Die Skulptur eines Mannes, der ein Selfie-Foto macht, steht auf dem leeren Azadi-Platz in Teheran | Bildquelle: dpa

Coronavirus-Pandemie Iran lockert Maßnahmen

Stand: 09.04.2020 14:55 Uhr

Im Iran geht die Zahl der Neuinfektionen mittlerweile zurück - doch an der offiziellen Statistik gibt es erhebliche Zweifel. Trotzdem will das Regime in Teheran die Maßnahmen gegen das Virus lockern.

Von Christian Buttkereit, ARD-Studio Istanbul

Bei der Zahl der Corona-Infektionen steht Iran derzeit mit rund 65.000 weltweit an siebter Stelle. Das Gleiche gilt für die Zahl der Toten, die bei rund 4000 liegt. Doch an den offiziellen Zahlen werden immer wieder erhebliche Zweifel laut. Sowohl westliche Sicherheitskreise als auch oppositionelle Iraner gehen davon aus, dass die Zahl der Toten längst fünfstellig ist. Trotzdem hat das Regime in Teheran angekündigt, die Vorsichtsmaßnahmen zu lockern.  

Tatsächlich haben die Neuinfektionen seit ihrem Höhepunkt am 30. März kontinuierlich abgenommen. Auch die Zahl der Verstorbenen geht seit einigen Tagen zurück. Bei der Entscheidung, einen Teil der Vorsichtsmaßnahmen für 49 Branchen zu lockern, spielt die Sorge um die angeschlagene Wirtschaft eine ausschlaggebende Rolle.

Die meisten Geschäfte bleiben geschlossen

Innenminister Abdolreza Rahmani Fazli verkündete deshalb, dass die Arbeit in Berufen mit geringem Infektionsrisiko ab Samstag wieder aufgenommen werden dürfe - mit Ausnahme von Teheran. Dort sollen die Maßnahmen demnach erst ab dem 18. April gelockert werden. Die Regierung habe die Gouverneure ermächtigt, die Einhaltung der weiterhin bestehenden Beschränkungen eng zu überwachen.

Die Regierung spricht von einem smarten Ausstieg aus den Corona-Maßnahmen. Dabei geht es zunächst um Wirtschaftsbereiche ohne Publikumsverkehr. Die meisten Geschäfte müssen aber geschlossen bleiben mit Ausnahme von Lebensmittelläden, Banken, Apotheken und Drogerien. Für Basare, Friseure, Freizeiteinrichtungen, Teehäuser und religiöse Stätten gibt es noch keine Lockerung. Restaurants dürfen nach wie vor nur außer Haus verkaufen.

Eine Frau vor einer Moschee in Teheran | Bildquelle: AP
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In Basaren, Teehäusern und religiösen Stätten gelten die Maßnahmen weiterhin.

Gefahr einer zweiten Corona-Welle

Die Bevölkerung solle zu Hause bleiben, sofern sie nicht an ihren Arbeitslatz zurückkehrt, sagte der stellvertretende Gesundheitsminister Qasem Janbabaei. "Es ist weiterhin notwendig, die Epidemie unter Kontrolle zu halten." Jeder Verstoß gegen die Verhaltensregeln könne zu einem neuen Höchststand der Erkrankungen führen.

Die Gefahr einer zweiten Corana-Welle ist also noch nicht vorüber - vor allem, wenn jetzt wieder mehr Menschen zur Arbeit gehen. Mahin Jamshidi, Professorin für Infektionskrankheiten an der Teheraner Universität der Medizinischen Wissenschaften, warnt vor den Folgen der Lockerung:

"Wenn die U-Bahnen und Straßen von Teheran in den kommenden Tagen wieder überfüllt sind, ist es nur eine Frage der Zeit bis zu einem weiteren heftigen Ausbruch. Meine Sorge ist, dass die Kapazitäten des Gesundheitswesens dann dem Ansturm der Neuinfizierten nicht gewachsen sind."

Leere Gasse in Teheran | Bildquelle: AFP
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In Teheran waren die Gassen zuletzt leer - das könnte sich bald wieder ändern.

Kritik an offiziellen Zahlen

Dem widerspricht der stellvertretende Gesundheitsminister. Die 4000 Intensivbetten im Land seien zwar mit den bisher aufgetretenen Fällen ausgelastet. Aber die Notaufnahmen seien verglichen mit den vorherigen Zuständen regelrecht verwaist. Die normalen Stationen seien auch nur zur Hälfte belegt. "Das zeigt, dass die Bevölkerung die Anweisung befolgt, zu Hause bleibt und das Richtige tut."

Dabei gibt es massive Zweifel an den offiziellen Zahlen von rund 65.000 Infizierten und etwa 4000 Toten. Wie die Zeitung "Die Welt" unter Berufung auf Klinikpersonal berichtete, wurde die Marke von 10.000 Toten schon vor etwa zwei Wochen überschritten. Die im Exil lebenden, oppositionellen Volksmudschaheddin wollen schon vor einer Woche von mehr als 16.000 Toten gewusst haben. Sie berufen sich auf Informationen aus Krankenhäusern, von Ärzten, Leichenschauhäusern und internen Berichten des Regimes.

"Das Virus wird gewinnen"

Auch längst nicht alle Politiker sind bereit, den offiziellen Zahlen zu glauben und die Beruhigungspillen der Regierung zu schlucken. Parlamentskandidatin Masoumeh Pashayi sieht in der Lockerung der Anti-Corona-Maßnahmen eine Gefahr. Die Verbreitung des Virus könne auf diese Art nicht gestoppt werden.

Arbeit und Verkehr hätten bereits mit den Ende der Ferien wieder zugenommen. "Wir verlieren Zeit und in diesem Fall wird das Virus gewinnen und nicht wir", sagte sie. "Wir verlieren aufgrund der Planlosigkeit der Regierung."

Immerhin: Die traditionelle Parade zum Tag der Armee am 17. April wird erstmals in der Geschichte der Islamischen Republik ausfallen. Stattdessen sollen die Soldaten ausrücken, um die Städte zu desinfizieren und Schutzmasken an die Bevölkerung zu verteilen.

Mutige Mullahs - Iran lockert Anti-Corona-Maßnahmen
Christian Buttkereit, ARD Istanbul
09.04.2020 12:41 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 09. April 2020 um 13:25 Uhr in der Sendung "Informationen am Mittag".

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