Landschaft Kleinwalsertal | Bildquelle: SuiteHOTEL Ferienhotel Hirschegg

Protest gegen Reiseregelungen Wenn trotz null Corona-Fällen gewarnt wird

Stand: 03.10.2020 13:35 Uhr

Für Hoteliers sind Corona-Reisewarnungen eine Katastrophe. Besonders bitter wird es, wenn es vor Ort gar keine Corona-Fälle gibt, wie etwa im österreichischen Kleinwalsertal. Dort hat man protestiert - mit Erfolg.

Von Holger Schwesinger, tagesschau.de

"Es sind genau null Zimmer belegt", sagt Fried-Jochim Störmer. Er führt das "Suitehotel" im Kleinwalsertal und hat seit dem 23. September ein massives Problem. Denn an dem Tag sprach Deutschland für das österreichische Bundesland Vorarlberg eine Reisewarnung aus - und das Kleinwalsertal liegt in eben diesem Bundesland.

"Unsere Gäste haben daraufhin fluchtartig unser Haus verlassen, alle bestehenden Buchungen wurden zudem umgehend storniert", so Störmer Mitte der Woche im Gespräch mit tagesschau.de. "Wir konnten nicht anders und haben unser gesamtes Personal gekündigt. Anders können wir mit den Kosten nicht umgehen."

Die einzige Straße ins Tal kommt aus Deutschland

Was Störmer und viele andere in dem Tal am Nordrand der Alpen besonders geärgert hat: Die Reisewarnung wurde pauschal anhand administrativer Grenzen für das gesamte Bundesland ausgesprochen - ohne Rücksicht auf geografische Besonderheiten und die tatsächliche Corona-Lage.

Im Kleinwalsertal gab es seit Beginn der Pandemie nach Angaben der Behörden genau drei Corona-Fälle, aktuell gibt es dort keinen einzigen. Und mit Österreich hat das Tal - zumindest geografisch - eher wenig zu tun. Denn es ist eine sogenannte Enklave: Eine Kette von bis zu 2500 Meter hohen Bergen trennt es vom Rest der Alpenrepublik, die einzige Straße ins Tal kommt aus Oberstdorf - und das liegt in Deutschland.

Übersichtskarte Kleinwalsertal | Bildquelle: ARDaktuell
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Das Kleinwalsertal gehört zum österreichischen Bundesland Vorarlberg, ist aber nur über eine Straße aus Deutschland erreichbar.

Im Frühjahr waren die Walser in ihrem Tal eingeschlossen

Diese besondere Situation hat den rund 5000 Einwohnern der vier Dörfer im Tal während der Corona-Pandemie schon mehrfach das Leben schwer gemacht. Im März dieses Jahres waren sie sogar plötzlich mit etwas konfrontiert, was man dort seit vielen Jahrzehnten de facto nicht mehr kannte: einer Grenze.

Denn wegen der besonderen Lage ist das Tal seit 1891 Zollausschlussgebiet - und damit wirtschaftlich an Deutschland angeschlossen. Gezahlt wurde vor dem Euro nicht mit Schilling, sondern mit D-Mark, Grenzkontrollen an der Straße nach Oberstdorf gab es nicht. Im Frühjahr 2020 war die Grenze dann plötzlich komplett zu - und die Einwohner durften ihr Tal nur noch in wenigen Ausnahmefällen verlassen.

Landschaft Kleinwalsertal | Bildquelle: SuiteHOTEL Ferienhotel Hirschegg
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Die gut 5000 Menschen im Kleinwalsertal (Archivbild) leben fast ausschließlich vom Tourismus. Entsprechend hart trifft sie eine Reisewarnung.

"Es droht ein wirtschaftlicher Totalschaden"

Entsprechend emotional war die Reaktion auf die Reisewarnung im September. Es drohe ein "wirtschaftlicher Totalschaden", so formulierte es Andi Haid, der Bürgermeister der Gemeinde Mittelberg im Kleinwalsertal. Denn das Tal lebt fast ausschließlich vom Tourismus.

Die Branche startete eine Online-Petition, die mehr als 10.500 Unterstützer fand. Und selbst Bundesminister Gerd Müller schaltete sich ein - freilich nicht in seiner Funktion als Minister für Entwicklungspolitik sondern als CSU-Abgeordneter, der seinen Wahlkreises im benachbarten Oberallgäu hat.

Das hatte Erfolg: Gestern Abend wurde die Einstufung als Risikogebiet für das Kleinwalsertal wieder aufgehoben - ebenso wie für die kleine Gemeinde Jungholz, die zu Tirol gehört aber auch nur von Deutschland aus erreichbar ist. "Es freut mich sehr, dass nach langem Ringen und Argumentieren jetzt die Gemeinden des Kleinwalsertals wie auch die Gemeinde Jungholz aus der Risikowarnung ausgenommen werden", so der Kommentar von Bundesminister Müller dazu.

Ähnliche Regelung für die gesamte Grenzregion?

Er fordert allerdings, die Regelungen für die gesamte Grenzregion zwischen Deutschland und Österreich auf den Prüfstand zu stellen. Denn das Problem, dass auch Gebiete von einer Reisewarnung betroffen sind, in denen es kaum Corona-Fälle gibt, stellt sich nicht nur im Kleinwalsertal.

Unsicherheit Problem für die Reisebranche

Der deutsche Reiseverband fordert schon länger eine Einstufung, die sich nicht an administrativen Grenzen orientiert sondern an der Lage vor Ort. Verbandspräsident Norbert Fiebig nennt als Beispiel die zu Spanien gehörende Inselgruppe der Kanaren: "Vor Reisen auf alle Kanarischen Inseln zu warnen, wenn lediglich eine der sieben Inseln den kritischen Grenzwert übersteigt, ist in keiner Weise sachgerecht oder maßvoll", so Fiebig.

Eine Reisewarnung ist zwar kein Reiseverbot. Doch wer trotz Warnung in einem Risikogebiet Urlaub macht, muss anschließend in Quarantäne. Es gebe bei allen Beteiligten "eine große Unsicherheit darüber, was geht und was nicht geht. Das ist für unsere Wirtschaft existenzbedrohend", so formuliert es Verbandschef Fiebig.

"In 48 Stunden lassen sich drei Gipfel besteigen"

Hotelier im Kleinwalsertal | Bildquelle: SuiteHOTEL Ferienhotel Hirschegg
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Hotelier Störmer kennt auch die Lücken in der Quarantäneregelung.

Das sieht Hotelier Störmer aus dem Kleinwalsertal ähnlich. "Es bleibt für uns ein Vabanquespiel, ob nicht doch wieder alles anders kommt. Wir würden uns wünschen, dass statt der pauschalen Reisewarnung ganzer Gebiete etwas zielgenauer geschaut wird, wo es wirklich hohe Infektionszahlen gibt."

Zur Aufhebung der Reisewarnung schreibt er per Mail: "Wir starten durch!" Für den Fall der Fälle kennt er aber auch die Lücken der Quarantäneregelung, auf die auch viele andere Hoteliers in Vorarlberg und Tirol ihre potenziellen Gäste hinweisen: Wer nicht länger als 48 Stunden zu Besuch war, für den entfällt in den meisten deutschen Bundesländern die Quarantäneverpflichtung. "Und in 48 Stunden lassen sich einige Kilometer wandern, mindestens vier Käsebrote essen und drei Gipfel besteigen."

Mitarbeit: Iris Marx, tagesschau.de

Über dieses Thema berichtete Bayern3 am 02. Oktober 2020 um 20:00 Uhr.

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Holger Schwesinger, tagesschau.de

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