Der britische Premierminister vor Downing Street 10 in London | Bildquelle: REUTERS

Corona-Krise in Großbritannien Johnson sieht Kurs als "Gratwanderung"

Stand: 04.10.2020 15:30 Uhr

Fit und entschlossen - so präsentierte sich der britische Premier Johnson bei einem BBC-Interview. Dem Land stehe ein schwieriger Winter bevor, er wolle aber unbedingt vermeiden, dass weitere Zehntausende Menschen sterben.

Der britische Premierminister Boris Johnson hat das Vorgehen der Regierung in der Corona-Krise verteidigt, gleichzeitig schwor er die Briten auf einen schwierigen Winter ein. Bis Weihnachten und vielleicht noch darüber hinaus könne es "holprig" werden, sagte Johnson in einem Interview mit der BBC. Man befinde sich auf einer Gratwanderung, bei der neue, schärfere Beschränkungen gegen eine Absicherung der Wirtschaft abgewogen werden müssten.

Kein rasches Ende der Pandemie

Gleichzeitig versicherte Johnson, er werde keinen Kurs ergreifen, durch den Zehntausende weitere Menschen sterben würden. Es gebe die moralische Verpflichtung, Leben zu schützen, aber andererseits müsse die Wirtschaft am Laufen gehalten werden. Und das gelte es abzuwägen, erklärte der britische Premier. Ein rasches Ende der Pandemie sei nicht in Sicht. Er verstehe, dass viele Bürger angesichts der Einschränkungen verärgert seien. "Aber wir müssen zusammenstehen", sagte Johnson.

Kritiker: ständige Kurswechsel

Derzeit müssen in Großbritannien Bars und Restaurants ab 22 Uhr schließen, und maximal sechs Personen dürfen sich treffen. In Regionen mit extrem hohen Infektionszahlen gelten strengere Regeln. Kritiker, darunter auch Oppositionsführer Keir Starmer, warfen Johnson vor, die geltenden Corona-Regeln nicht ausreichend zu erklären und sie selbst nicht zu kennen. Auch die ständigen Kurswechsel der Regierung ermüdeten die Menschen und sorgten für Verwirrung.

"Fitter als mehrere Metzgerhunde"

Der Premierminister selbst war Ende März positiv auf das Corona-Virus getestet worden und lag eine Woche lang im Krankenhaus, einige Tage lang musste er sogar intensivmedizinisch behandelt werden. Er sei inzwischen vollständig genesen, sagte Johnson. Er spüre keine Spätfolgen der Krankheit und sei "fitter als mehrere Metzgerhunde". Gerüchte, er wirke nach seiner Infektion noch immer nicht ganz erholt, bezeichnete er als "Unsinn". Dem erkrankten US-Präsidenten Donald Trump wünschte Johnson erneut eine schnelle Genesung.

Großbritannien hatte im März einen nationalen Lockdown beschlossen, die meisten Unternehmen mussten schließen und nicht nötige Reisen wurden untersagt. Im Juni wurden die Beschränkungen gelockert und seitdem steigen die Infektionszahlen wieder an. Gestern wurde ein neuer Rekordwert von fast 13.000 Neuinfektionen gemeldet - was nach Johnsons Angaben aber daran lag, dass Fälle der vergangenen Tage zu spät übermittelt worden seien. Mit mehr als 42.000 Toten hat Großbritannien so viele Corona-Tote verzeichnet wie kein anderes Land in Europa.

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