Menschen mit Coronavirus-Symptomen stehen in einem Krankenhaus in Neu-Delhi | Bildquelle: AFP

Corona-Pandemie Indiens Krankenhäuser am Limit

Stand: 02.06.2020 10:21 Uhr

Die Zimmer sind überfüllt, zwei Patienten teilen sich eine Pritsche, und mittendrin sitzen Angehörige ohne jeglichen Schutz vor dem Coronavirus. Die Lage in Indiens Kliniken ist katastrophal.

Von Bernd Musch-Borowska, ARD-Studio Neu-Delhi

Die Zustände im Sion-Krankenhaus in Mumbai haben die Grenzen des indischen Gesundheitssystems in der Corona-Krise deutlich gemacht. Auf Filmmaterial, das von der BBC veröffentlicht wurde, waren völlig überfüllte Zimmer zu sehen, in denen sich zwei Erkrankte eine Pritsche teilen mussten und in einzelnen Fällen sogar Covid-19-Patienten an ein Beatmungsgerät angeschlossen waren. Auf dem Fußboden zwischen den vielen Betten saßen und lagen die Angehörigen, ohne Sicherheitsabstand und ohne Mundschutz.

Das staatliche Krankenhaus liegt in der Nähe des Dharavi-Slums in Mumbai, einem der größten Elendsviertel in ganz Indien. Der Fernsehsender NDTV berichtete über Leichen, die in den Fluren liegen und Patienten, die trotz schwerer Erkrankung abgewiesen werden müssten.

Ein Arztz untersucht einen an Sars-CoV-19 erkrankten Patienten in einem Krankenhaus in Neu-Delhi | Bildquelle: REUTERS
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Die Bedingungen in Indiens Krankenhäuser sind zum Teil katastrophal. Ärzte und Schwestern beklagen, dass immer mehr Corona-Patienten kommen. Landesweit steigen die Infektionszahlen.

"Es ist gar kein Ende absehbar"

Doch auch in Delhi sind viele Krankenhäuser offenbar am Limit. Am Wochenende wurden allein in der indischen Hauptstadt innerhalb von 24 Stunden mehr als 1000 neue Infektionen registriert. Arun Dewan, der Direktor der Intensiv-Station eines großen privaten Krankenhauses in Delhi, berichtet: "Wir bekommen mehr und mehr Fälle, und die Fälle werden auch immer schlimmer. Es ist gar kein Ende absehbar. Und die größte Herausforderung kommt erst noch, denn unser Ärzte und Krankenpfleger sind im Dauereinsatz und bald haben wir nicht mehr genug Leute."

Es seien nicht nur die Überstunden, klagte Oberschwester Tina, auch die psychische Belastung bringe Ärzte und Pfleger an ihre Grenzen. "Die Gesundheit der Leute verschlechtert sich vor unseren Augen und wir können nichts machen", sagt sie, "wir betrachten sie wie Mitglieder unserer Familie, denn viele von ihnen haben ja sonst niemanden. Das heißt, es sind Familienmitglieder, die hier unter unseren Augen leiden."

Seit die staatlichen Krankenhäuser ihre Kapazitätsgrenzen nahezu erreicht haben, müssen auch die mehr als 100 privaten Kliniken in Delhi mindestens 20 Prozent ihrer Betten für Covid-19-Patienten zur Verfügung stellen. Einen Teil davon auch zu niedrigeren Preisen, für weniger wohlhabende Inder, berichtete die indische Tageszeitung "Hindustan Times".

Die offizielle Zahl der Corona-Fälle in Indien ist inzwischen auf mehr als 190.000 gestiegen. Indien ist damit vom neunten auf den siebten Platz der am stärksten betroffenen Länder aufgestiegen.

Ärzte behandeln einen an Sars-CoV-19 erkrankten Patienten in einem Krankenhaus in Neu-Delhi | Bildquelle: REUTERS
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Indiens Ärzte sind im Dauereinsatz. Hier, in einem Krankenhaus in Neu-Delhi, kämpfen sie um einen Covid-19-Patienten.

Online-Sprechstunden - nicht immer eine Alternative

Hausärzte und Fachärzte sind unterdessen zu Online-Sprechstunden übergegangen. Wegen Corona konnten viele Patienten mit anderen Krankheiten seit Wochen nicht behandelt werden, so die Internistin Sushila Kataria. "Etwa 70 bis 80 Prozent meiner Konsultationen mache ich jetzt über Video-Schalten, denn wegen des Lockdowns konnten viele Patienten nicht kommen. Aber immer ist das nicht möglich. Ich habe Patienten mit Diabetes, Bluthochdruck, Nierenleiden, die brauchen ihre Medikamente oder ihre regelmäßige Dialyse. Die müssen dann einfach kommen"

Auch die Frauenärztin Mukta Kapila hält den direkten Kontakt zu ihren Patientinnen für unverzichtbar: "Ich bin Fachärztin für Geburtshilfe und Gynäkologie. Bei einer Schwangerschaft gibt es oft eine Menge physische, psychische und spirituelle Probleme. Wenn man als Ärztin dann nicht in der Lage ist, den Frauen durch persönlichen Kontakt zur Seite zu stehen, dann fühlt sich das nicht richtig an."

Unlock trotz hoher Infektionszahlen

Trotz der steigenden Corona-Fallzahlen sollen Beschränkungen in Indien weiter gelockert werden. Die nächste Phase, die von der Regierung Unlock genannt wird - zu Deutsch Entsperrung -, soll am nächsten Wochenende in Kraft treten. Sie sieht eine Öffnung der Tempel, Moscheen und Kirchen vor, ebenso der Einkaufszentren, Hotels und Restaurants.

Nur in sogenannten Hochrisiko-Regionen sollen die Beschränkungen in Kraft bleiben. In den einzelnen Bundesstaaten werden jetzt diese besonderen Corona-Hotspots festgelegt, damit die Wirtschaft, so heißt es, möglichst schnell wieder in Gang kommt.

Corona in Indien: Krankenhäuser am Limit
Bernd Musch-Borowska, ARD Neu-Delhi
02.06.2020 08:57 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 02. Juni 2020 um 05:25 Uhr.

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