Straßenszene in Teheran: Viele Menschen gehen dicht an dicht, die meisten tragen keine Schutzmaske mehr. | Bildquelle: ABEDIN TAHERKENAREH/EPA-EFE/Shut

Corona-Pandemie "Der Iran steckt in einer Dreifachkrise"

Stand: 17.06.2020 10:51 Uhr

Eine zweite Corona-Welle hat den Iran erfasst. Experten halten es nur für eine Frage der Zeit, bis es wieder Aufstände in dem Land gibt. Denn die Pandemie verstärkt die wirtschaftliche Misere des Golf-Staates.

Von Marion Sendker, ARD-Studio Istanbul

Manche Straßen Teherans vermitteln den Eindruck, es gäbe kein Coronavirus: Menschen drängen sich dicht aneinander vorbei, der Verkehr staut sich und viele Fabriken arbeiten auf Hochbetrieb. Nur die Masken in den Gesichtern der Menschen und die tägliche Ansprache der Gesundheitsministerin verraten, dass Corona immer noch da ist. Die Zahlen steigen wieder, seitdem Präsident Hassan Rouhani Maßnahmen gelockert hat.

Der Kampf gegen das Virus sei wie ein Fußballspiel, kommentierte Irans Gesundheitsministerin Sima Lari: "Das Virus ist unvorhersehbar, jeden Moment kann es uns überraschen und in der 90. Minute noch ein Tor schießen."

Bruttoinlandsprodukt um 15 Prozent gesunken

Mit dem Beginn der zweiten Welle dürfte es jetzt 2:0 für Corona stehen: Nachdem die erste Welle den Iran wie fast kein anderes Land getroffen hatte, sorgt jetzt die zweite Welle, die nach den Lockerungen ausbrach, für abermals vergleichsweise hohe Ansteckungs- und Todeszahlen.

Für Präsident Rouhani gilt aber nach wie vor: Die Gefahren eines wirtschaftlichen Zusammenbruchs durch Corona seien größer als das Gesundheitsrisiko. Denn die Wirtschaft war schon vor Corona durch drastische US-Sanktionen und Missmanagement der Regierung angeschlagen. Und die erste Corona-Welle hat dazu geführt, dass das Bruttoinlandsprodukt laut offiziellen Angaben um 15 Prozent gesunken ist.

"Wir haben keine andere Wahl, es gibt keinen anderen Weg: Wir müssen arbeiten, unsere Fabriken müssen laufen, unsere Läden müssen geöffnet sein, wir müssen weitermachen", sagte Rouhani.

Präsident kurz vor dem Sturz

Rouhanis Politik hat auch in der Regierung zu vielen Auseinandersetzungen geführt. Es heißt sogar, dass das Parlament den Präsidenten noch vor Ende seiner Amtszeit im nächsten Jahr stürzen wolle. Viele Iraner haben derweil eine ähnliche Einstellung wie Rouhani, zumindest in einem Punkt: Ihre Existenzängste sind größer als die Sorgen vor Corona.

Dass sich jetzt wieder so viele Menschen anstecken, ist laut Rouhani aber ihre eigene Schuld: "Im Mai haben sich noch mindestens 80 Prozent der lieben Menschen in unserem Land an die Vorsichtsmaßnahmen gehalten. Aber seit Juni halten nicht einmal 20 Prozent sie ein."

Noch keine Kraft zum Protestieren

Wie sollen sie auch? Für viele ist es gar nicht möglich, Hygienestandards einzuhalten: Manchmal fehlt es sogar am Wasser zum Händewaschen. Was vor allem eine Folge der massiv umweltschädigenden Politik der vergangenen Jahre ist. Außerdem ist vor allem in den Ballungszentren kaum Platz für Sicherheitsabstände.

Dass die Menschen jetzt mit Corona und Arbeiten beschäftigt sind, um zu überleben, hat für die Regierung einen wichtigen Vorteil: Vor allem die ärmeren Gruppen in der Bevölkerung haben weder Zeit noch Kraft, um gegen ihre Führung zu protestieren.

Nicht nur internationale Risikoanalysten schätzen, dass es bis zu den nächsten Aufständen nur eine Frage der Zeit ist. Ali Fathollah-Nejad, Iran-Experte vom Brookings-Institut in Doha und an der Uni Tübingen, sagt: "Von Hardlinern, bis hin zum ehemaligen Reformpräsidenten Chatami bis hin zum Forschungsinstitut des iranischen Parlaments: Sie alle haben davor gewarnt, dass die wirtschaftliche Misere, die noch durch das Coronavirus verstärkt wurde, wahrscheinlich zu einer neuen Explosion von Straßenprotesten führen wird", sagt er.

"Falsche Entscheidungen der Rouhani-Regierung"

Grund gibt es dafür im Iran schon seit Jahren: Viele Menschen leiden vor allem unter sozialer Ungerechtigkeit, Armut, Umweltproblemen und struktureller Unterdrückung.

Das sei längst nicht alles, findet Fathollah Nejad: "Wir haben eine neue Dreifachkrise, die sich im Zuge des Jahres 2020 entwickelt hat. Das ist zum einen die Doppelkrise der Gesundheitskrise und der Wirtschaftskrise als Folge falscher Entscheidungen der Rouhani-Regierung, und die dritte Krise ist die starke Reduzierung des Ölpreises."

Das Land steckt vielleicht schon zu lange und zu tief in zu vielen Krisen. Um da heil wieder rauszukommen, braucht es möglicherweise mehr als Proteste, von denen in der Vergangenheit die meisten ohnehin brutal niedergeschlagen wurden.

Iran: Zwei zu Null für Corona
Marion Sendker, ARD Istanbul
17.06.2020 09:29 Uhr

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