Eine Krankenschwester versorgt einen an COVID-19 Erkrankten im Krankenhaus Bichat in Paris (Archivbild: März 2020) | AFP

Corona-Krise in Frankreich "Die Situation ist dramatisch"

Stand: 14.10.2020 19:24 Uhr

Fast 27.000 neue Fälle an einem Tag zuletzt - Frankreich ist von der zweiten Welle der Corona-Pandemie voll erfasst worden. Intensivmediziner sehen schwere Zeiten auf die Kliniken des Landes zukommen.

Von Marcel Wagner, ARD-Studio Paris

Professor Jean Francois Timsit kann der Pandemie quasi den Puls fühlen. Er ist Leiter der Intensivstation im Pariser Hôpital Bichat - dort füllen oder leeren sich seit Monaten die Betten, je nach Stand der Corona-Fallzahlen. Für die aktuelle Lage findet Timsit am Telefon deutliche Worte: "Die Situation ist dramatisch. Es ist offensichtlich, dass wir wieder auf einen starken Anstieg der Patientenzahlen zusteuern."

Marcel Wagner ARD-Studio Paris

Sechzehn seiner zwanzig Intensivbetten seien bereits jetzt von Covid-Patienten belegt, erzählt der Lungenspezialist. Angesichts der Zahlen von fast 27.000 neuen Fällen in Frankreich allein am vergangenen Freitag und der daraus zeitversetzt resultierenden schweren Verläufe seien die Prognosen düster:

Wir können quasi mit Sicherheit davon ausgehen, dass die Intensivstationen insgesamt in gut zehn Tagen zu rund 60 Prozent belegt sein werden. Ich wüsste nicht, wie wir das verhindern sollten.
Lerrer Platz vor dem Eingang des Louvre in Paris | AP

Im Gespräch ist derzeit unter anderem eine nächtliche Ausgangssperre für besonders von steigenden Infektionszahlen betroffene Großstädte wie Paris. Bild: AP

Steigende Belastung in Krankenhäusern

Dabei gehört Timsit längst nicht zu denen, die schwarzmalen. Die Therapien hätten sich seit dem Frühjahr deutlich verbessert, die Liegezeiten der Patienten auf der Intensivstation verkürzt, lobt der Professor. Allerdings hätten sich auch andere Dinge geändert: Patienten würden mit anderen Krankheiten als Covid-19 - anders als im Frühjahr - die Krankenhäuser nicht mehr meiden, dadurch steige die Belastung.

Und die Anerkennung für die Leistungen der Mitarbeiter des Gesundheitssystems sei offenbar aufgebraucht: "Wir haben den Eindruck, dass die Leute auf der Straße mittlerweile eher sagen: 'Die sollen uns endlich mit ihren Problemen im Gesundheitssystem in Ruhe lassen. Wir wollen einfach leben.'"

Ausgelaugtes Pflegepersonal

Dass einige Gewerkschaften den Gesundheitssektor morgen zu Protesten und Streiks aufgerufen haben, kann der Arzt nachvollziehen. Die Stimmung in den Krankenhäusern sei schlecht, die Leute ausgelaugt, die Versprechungen der Politik nach der ersten Corona-Welle bis jetzt fast nur Lippenbekenntnisse.

All diese Probleme sitzen Präsident Emmanuel Macron im Nacken. Ein Aufruf zu mehr Disziplin reicht nicht, glaubt Lungenspezialist Timsit:

Die Leute respektieren die Regeln oft eher schlecht. Zum einen, weil sie die Folgen nicht gut genug kennen. Zum anderen aber auch, weil viele glauben, sie würden über dem Gesetz stehen und sagen: Ist doch nicht so schlimm, wenn ich nicht immer alle Regeln einhalte.

Nächtliche Ausgangssperre für betroffene Großstädte könnte helfen

Allein Paris hat aktuell eine Inzidenzrate von weit über 400 Fällen pro 100.000 Einwohner. Die nun beschlossenen nächtlichen Ausgangssperre in solch besonders betroffenen Großstädten sind für Timsit ein guter Ansatz: Denn wirtschaftlich sei eine Ausgangssperre einigermaßen günstig zu haben. "Und auch ich bin mir durchaus bewusst, dass wir statt an Covid irgendwann an Hunger oder Trostlosigkeit sterben, wenn das Land wieder komplett stillsteht. Man muss also irgendwie ein Gleichgewicht finden."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 14. Oktober 2020 um 18:19 Uhr.