Eine Frau geht in Madrid an einem Geschäft vorbei, das Masken verkauft | Bildquelle: AP

Corona-Krise in Spanien Und wieder ist es Madrid

Stand: 29.08.2020 00:46 Uhr

Wie schon im Frühjahr ist auch jetzt wieder Madrid der Ort in Spanien, an dem es die meisten Corona-Neuinfektionen gibt. Betroffen sind vor allem Arbeiterviertel - was kein Zufall ist.

Von Marc Dugge, ARD-Studio Madrid

Fast scheint es so, als gebe es hier etwas umsonst - und gewissermaßen stimmt es ja auch. Menschen stehen Schlange am Gesundheitszentrum von Fuenlabrada, einem Vorort im Süden von Madrid. Sie sind dem Aufruf gefolgt, sich kostenlos auf Corona testen zu lassen - auch wenn sie keine Symptome haben.

"Wir machen hier PCR-Abstriche, um in der Bevölkerung jene zu finden, die infiziert sind aber keinerlei Krankheitssymptome zeigen", sagt Antonio Zapatero, Vize-Gesundheitsminister der Region Madrid, und fügt an: "Diese Menschen hier sind alle symptomfrei."

Die Sorge ist, dass sich einige dieser Menschen angesteckt haben, ohne es zu wissen, und so andere infizieren. Die Tester waren die ganze Woche über im Süden von Madrid unterwegs. Je nach Gemeinde nahmen sie zwischen 400 und mehr als 1500 Proben. Am Freitag gab es offiziell noch keine Ergebnisse.

Corona-Teststation im Madrider Stadttail Fuenlabrada | Bildquelle: Rodrigo Jiménez/EPA-EFE/Shutters
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In Fuenlabrada können sich Menschen gratis auf Corona testen lassen - auch ohne Symptome.

Viele pendeln durch die halbe Stadt zur Arbeit

Es sind überwiegend Arbeiterviertel wie Fuenlabrada, die derzeit für die schlechten Zahlen verantwortlich sind. Hier wohnen Menschen oft auf engem Raum zusammen. Am Laptop im Homeoffice zu arbeiten - diesen Luxus können sich hier nur die wenigsten erlauben.

Viele, die hier leben, müssen oft durch die halbe Stadt fahren, um ihr Geld zu verdienen. Daher hat Zapatero die Sorge, dass das Virus bald in weiteren Vierteln um sich greifen könnte. Keine Stadt macht spanischen Epidemiologen derzeit so viele Sorgen wie Madrid. Aber auch im Rest von Spanien sieht es nicht gut aus.

"Gut möglich, dass eine viel größere Welle bevorsteht"

"Es ist offensichtlich, dass die Lage nicht gut ist", sagt Quique Bassat, Epidemiologe aus Barcelona. "Die Infektionszahlen steigen - und zwar auf eine Art und Weise, die es unmöglich erscheinen lässt, dass wir das mit den derzeitigen Mitteln eindämmen können. Es ist gut möglich, dass uns noch eine viel größere Infektionswelle bevorsteht."

Von Donnerstag auf Freitag wurden mehr als 3800 neue Fälle in Spanien gemeldet. Es wird allerdings auch weit mehr getestet. Und es sind vor allem junge Menschen betroffen, die in der Regel milde Krankheitsverläufe haben. Die Krankenhäuser von Madrid füllen sich zwar wieder langsam mit Corona-Patienten, die Lage sei aber nicht vergleichbar mit der Situation vom Frühjahr, als die Krankenhäuser überfüllt waren, so Antonio Zapatero.

Konservative Regionalregierung hatte Druck gemacht

Und was hätte Madrid im Rückblick besser machen können? "Ich glaube, Madrid ist zu schnell wieder zur Normalität zurückgekehrt." Zwar habe es drei Monate Ausgangssperre gegeben, die Wirtschaft habe gelitten, "aber die Öffnung ging zu schnell." Jetzt hänge es "sehr vom Verhalten der Bevölkerung ab, dass die Zahlen nicht weiter steigen", so der Minister der Regionalregierung.

Dabei war es vor allem die konservative Regionalregierung von Madrid, die damals Druck machte, die Beschränkungen möglichst schnell zu lockern. Die Opposition wirft der Regierung vor, sich kaum auf eine zweite Infektionswelle vorbereitet zu haben: Statt mit Hochdruck an einer Strategie zu feilen und Ressourcen zu schaffen, habe die Regierung es schleifen lassen.

Tatsächlich fehlt es heute in Madrid beispielsweise an "tracern" - also an Menschen, die Infektionsketten nachverfolgen. Irgendwann war die Regionalregierung gezwungen an den Universitäten nach Freiwilligen zu suchen, die diese Arbeit übernehmen. Wahrscheinlich werden jetzt entsprechend geschulte Soldaten zur Hilfe kommen.

"Man hätte es nicht so weit kommen lassen müssen"

Schon appelliert die Region an die Bewohner der betroffenen Viertel, möglichst zu Hause zu bleiben und nur in Ausnahmefällen das Haus zu verlassen. Viele, die hier in der Schlange stehen, glauben, dass das nur die Vorstufe für eine neue Ausgangssperre ist: "Ich denke wir sind auf dem besten Weg dahin", sagt eine Frau und fügt an: "Wenn das dazu dient, Sicherheit für alle zu bringen, dann ist das eben so. Aber ich denke, man hätte es nicht so weit kommen lassen müssen."

Ein Mann meint hingegen, Spanien werde in den Abgrund gleiten, falls es eine weitere Ausgangssperre geben sollte. "Ich glaube nicht, dass das passieren wird. Wenn, dann vielleicht für einzelne Viertel. Viele Leute können es sich einfach nicht leisten, zu Hause bleiben. Wenn sie gesund sind und sich an die Regeln halten, sollen sie arbeiten gehen. Sonst ist Spanien bald ein totes Land."

Die Regionalregierung sieht das offenbar ähnlich: Sie will eine neue Ausgangssperre für Madrid unbedingt vermeiden. Doch wenn die Zahlen weiter so ansteigen wie bisher, könnten die Einschränkungen wieder deutlich weitreichender werden.

Und wieder Madrid: Die Stadt ist erneut im Corona-Krisenmodus
Marc Dugge, ARD Madrid
28.08.2020 23:39 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 29. August 2020 um 09:08 Uhr.

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