Eine Frau mit Gesichtsmaske unter einem Schirm mit dem Muster er britischen Flagge. | Bildquelle: REUTERS

Lockdown wegen Corona Sind die Briten zu spät dran?

Stand: 01.11.2020 20:03 Uhr

Nach der Ankündigung eines Teil-Lockdowns für England wirft die Opposition Premier Johnson vor, zu spät gehandelt zu haben. Experten halten die Maßnahmen für zu lasch. Die britische Regierung rechtfertigt sich.

Von Christoph Heinzle, ARD-Studio London

Politischer Streit und viele Fragezeichen am Tag nach der Lockdown-Entscheidung. Wochenlang hatte sich Premier Boris Johnson gegen eine landesweite Regelung für England gewehrt. Dann der Umschwung: "Wir müssen jetzt handeln, um den Anstieg im Herbst zu begrenzen", sagte Johnson am Samstag. Wissenschaftler aus dem Beirat der Regierung hatten dem Premier schon vor sechs Wochen zu drastischeren Maßnahmen geraten.

Ihre Prognose lautete, dass die zweite Welle deutlich schlimmer werden würde als die erste. Sie schlugen eine kurze, harte Intervention vor, um den exponentiellen Anstieg der Corona-Infektionszahlen zu bremsen.

Labour wirft der Regierung Inkompetenz vor

Die Labour-Opposition drängte Mitte Oktober dazu, die Herbstferien Ende des Monats dafür zu nutzen. Labour-Chef Keir Starmer wirft der Regierung jetzt Inkompetenz vor. "Die Menschen fragen sich heute, wie es so weit kommen konnte. Die Regierung war in der ersten Welle zu langsam und jetzt wieder. Deshalb wird der Lockdown jetzt länger dauern."

Johnsons Kabinettsminister Michael Gove verteidigte die Linie der Regierung. Die hatte in einem mehrstufigen System zunächst nur für Gegenden mit hohen Infektionszahlen Einschränkungen beschlossen. So hätten es auch andere Länder in Europa gemacht, argumentierte Gove. Doch jetzt sei die Lage anders. "Das Virus”, sagt er, "hat sich bösartiger verbreitet als wir erwartet und befürchtet haben".

Das Gesundheitssystem schützen

Ohne zusätzliche Maßnahmen, so Modellrechnungen, drohen 2000 bis 4000 Tote täglich - während der ersten Welle waren es 1000. Entscheidend für die Regierung waren letztendlich die drohenden Folgen für das staatliche Gesundheitssystem NHS. "Wir müssen diese Schritte ergreifen, weil die Gefahr besteht, dass der NHS überwältigt werden könnte", sagte Gove. Wenn die Regierung jetzt nicht gehandelt hätte, wäre der NHS am 4. Dezember völlig ausgelastet. "Jeder verfügbare Platz und jeder Korridor wäre vergeben. Menschen mit anderen ernsten Erkrankungen oder Notfälle wie ein Herzinfarkt oder Schlaganfall könnten nicht mehr aufgenommen werden", erklärte Gove weiter.

Zu spät und zu kurz?

Ab Donnerstag gilt für vier Wochen: Keine Gäste mehr in Restaurants und Pubs, Geschäfte müssen schließen, soweit sie nicht Lebensnotwendiges verkaufen. Auch die Kontakte außerhalb des eigenen Haushalts sollen bis auf wenige Ausnahmen eingeschränkt werden. Wer kann, soll von zuhause arbeiten. Mit Blick auf Rezession und Wirtschaft habe man bisher ein Gleichgewicht bewahren müssen, argumentiert die Regierung.

Oppositionsführer Starmer sieht es umgekehrt. Ein späterer und längerer Lockdown habe viel größere Folgen für die Wirtschaft. "Menschen machen sich jetzt nicht nur Sorgen um ihre Gesundheit, sondern auch um ihre Jobs. Und wir können ihnen nicht sagen: Entschuldigung, dass wir zu spät sind, aber ihr müsst den Preis bezahlen."

Dabei gibt es jetzt bereits Zweifel, ob vier Wochen reichen werden. Die Regierung will die Einschränkungen nur lockern, wenn die Kennzahl für die Verbreitung des Virus, der R-Wert, unter 1 sinkt. Schwer zu schaffen, meinen Experten, solange die Schulen offenbleiben. Das hat die Regierung heute aber noch einmal betont. Eher wäre man bereit, den Lockdown zu verlängern.

Streit über Lockdown in England
Christoph Heinzle, ARD London
01.11.2020 19:48 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 01. November 2020 um 19:38 Uhr.

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