Menschen mit Schutzmasken verlassen einen Zug am Bahnhof Waterloo in London. | AP

Corona-Pandemie Zahl der neuen Fälle in England sinkt

Stand: 30.07.2021 17:06 Uhr

Die Zahl der Neuinfektionen in England ist zurückgegangen, obwohl die Regierung die meisten Corona-Restriktionen aufgehoben hat. Experten sehen dafür mehrere Gründe - und prophezeien einen erneuten Anstieg.

Von Christoph Prössl, ARD-Studio London

"Wir sind in der dritten Welle", sagte Jonathan Van-Tam, der stellvertretende Chefmediziner der britischen Regierung der BBC. Aber er hoffe sehr, dass das Schlimmste vorbei sei. Für Hoffnung sorgen derzeit die täglichen Infektionszahlen, die zwar seit zwei Tagen wieder steigen - aber zuvor deutlich gesunken waren.

Christoph Prössl ARD-Studio London

Mitte Juli registrierte das Gesundheitsamt "Public Health England" (PHE) über 60.000 Infektionen an einem Tag. Und in der politischen Debatte wurde die Befürchtung erkennbar, dass das Vereinigte Königreich mit großen Schritten auf die Marke von 100.000 Infektionen pro Tag zuläuft. Vor allem, weil Premierminister Boris Johnson am 19. Juli verkündete, dass die letzten Restriktionen aufgehoben werden sollten. Dabei ging es vor allem um Treffen mit zahlreichen Personen, Konzerte und Nachtclub-Besuche, die nun wieder möglich sind. Doch in den folgenden Tagen fielen die Infektionszahlen. Am 25. Juli meldete PHE 21.574 Infektionen. Gestern wurden 31.117 Fälle gemeldet.

Johnson rudert bei Öffnungen zurück

Experten wie der Medizinprofessor Paul Hunter erläutern, dass der Rückgang auf mehrere Faktoren zurückzuführen sei: Wegen des guten Wetters treffen sich viele Menschen draußen und nicht in geschlossenen Räumen, die Fußball-Europameisterschaft als Treiber vieler Ansteckungen liegt nun weit zurück und zahlreiche Menschen im Vereinigten Königreich sind geimpft. 88,4 Prozent der Erwachsenen im Vereinigten Königreich haben eine erste Impfung erhalten, 71,4 Prozent eine zweite, meldete PHE.

Anfang der Woche sagte Hunter bereits einen leichten Anstieg voraus, der nun auf die Öffnungen vom 19. Juli zurückzuführen sei. Dabei hat Johnson schon wieder zurückgerudert. Vom September an sollen Personen, die beispielsweise einen Nachtclub besuchen, nachweisen, dass sie beide Impfungen haben. Das wird von vielen als Druckmittel gesehen, vor allem junge Leute nun dazu zu bringen, sich impfen zu lassen.

Jüngste Zahlen des Statistikamtes "Office for National Statistics" (ONS) zeigen jedoch eine weiter steigende Tendenz. ONS testet Personen, unabhängig davon, ob diese Symptome verspüren oder nicht. In der Woche bis zum 24. Juli stieg der Anteil der Infizierten innerhalb der Bevölkerung weiter an, wie die Behörde mitteilte. In England zum Beispiel auf 1,57 Prozent der Bevölkerung. Duncan Cook Stellvertretender Direktor des Covid-19-Infektionsberichtes sagte: "Diese Daten zeigen, dass die Zahl der Infektionen steigt, aber es gibt Hinweise darauf, dass der Anstieg sich verlangsamt."

Tausende müssen in Quarantäne

Über die Lockerungen vom 19. Juli wird indes kaum debattiert, obwohl zahlreiche Briten diesen Schritt für falsch halten. Das zeigt eine aktuelle Umfrage für das Magazin "Politico". 46 Prozent der Briten sagen, die letzten Beschränkungen seien zu früh aufgehoben worden. 33 Prozent fanden die Aufhebung richtig, zwölf Prozent sagten, das sei zu spät gekommen.

Auch wenn die Zahl der Infizierten verhältnismäßig niedrig ist: Die Zahl derer, die von der Warn-App aufgefordert werden, in Quarantäne zu gehen, steigt. Gestern wurden Daten veröffentlicht, die zeigten, dass fast 700.000 Warnungen an User geschickt worden sind. Wirtschaftsverbände und Unternehmen beklagen, dass Personal in Quarantäne ist. Supermärkte mussten Lieferungen aussetzen, Regale blieben leer, in London fielen Züge der U-Bahn aus.

Mittlerweile gibt es Ausnahmen für besonders wichtige Branchen wie den Lebensmittelhandel und den Gesundheitsdienst. Johnson kündigte an, dass ab dem 16. August doppelt Geimpfte nicht mehr in Quarantäne müssen, wenn sie eine Warnung erhalten haben. Oppositionsführer Keir Starmer von der Labour-Partei forderte, dieses Datum nach vorn zu verlegen.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 30. Juli 2021 um 04:03 Uhr in der ARD Infonacht.