Virologe Christian Drosten bei Bundespressekonferenz in Berlin | REUTERS

Neue Corona-Variante Drosten zeigt sich "nicht sehr besorgt"

Stand: 21.12.2020 09:00 Uhr

Auf die Angst vor der Ausbreitung der in Großbritannien entdeckten neuen Corona-Variante reagieren Experten zurückhaltend. Man müsse weitere Erkenntnisse abwarten. Die Wirksamkeit der Impfstoffe sehen die Wissenschaftler nicht gefährdet.

Auf die Berichte über die in Großbritannien entdeckte neue und angeblich deutlich ansteckendere Variante des Coronavirus hat der Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité zurückhaltend reagiert. Seiner Einschätzung nach könnte die Mutation zwar bereits in Deutschland angekommen sein. Er sei deshalb aber "nicht sehr besorgt", sagte der Forscher im Deutschlandfunk. Er wolle die Lage allerdings auch nicht verharmlosen und sei - wie alle anderen auch - in einer "etwas unklaren Informationslage".

Die Angabe über eine 70-prozentige höhere Ansteckungsrate im Vergleich zur Ursprungsvariante sei ein Schätzwert, so Drosten. Man müsse weitere Informationen aus Großbritannien im Laufe der Woche abwarten. Er erwarte aber nicht, dass die veränderte Virus-Art Impfstoffe weniger effektiv mache.

In Deutschland bisher kein Nachweis

Alarmierter hatte sich gestern SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach gezeigt. Im "Bild"-Talk warnte er vor einem schnellen Vordringen der neuen Corona-Variante nach Deutschland. "Wenn es jetzt käme, wo wir mitten in der zweiten Welle sind, wo wir so hohe Fallzahlen haben, wäre das eine Katastrophe." Die Wahrscheinlichkeit, dass die Mutation über kurz oder lang nach Deutschland komme, bezifferte Lauterbach auf 100 Prozent.

Den Angaben von Gesundheitsminister Jens Spahn zufolge ist die neue Virus-Variante in Deutschland bisher nicht nachgewiesen worden. In einzelnen anderen Ländern gab es aber bereits Infektionsfälle, darunter Italien, Dänemark, die Niederlande und Australien. In Südafrika war eine ähnliche Virus-Mutation wie in Großbritannien aufgetreten.

Viele Länder, darunter auch Deutschland, haben die Verkehrsverbindungen mit Großbritannien gekappt. Für diese Maßnahme zeigte Drosten angesichts der "äußerst erhitzten Nachrichtenlage" Verständnis. "Im Moment ist das, was aus England kommt, mit einem ganz schönen Alarm versehen", sagte er.

Experten: Impfstoffe weiterhin wirksam

Nach der Entdeckung der Virus-Mutation hatte der britische Premierminister Boris Johnson betont, es gebe keine Hinweise darauf, dass sie schwerere Krankheitsverläufe oder eine höhere Sterblichkeitsrate auslöse oder dass Impfstoffe gegen die Mutation weniger effektiv seien.

Experten stimmen dem bislang zu. Im Hinblick auf die Wirksamkeit der Impfung sagte Richard Neher vom Biozentrum der Universität Basel, er sehe derzeit keinen Grund für Alarm. Auch Andreas Bergthaler von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (CeMM), hält die derzeitige Entwicklung nicht für "wahnsinnig alarmierend". Dass Mutationen auftauchen, sei nicht ungewöhnlich. Derzeit wisse man nicht, ob die beobachteten Veränderungen die Eigenschaften des Erregers überhaupt entscheidend beeinflussen.

Die Forscher betonten, dass der Impfstoff eine Immunreaktion gegen gleich mehrere Virusmerkmale erzeugt. Veränderungen einzelner Merkmale würden deshalb nicht dazu führen, dass das Immunsystem den Erreger nicht mehr erkenne, sagte Neher. Man müsse die weitere Dynamik genau beobachten.

Viele Veränderungen bei Mutation

Ersten Analysen britischer Wissenschaftler zufolge verfügt die neue Variante über ungewöhnlich viele genetische Veränderungen, vor allem im Spike-Protein. Dieses Protein sitzt auf der Oberfläche des Virus. Der Erreger benötigt es, um in die menschlichen Zellen einzudringen.

Gestern hatte der Virologe Drosten auf Twitter darauf hingewiesen, dass die Mutationen dem Virus nicht zwingend einen Vorteil gegenüber anderen Varianten des Coronavirus verschafften.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 21. Dezember 2020 um 10:00 Uhr.