Thailändische Forscher arbeiten an einem Corona-Impfstoff | Bildquelle: DIEGO AZUBEL/EPA-EFE/Shutterstoc

Corona-Pandemie Sorge vor Impfstoff-Nationalismus

Stand: 10.08.2020 08:17 Uhr

Die Entwicklung möglicher Impfstoffe gegen das Coronavirus läuft rasant. Noch ist unklar, welches Mittel tatsächlich einen Schutz bietet. Doch schon jetzt sichern sich einige Länder große Mengen der Impfstoffe.

Von Oda Lambrecht und Christian Baars, NDR

Alle paar Tage hat die US-Gesundheitsbehörde zuletzt einen neuen Deal verkündet. Sie verspricht Pharma-Unternehmen Milliarden-Beträge für die Lieferung von Impfstoffen, sollten sich diese als wirksam erweisen. Schon im Juli schlossen die USA etwa eine Vereinbarung mit dem deutschen Unternehmen Biontech ab, das zusammen mit dem US-Konzern Pfizer an einem Impfstoff arbeitet. Falls ihr Mittel zugelassen wird, sollen sie zunächst 100 Millionen Dosen an die USA liefern, zum Preis von mehr als 1,6 Milliarden Euro. Die US-Regierung kann demnach später weitere 500 Millionen Dosen kaufen.

Ähnliche Vereinbarungen hat das Land bereits mit weiteren Unternehmen getroffen: mit den US-Firmen Moderna, Novavax und Johnson & Johnson sowie mit dem britischen Konzern AstraZeneca und zuletzt mit dem französischen Pharmariesen Sanofi und seinem Partner GSK aus Großbritannien, die zusammen an einem Impfstoff arbeiten.

Kritik von Ärzte ohne Grenzen

Es sei nicht überraschend, dass Länder wie die USA jetzt solche Vereinbarungen treffen würden, sagt Kate Elder von der Organisation Ärzte ohne Grenzen, "aber es ist enttäuschend." Zu Beginn der Pandemie hätten Staatsoberhäupter noch "so viel guten Willen" gezeigt, wenn sie über zukünftige Impfstoffe gesprochen hätten, dass jeder Zugang zu ihnen haben müsse. "Wir dachten also, das sei ein Zeichen dafür, dass diesmal die Dinge anders laufen könnten", global gedacht würde und nicht die nationalen Interessen im Vordergrund stünden, so Kate Elder.

Doch mittlerweile sieht es anders aus. Japan, Kanada, Australien, Großbritannien, die Schweiz - sie alle haben in den vergangenen Wochen Vereinbarungen mit Pharma-Firmen getroffen. Russland, und China treiben die Impfstoff-Forschung in ihren Staatsunternehmen voran. Und auch die EU und ihre Mitgliedsländer verhandeln direkt mit Firmen, um sich Impfstoffe zu sichern.

Bereits Mitte Juni haben Deutschland, Frankreich, Italien und die Niederlande zusammen mit dem britischen Konzern AstraZeneca eine Lieferung von 400 Millionen Dosen seines Impfstoffs vereinbart. Die vier Länder betonten dabei, sie würden sich als eine inklusive Allianz verstehen - das Mittel also auch anderen EU-Mitgliedern zur Verfügung stellen. Doch wie weit die globale Solidarität reicht, ist unklar.

WHO warnt vor "Impfstoff-Nationalismus"

Der Chef der Weltgesundheitsorganisation, Tedros Adhanom Ghebreyesus, warnt bereits vor einem "Impfstoff-Nationalismus". "Kein Land wird sicher sein, bevor wir alle sicher sind", sagte er auf einer Pressekonferenz Anfang August. Die WHO hat gemeinsam mit der globalen Impfstoff-Allianz GAVI und der internationalen Organisation CEPI eine Initiative gegründet - unter dem Namen COVAX.

Ihr Ziel ist es, einen fairen Zugang zu Corona-Impfstoffen für jedes Land der Welt zu garantieren. Zwei Milliarden Dosen will die Initiative bis Ende 2021 gemeinschaftlich einkaufen und an alle Teilnehmer-Länder gerecht verteilen.

Das Problem ist allerdings: Zwar haben bislang knapp 80 Regierungen von wohlhabenderen Nationen ihre Bereitschaft signalisiert mitzumachen. Aber es ist unklar, wer alles dabei ist. Denn nur etwa die Hälfte der Länder hat zugestimmt, dass ihr Name genannt wird. Auffällig ist, wer bislang nicht öffentlich auf der Unterstützer-Liste steht, nämlich etwa die USA, Russland und China. Auch die größten EU-Länder - Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien und Polen - fehlen.

Die Nachrichtenagentur Reuters hat kürzlich unter Berufung auf nicht genannte EU-Vertreter berichtet, dass die Europäische Union sich nicht an dem gemeinschaftlichen Einkauf über COVAX beteiligen wolle, da der Impfstoff darüber zu teuer sei. Auf Nachfrage dazu teilte ein Sprecher der EU-Kommission dem NDR mit, sie unterstütze die Initiative. Ob damit allerdings auch der gemeinsame Einkauf gemeint sei, blieb in der Antwort unklar.

Thomas Cueni (Screenshot)
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IFPMA-Generaldirektor Cueni sieht die Staaten in der Pflicht. Sie sollten die globale Impfstoff-Initiative unterstützen.

Verantwortung auch bei Pharmaindustrie

Kate Elder von Ärzte ohne Grenzen sieht die Verantwortung nicht allein bei den Staaten, sondern auch bei den Herstellern der Impfstoffe selbst. Sie sollten die Mittel an die Länder verkaufen, die sie am nötigsten hätten und nicht an die, die das meiste Geld zahlen. Die Firmen sollten mit der WHO zusammenarbeiten und transparent sagen, wie viel sie voraussichtlich produzieren können. Die WHO solle dann entscheiden, wohin die Mittel zuerst gehen.

Der Internationale Pharmaverband IFPMA unterstützt nach eigenen Angaben grundsätzlich diese Forderung. In einem Interview mit dem NDR Mitte Mai sagte IFPMA-Generalsekretär Thomas Cueni, ein Impfstoff müsse der ganzen Welt zur Verfügung gestellt werden. Und es sollten nicht die Firmen sein, die bestimmen, wer ihn zuerst bekomme.

"Wir würden uns wünschen, dass man da wirklich rational entscheidet und diejenigen, die am meisten brauchen, auch zuerst kriegen", sagte Cueni. Die WHO solle dabei eine entscheidende Rolle spielen. Realistisch gesehen werde es aber wahrscheinlich eine Mischung geben - von globalen Entscheidungen und denen einzelner Staaten, die sicherstellen wollen, dass ihre eigene Bevölkerung rasch versorgt werde.

Auf Nachfrage zu den mittlerweile abgeschlossenen Abkommen der USA und anderer Länder verweist Cueni allerdings auf die Verantwortung der Regierung. Ihr Verhalten sei verständlich, aber auch herausfordernd, sagt er und ruft sie dazu auf, die COVAX-Initiative zu unterstützen.

Hersteller gehen unterschiedlich vor

Unter den Firmen, die vielversprechende Impfstoff-Kandidaten haben, scheinen die Haltungen dazu jedoch unterschiedlich zu sein. AstraZeneca etwa hat zugesagt, 300 Millionen Dosen der globalen Allianz zum Preis von 750 Millionen Euro zur Verfügung zu stellen - also für 2,50 Euro pro Dosis. Zudem hat es einen Lizenzvertrag mit einem indischen Hersteller abgeschlossen, der Hunderte Millionen Dosen für ärmere Länder produzieren will.

Andere wie Biontech und Pfizer haben zumindest grundsätzliche Bereitschaft erklärt, COVAX zu unterstützen, wollen aber nicht auf Profite verzichten. Das US-Unternehmen Moderna dagegen hat bereits eine ganze Reihe von lukrativen Vereinbarungen mit reichen Ländern geschlossen - zu Preisen von teils mehr als 30 Euro pro Dosis. Auf die Frage des NDR, ob es auch ärmere Ländern ihr Mittel günstiger anbieten wolle, hat Moderna nicht geantwortet. Zu den konkreten Preisen der Unternehmen wollte sich IFPMA-Generaldirektor Cueni nicht äußern.

Wir sehen die ganze Bandbreite, sagt Kate Elder. Einige Unternehmen würden bekräftigen, auf Profite zu verzichten, andere dagegen sagten klar, sie wollten Geld verdienen. Bedauerlich sei, dass die Regierungen nicht stärkere Vorgaben und Bedingungen mit ihren Zahlungen verknüpfen würden. Die Folge sei, "dass wir nächstes Jahr nicht in einer Situation sein werden, in der jedes Land Zugang zu den ersten Impfstoffen hat".

Über dieses Thema hat NDR Info am 6.8.2020 um 12:35 Uhr berichtet.

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Christian Baars, NDR Logo NDR

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