Eine Ambulanz bringt einen Covid-19-Patienten zum medizinischen Stützpunkt an einem Krankenhaus in Mailand. | Bildquelle: MATTEO CORNER/EPA-EFE/Shuttersto

Corona in Italiens Regionen Tricksereien gegen den Lockdown

Stand: 11.11.2020 10:21 Uhr

Anders als im Frühjahr setzt Italien in der zweiten Corona-Welle auf eine regionale Strategie. Die aber gerät zunehmend ins Wanken. Einige Regionen tricksen offensichtlich, um nicht zur roten Zone erklärt zu werden.

Von Jörg Seisselberg, ARD-Studio Rom

Der Appell der italienischen Ärztekammer ist eindringlich. "Die Prognosen sind wirklich dramatisch. Schon jetzt sind die Ärzte im ganzen Land in größten Schwierigkeiten. Wir haben keine Zeit mehr, wir müssen sofort das weitere Ansteigen der Kurve bremsen", sagt der Präsident der Kammer, Filippo Anelli. Die Forderung der italienischen Ärzte: Es müsse Schluss sein mit dem regionalen Flickenteppich bei der Covid-19-Bekämpfung, die von Nord bis Süd massiv wachsende Zahl an Coronavirus-Infektionen erfordere nationale Maßnahmen.

Dass die landesweite Entwicklung in Italien dabei ist, aus dem Ruder zu laufen, räumt indirekt auch Giovanni Rezza ein, Generaldirektor für Vorsorge im Gesundheitsministerium. "Die Covid-19-Situation in unserem Land verschlechtert sich weiter. Wir haben im Durchschnitt mehr als 500 Fälle pro 100.000 Einwohner und fast alle Regionen Italiens sind schwer betroffen."

Dass sich die Ärzteverbände und die Hardliner im Gesundheitsministerium gegen die aktuelle Linie der Regierung stellen, ist für Ministerpräsident Giuseppe Conte ein bedenkliches Signal. Im Frühjahr standen sie noch fest an seiner Seite, als er Italien den härtesten Lockdown in Europa verordnet hatte. Jetzt will der Regierungschef einen erneuten nationalen Lockdown verhindern und setzt stattdessen auf regionale Einschränkungen - mit roten, orangenen und gelben Zonen. Eine Strategie, die von einigen Regionen unterlaufen wird, weil sie nicht rote Zone werden wollen.

Verdreifachung der Intensivbetten über Nacht

Als Negativbeispiel gilt Kampanien. Die Region mit ihrer Hauptstadt Neapel ist trotz der zweithöchsten Infektionszahl im Land offiziell noch Niedrigrisikogebiet. Unter anderem weil die Regionalverantwortlichen zuletzt eine wundersame Verdreifachung ihrer Intensivbehandlungsplätze nach Rom gemeldet haben. Rund 1300 Betten mehr innerhalb eines Tages. Damit ist Kampanien die drohende Einteilung als rote Zone erspart geblieben. Und das obwohl der italienische Fernsehsender RAI seit Tagen lange Auto-Warteschlangen vor dem Krankenhaus Cotugno in Neapel zeigt - mit Krankenpflegern, die Sauerstoffflaschen nach draußen schleppen, um vor der überlasteten Klinik die Patienten in den Autos mit Plastikschläuchen durch die Seitenfenster zu versorgen.

"Ich bin quer durch die Provinz Neapel gefahren. Nirgendwo gibt es mehr Sauerstoffflaschen", erzählt ein junger Neapolitaner, der seinen Vater zum Krankenhaus gebracht hat. Ein Krankenpfleger, der nach eigenen Angaben im Krankenhaus Del Mare in Neapel arbeitet, berichtet anonym von Chaos und Platzproblemen in der Klinik: "Die Patienten mit Covid-19 sind gemischt mit denen, die andere Beschwerden haben. Auch diejenigen, die kein Covid haben, riskieren so zu erkranken und am Ende am Tropf zu hängen."

Kampanien als "Opfer einer medialen Aggression"?

Aber Kampaniens Regionalpräsident Vincenzo de Luca sträubt sich dagegen, dass seine Region zur roten Zone erklärt wird. Angesichts der Berichte über die chaotischen Zustände in den Kliniken seiner Region schimpft De Luca: "Kampanien ist Opfer einer medialen Aggression. Außerdem gibt es einige Knallköpfe unter den Lokalverantwortlichen, die in diesen Tagen rumziehen, um schlecht über Neapel und Kampanien zu reden."

Kampanien verzeichnet laut der gestern vom Obersten Gesundheitsinstitut bekannt gegebenen Zahlen mehr als 600 Covid-19-Fälle pro 100.000 Einwohner. Es liegt damit deutlich über dem nationalen Durchschnitt. Da aber die nach Rom gemeldete Zahl an Intensivbetten in der Region formal vorzüglich ist, hat die Regierung bislang keine Handhabe, Kampanien zur roten Zone zu erklären.

Verschärfte Maßnahmen gelten ab heute nur in fünf anderen Regionen. Die Toskana, Ligurien, Umbrien, die Abruzzen und Basilikata sind seit Mitternacht sogenannte orangene Zonen. Das heißt unter anderem, dass alle Bars und Restaurants schließen müssen. Bereits seit der vergangenen Woche sind unter anderem die Lombardei und Piemont rote Zonen. Dort gelten strenge Ausgangsbeschränkungen. Die Zeitung "La Repubblica" berichtet, dass Ministerpräsident Conte am kommenden Wochenende Bilanz ziehen will, um seine regionale Strategie eventuell zu korrigieren.

Bloß nicht rote Zone werden
J. Seisselberg, ARD Rom
11.11.2020 09:50 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 11. November 2020 um 08:33 Uhr.

Darstellung: