Ein israelischer Polizist in Schutzkleidung und zwei orthodoxe Juden beim Gebet in einer Religionsschule in Bnei Berak. | Bildquelle: AFP

Corona-Krise in Israel "Hört auf, die Regeln zu brechen"

Stand: 04.09.2020 08:30 Uhr

Die Zahl der Neuinfektionen in Israel steigt weiter rapide an. Der nationale Corona-Beauftragte schlägt Alarm und warnt vor Leichtsinnigkeit. Doch die Bevölkerung hat offenbar das Vertrauen in die Regierung verloren.

Von Benjamin Hammer, ARD-Studio Tel Aviv

Ronni Gamzu ist ein eher sachlicher Mann, am Abend aber hatte der Corona-Beauftragte der israelischen Regierung genug. In Israel waren zuvor so viele neue Corona-Infektionen nachgewiesen worden wie noch nie seit Beginn der Pandemie. Und das, obwohl die sogenannte zweite Welle hier bereits seit über drei Monaten läuft. Mit einem Appell im israelischen Fernsehen wandte sich Gamzu gestern Abend an die Bevölkerung:

"Dies ist eine Nachricht an ganz Israel. Schluss mit Hochzeiten. Schluss mit Massenansammlungen. Hört auf, die Regeln in Restaurants zu brechen oder an anderen Orten. Ganz Israel befindet sich im Krieg. Es tut mir leid, dass ich emotional werde. Aber das ist ein entscheidender Moment." 

Anstieg bei arabischen Isaelis und ultraorthodoxen Juden

Die Zahl der registrierten Infektionen in Israel gehört mit zu den höchsten der Welt. Statistisch gesehen ist sie in zwei Bevölkerungsgruppen besonders hoch: Bei den arabischen Israelis sowie bei den ultraorthodoxen Juden. Gruppen mit weniger Wohnraum und dicht bevölkerten Städten. Möglicherweise aber auch mehr Regelbrüchen.

In einer arabischen Stadt im Norden des Landes feierten laut Medienberichten 5000 Menschen eine Hochzeit - viele ohne Maske. Im ultraorthodoxen Sektor wurden in nur wenigen Tagen Hunderte Fälle in Religionsschulen nachgewiesen.

Ein bekannter Rabbiner rief Religionsschüler dazu auf, sich nicht mehr auf das Virus testen zu lassen. Die Religionsschüler blieben schließlich unter sich. Eine Sichtweise, die der Regierungsvertreter Gamzu scharf kritisierte:"Ich möchte der ultraorthodoxen Bevölkerung sagen, dass das Thema wirklich ernst genommen werden muss. Man muss sich testen lassen, testen lassen und wieder testen lassen."

Kaum Vertrauen in die Regierung

In Israel steigt auch die Zahl der Menschen, die an oder mit Covid-19 sterben. Das besorgt viele Wissenschaftler. Darunter Ora Paltiel, Professorin für Gesundheitswesen an der Hebräischen Universität. "Ich denke, dass viele andere Länder bereits striktere Regeln erlassen hätten", sagt sie. Es gebe mehrere Gründe, warum das in Israel nicht geschehe. "Einer ist das fehlende Vertrauen der Bevölkerung."

Israels neue Regierung trat im Mai mit dem Versprechen an, sich fast ausschließlich auf die Bekämpfung der Pandemie zu konzentrieren. Doch viele Israelis kaufen ihr das nicht mehr ab. Premier Benjamin Netanyahu äußert sich eher selten zur Pandemie.

Israels Regierung versprach in den Sommerferien, die Zahl der Infektionen werde bis zum Schulbeginn deutlich sinken. So kam es nicht. Viele Schulen wurden in dieser Woche dennoch wieder geöffnet. So etwas zerstöre Vertrauen, meint Paltiel: "Manche Teile der Bevölkerung - ob das eine bestimmte Altersgruppe, ethnische Gruppe oder religiöse Gruppe ist - haben noch nicht verinnerlicht, dass es diese Epidemie gibt." Diese Gruppen hätten nicht das Gefühl, dass sie Teil der Lösung seien, sagt die Professorin, und das sei eine schlechte Sache.

Am Abend beschloss das sogenannte Corona-Kabinett, dass 30 Städte mit besonders hohen Infektionszahlen teilweise abgeriegelt werden sollen. Der Corona-Beauftragte Gamzu will die Bevölkerung aufrütteln. "Jeder, der keine Maske trägt oder die Regeln bricht, spuckt in die Gesichter von Ärzten und Krankenschwestern, die 24 Stunden pro Tag auf den Corona-Stationen arbeiten." Forscher der Hebräischen Universität warnen davor, dass die Krankenhäuser in zwei Wochen überlastet sein könnten.

Coronavirus: Kein Vertrauen mehr - Israel kämpft mit Rekordzahlen
Benjamin Hammer, ARD Tel Aviv
04.09.2020 07:50 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 04. September 2020 um 09:33 Uhr.

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