Delhi während der Ausgangssperre. | Bildquelle: AFP

Corona-Krise in Indien Warten auf den Infektions-Tsunami

Stand: 23.03.2020 07:36 Uhr

Auch in Indien soll eine Ausgangssperre die Ausbreitung des Coronavirus eindämmen. Zwar sind bislang nur wenige Fälle bekannt, Experten warnen jedoch vor einer enormen Dunkelziffer.

Von Bernd Musch-Borowska, ARD-Studio Neu-Delhi

So leer waren die Straßen in Delhi noch nie.

Wo sonst Tausende Motorräder knattern, Autos und Lkw hupend und stinkend im Dauerstau stehen, waren gestern nur Vögel zu hören und die Luft in der indischen Hauptstadt war so sauber, wie schon lange nicht mehr.

Mehrere Hundert Millionen Inder im ganzen Land waren dem Aufruf von Premierminister Narendra Modi gefolgt, eine 17-stündige Ausgangssperre einzuhalten - freiwillig, um die Ausbreitung des Coronavirus zu bremsen. Am Abend wurde der Lockdown in der indischen Hauptstadt bis Ende des Monats verlängert.

Offiziell gibt es in Indien bislang erst rund 400 Corona-Fälle, sieben Menschen sind infolge des Virus gestorben. Doch die wahren Zahlen dürften deutlich höher sein. Doch die wahren Zahlen dürften deutlich höher sein, sagte Professor Arvind Kumar, vom Sri Ganga Ram Krankenhaus, dem Fernsehsender NDTV: "Die Zahlen, die bekannt gegeben werden, sind nur die Spitze des Eisbergs. Die wirklichen Zahlen liegen um ein Vielfaches höher. Das Virus schwelt in der Bevölkerung und die Zahl der Infektionen kann jederzeit explodieren."

Obdachlose in Delhi | Bildquelle: AFP
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Vor allem die Armen in Indien sind gefährdet.

Angst vor Ausbreitung

Am Sonnabend, kurz vor Inkrafttreten der Ausgangssperre, waren Zehntausende mit der Bahn in ihre Heimatdörfer zurückgekehrt. Arbeiter und Hausmädchen, die in den indischen Millionenstädten den Familienunterhalt verdienen und keine Arbeit mehr haben, weil die meisten Geschäfte geschlossen und die Baustellen stillgelegt wurden.

Deepak Singh versuchte noch einen der letzten Züge zu erreichen, bevor am Sonntag der gesamte Passagierzugverkehr in Indien bis Ende des Monats eingestellt wurde. "Die Märkte sind geschlossen, die Fabriken ebenso. Und wir haben auch Angst vor dem Coronavirus, also fahren wir lieber nach Hause", sagt er.

Die Behörden befürchten, dass durch diese Rückreisewelle das Virus aus den dicht besiedelten Großstädten in die Provinz getragen wurde. Doch bei der Vielzahl von Menschen waren alle Appelle, soziale Distanz einzuhalten, wie Schall und Rauch. Shivar Sutar, der Sprecher der indischen Eisenbahngesellschaft, Indian Railways, sagt: "Wir haben die Leute dazu aufgerufen, sich nicht unnötig auf den Bahnsteigen und vor den Fahrkartenschaltern aufzuhalten. Und sie sollten nicht zu früh vor der Abfahrt ihres Zuges zum Bahnhof kommen, damit sich nicht solche Menschenmengen bilden."

Gefahr in Armenvierteln

Vor allem für die Ärmsten der Armen in Indien ist es besonders schwer, durch mehr Hygiene und soziale Distanz, die Ausbreitung des Coronavirus zu bremsen. Die Arbeiter vom Land leben in den Städten meist in einfachen Behausungen, auf engem Raum. In vielen dieser Slumgebiete gibt es nicht mal frisches Wasser, um sich die Hände zu waschen.

Sughanda Devi, die Bewohnerin eines Armenviertels in Delhi, sagt: "Ja, ich weiß, dass sich dieses Virus ausbreitet, aber was sollen wir denn machen? Arme Leute, wie wir können bestenfalls unsere Hütte und unsere Klamotten sauber halten, vielleicht ein Bad nehmen, aber sonst nichts."

Auch ihr Nachbar Dharam Singh Rajput hat Angst vor dem Virus: "Nicht jeder hat Geld für Desinfektionsmittel", sagt er. "Wir armen Leute können nicht immer Fläschchen mit Handgel mit uns herumtragen. Das sollte überall öffentlich zur Verfügung gestellt werden, damit auch wir uns schützen können. Vielleicht können wir dann das Virus stoppen."

"Wir bekommen diesen Tsunami"

Experten rechnen damit, dass eine dramatische Ausbreitung des Virus auf dem indischen Subkontinent unmittelbar bevorsteht. Indien müsse sich auf einen Tsunami von Corona-Fällen einstellen, sagte Ramanan Laxminarayan, der Direktor des Zentrums für Krankheitsentwicklungen der BBC. Und das schon in wenigen Tagen.

"Ich glaube Indien wird der nächste Hotspot für die Corona-Epidemie", so Laxminarayan. "Krankheiten können sich bei uns wegen der Bevölkerungsdichte sehr leicht verbreiten. Man rechnet mit einer Infektionsrate von 20 bis 60 Prozent und wenn man in Indien die niedrigste Rate ansetzt und das durchrechnet, kommt man auf 300 Millionen Fälle und davon möglicherweise 4 bis 8 Millionen schwere Fälle, die Intensivbehandlung benötigen. Wir hinken vielleicht einige Wochen hinterher, aber wir bekommen schon bald diesen Tsunami von Corona-Fällen, wie in Italien und Spanien und vorher in China."

Covid-19 in Indien: Experten erwarten enorm viele Fälle
Bernd Musch-Borowska, ARD Neu-Delhi
23.03.2020 07:25 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 23. März 2020.

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