum für Seuchenkontrolle und -prävention, erklärt: "Für die bestätigten Covid-19-Fälle haben wir herausgefunden, dass die meisten im Bereich der Fisch- und Meeresfrüchte gearbeitet haben. Ein großer Teil kommt auch aus der Fleischabteilung. Wir nehmen deshalb auch an, dass niedrige Temperaturen und hohe Luftfeuchtigkeit die Verbreitung des Coronavirus begünstigen."

Der Ausbruch in Peking sei aber unter Kontrolle, so Wu Zunyou weiter. Trotzdem wurde der Markt geschlossen, der Marktchef gefeuert.

Oberste politische Priorität

Die Reaktionen auf das lokale Corona-Cluster sind auch deshalb so massiv, weil die Ausrottung des Coronavirus politisch oberste Priorität hat. In fast allen chinesischen Provinzen gibt es keine Neuinfektionen mehr. Genau das will die Kommunistische Partei erreichen, erst Recht in der Hauptstadt Peking.

Das ganze Narrativ der chinesischen Staatsmedien baut in den vergangenen Monaten darauf auf, dass China das Virus erfolgreich besiegt hat, unter der stringenten Führung von Staats- und Parteichef Xi Jinping. Zweifel daran sollen gar nicht erst aufkommen.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 19. Juni 2020 um 09:00 Uhr.