Der Aussichtsturm eines Rettungsschwimmers am Strand von Tel Aviv ist mit einer Schutzmaske versehen, um die Strandbesucher daran zu erinnern, Masken zu tragen. | Bildquelle: AP

Coronavirus in Israel Das Ende der Illusion

Stand: 03.07.2020 08:31 Uhr

Israel kam lange glimpflich durch die Corona-Krise, doch inzwischen steigen die Infektionszahlen wieder. Wochenlang sagte Premier Netanyahu nicht viel dazu, nun schlug er erneut einen Haken in seinem Zickzackkurs.

Von Benjamin Hammer, ARD-Studio Tel Aviv

Das Leben in Tel Aviv erinnert in diesen Tagen an Berlin, Hamburg oder München. Die Menschen gehen in Bars und Restaurants. Manche tragen in der Öffentlichkeit Masken, andere nicht. Es gibt aber einen Unterschied: Im Gegensatz zu Deutschland steigt in Israel die Zahl neu nachgewiesener Corona-Infektionen rasant. Pro Tag werden aktuell etwa 1000 neue Fälle dokumentiert. Das sind doppelt so viele wie in Deutschland, bei einem Zehntel der Bevölkerung. Auch die Zahl der schweren Verläufe steigt.

Am Abend meldete sich der israelischen Gesundheitsminister Juli Edelstein mit einer ernüchternden Erkenntnis. "Wir haben in einer Illusion gelebt, dass sich nur junge Leute anstecken und wir uns keine Sorgen machen müssen", sagte Edelstein. "In den letzten Tagen haben wir gemerkt, dass es im Kampf gegen das Coronavirus keine Wunder gibt."

Israels Premierminister Netanyahu | Bildquelle: dpa
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Israels Premierminister Netanyahu hielt sich lange mit Äußerungen zur Pandemie zurück.

Netanyahus Zickzackkurs

Israel war in den Monaten März und April vergleichsweise gut durch die Corona-Krise gekommen. Die Zahl der nachgewiesenen Infektionen und der dokumentierten Todesfälle war relativ niedrig. Trotz der steigenden Fallzahlen hielt sich Israels Premier Benjamin Netanyahu in den vergangenen Wochen mit Äußerungen in Sachen Corona zurück.

Gestern Abend gab er dann die erste Pressekonferenz seit langem. "Am einfachsten wäre es natürlich, die Lage so zu lassen wie sie ist", sagte Netanyahu. "Alles bleibt offen und alle sind erstmal zufrieden. Aber wenn wir das tun, werden wir sehr schnell die Kontrolle verlieren. Wir dürfen das nicht zulassen."

Netanyahu fährt seit Beginn der Krise einen Zickzackkurs. Im März mahnte er mit drastischen Worten, verglich das Coronavirus mit der Pest. Er sagte, es gehe um Leben und Tod. Im Mai wurde er vorsichtig optimistisch, wandte sich lächelnd an die Bevölkerung und forderte sie auf, einen Kaffee oder ein Bier trinken zu gehen. Im Juni hätte Netanyahu wieder mahnen können. Die Fallzahlen stiegen, aber er hielt sich eher zurück.

Israelische Sicherheitskräfte kontrollieren eine Nachbarschaft in Aschdod. | Bildquelle: AFP
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Verschiedene Viertel in der Hafenstadt Aschdod wurden bereits für mehrere Tage abgeriegelt.

Das Vertrauen schwindet

Nun folgt die Kehrtwende: Netanyahu warnt wieder. Aber wird die Bevölkerung diesmal auf ihn hören? Aus Sicht der Ärztin Galia Barkai, die sich im Sheba Krankenhaus bei Tel Aviv mit Infektionskrankheiten beschäftigt, ist Netanyahus erratischer Kurs fatal.

"Wir haben in der Bevölkerung ein Vertrauensproblem", erklärt Barkai. "Wenn man am Anfang das allerschlimmste Szenario ausmalt und dieses nicht eintritt, geht Vertrauen verloren. Viele Leute glauben nicht mehr, dass dies eine beängstigende Krankheit sein kann. Sie glauben nicht, dass auch die Zahl der schweren Krankheitsverläufe rasch steigt."

Neuer "Lockdown" würde der Wirtschaft noch mehr schaden

Nadav Eyal ist politischer Korrespondent beim israelischen Fernsehkanal 13. Er wirft der israelischen Regierung vor, ruhige Coronaphasen nicht genutzt zu haben, um etwa die Nachverfolgung bei Infektionen zu verbessern. Einen neuen "Lockdown" in Israel hält er für unwahrscheinlich, denn die israelische Wirtschaft stecke in der schwersten Krise seit Jahrzehnten.

"Viele Menschen argumentieren, dass am Ende durch die Wirtschaftskrise mehr Menschen sterben werden, als durch das Coronavirus", sagt Eyal. Die Regierung habe Angst. "Wenn sie nichts unternimmt, riskiert sie einen noch größeren Ausbruch. Wenn sie aber zu viel unternimmt und das der Wirtschaft schadet, wird die Regierung kritisiert, zu viel gemacht zu haben."

Die israelische Regierung plant nun ein weiteres Hilfspaket für die Wirtschaft und gleichzeitig neue Beschränkungen. Auf großen Veranstaltungen wie Hochzeiten und Gottesdiensten sind künftig in Innenräumen maximal 50 Gäste erlaubt. Bisher waren es 250. Die Regierung räumte ein, dass sich das Virus auch auf solchen Feiern stark verbreitet hat.

Ende der Illusion - Israel verschärft Kampf gegen zweite Corona-Welle
Benjamin Hammer, ARD Tel Aviv
03.07.2020 08:54 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 03. Juli 2020 um 06:21 Uhr.

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