Arbeiter sitzen an der Plattform eines Bahnhofs von Neu-Delhi, wo demnächst Covid-19-Patienten in Eisenbahn-Waggons behandelt werden. | Bildquelle: REUTERS

Corona-Pandemie in Indien Behandlung im Eisenbahn-Waggon

Stand: 23.06.2020 08:43 Uhr

Rekordwerte bei Neuinfektionen, überfüllte Leichenhallen, überlastete Krankenhäuser: Corona hat Indien hart getroffen. Um die Behandlungskapazitäten zu erhöhen, wurden in Neu-Delhi nun Züge umgebaut.

Von Bernd Musch-Borowska, ARD-Studio Neu-Delhi

Der Taxifahrer Mohammad Aamir Khan aus Delhi hat umgesattelt und fährt jetzt verstorbene Covid-19-Patienten in die Leichenhallen und Krematorien der indischen Hauptstadt. Seit die Regierung den strengen Lockdown Anfang des Monats aufgehoben hat, ist die Zahl der Infizierten sprunghaft angestiegen. Auch in den vergangenen Tagen gab es wieder Rekordzuwächse bei den Neuinfektionen. Mehr als 15.000 innerhalb von 24 Stunden hatten die Behörden gestern gemeldet. In den Krankenhäusern von Delhi werden die Betten knapp und in vielen Kliniken fehlt es an Ärzten und Pflegepersonal.

"Der Leichentransport hat stark zugenommen. Anfangs waren es zwei oder drei pro Tag", erzählt Khan. "Jetzt sind die Leichenhallen voll und in den Krankenhäusern sterben die Leute jeden Tag. Deshalb haben wir immer mehr zu tun."

Manchmal hat Khan bis zu sechs Leichen in seinem kleinen Transporter aufgestapelt. Und die Angst, sich selbst anzustecken, fährt immer mit. "In der Schutzkleidung ist es so heiß, dass man es schon nach einer halben Stunde kaum aushalten kann. Da kann man schon durchdrehen. Aber vor allem haben wir ständig Angst, uns selbst anzustecken."

Hausbesuch und Sauerstoffflaschen

Delhi gehört zu den am stärksten von Corona betroffenen Regionen in Indien. Rund 60.000 Fälle wurden offiziell registriert, davon mehr als 25.000 aktive Fälle, so der Regierungschef der Hauptstadt, Arvind Kejriwal: "Vor einer Woche hatten wir 24.000. Das bedeutet, wir haben jetzt 1000 aktive Fälle mehr, die Lage ist also weit davon entfernt, sich zu stabilisieren." Man mache jetzt mehr Tests. Frühen waren es 5000 Tests pro Tag, inzwischen seien es 18.000. "Wir haben alle Labors, auch die privaten, dazu aufgerufen, ihre Kapazitäten voll auszuschöpfen."

Die Kapazitäten der Krankenhäuser in der indischen Hauptstadt, nicht nur der staatlichen, sondern auch die der teuren privaten Kliniken, sind offenbar bereits ausgeschöpft. Covid-19-Patienten mit schwachen Symptomen sollen deshalb zu Hause behandelt werden, sagt Kejriwal. "Unsere medizinischen Teams werden diesen Patienten täglich eine Visite abstatten und schauen, wie es ihnen geht." Wenn ein Patient niedrige Sauerstoff-Werte und Atembeschwerden habe, dann bekomme er eine Sauerstoffflasche. "Es sind schon einige Covid-19-Patienten gestorben, bevor sie das Krankenhaus erreicht haben. Wir versorgen sie deshalb besser zu Hause."

Sauerstoffflaschen stehen für die Behanldung von Covid-19-Patienten in einem Eisenbahn-Waggon in Neu-Delhi bereit. | Bildquelle: AFP
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Sauerstoffflaschen stehen für die Behanldung von Covid-19-Patienten in einem Eisenbahn-Waggon bereit.

Pilgerfahrt erlaubt

Viele Ausländer haben Delhi bereits mit einem der Evakuierungsflüge verlassen. Für die verbliebenen Einwohner der indischen Hauptstadt wurden alte Eisenbahn-Waggons in provisorische Covid-19-Lazarette umgebaut, die auf einem Abstellgleis auf einem der Bahnhöfe von Delhi bereit stehen. Deepak Kumar, der Sprecher der nordindischen Eisenbahngesellschaft, erklärt: "Wir haben 500 Waggons mit insgesamt 8000 Betten vorbereitet." In jedem Waggon gäbe es zwei Toiletten und drei Sauerstoffflaschen, falls sie benötigt würden. "Hier sollen aber nur Patienten mit schwachen Symptomen versorgt werden."

Ungeachtet der steigenden Corona-Zahlen hat der Oberste Gerichtshof in Delhi grünes Licht gegeben für die heute geplante hinduistische Pilgerfahrt Jagannath Rath Jatra im Bundesstaat Odisha. Tausende Gläubige werden in Puri erwartet, wo sie in bunten Kostümen und mit viel Musik die Hindu-Gottheit Vishnu verehren.

Indien - Rekordzuwächse an Corona-Fällen
Bernd Musch-Borowska, ADR Neu-Delhi
23.06.2020 07:53 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 17. Juni 2020 um 06:00 Uhr.

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