Ein Mann mit Mund-Nasen-Schutz vor  dem Hintergrund des Eiffelturms in Paris. | Bildquelle: IAN LANGSDON/EPA-EFE/Shutterstoc

Corona in Frankreich Zäher Kampf gegen die zweite Welle

Stand: 16.11.2020 12:35 Uhr

Mit harten Maßnahmen versucht Frankreichs Regierung, die zweite Corona-Infektionswelle zu stoppen. Die Bevölkerung zieht nur zögerlich mit, doch immerhin geben die aktuellen Zahlen Anlass zur Hoffnung.

Von Stefanie Markert, ARD-Studio Paris

Alle 30 Sekunden wird in Frankreich ein Corona-Patient ins Krankenhaus eingeliefert. So lautete die Bilanz zur Halbzeit des zweiten Lockdowns, der seit Ende Oktober und vorerst bis zum 1. Dezember gilt. Für diese Woche wird erwartet, dass die Zahl der Covid-19-Fälle die Zwei-Millionen-Marke überschreitet.

Die Franzosen haben den Novemberblues, so wie die junge Patricia. "Ich gestehe, ich habe inneren Stress und große Angst. Wir erleben alles ein zweites Mal." Fast 40 Prozent der Franzosen leiden derzeit unter Schlafstörungen. Kein Wunder, wenn man die Zahlen hört, die Gesundheitsminister Olivier Véran nennt: "Wir haben jetzt mehr als 7700 Intensivbetten ausgerüstet. Dort liegen knapp 5000 Covid-19-Patienten, aber natürlich noch andere Kranke, die Intensivpflege brauchen." Die "Alle gegen Covid"-App zeigt eine Auslastung von 96,5 Prozent an.

Regierung ist vorsichtig optimistisch

Doch die strengen Ausgangsregeln, geschlossene Geschäfte, Restaurants und Kultureinrichtungen scheinen auch zu wirken. Die Zahl der Todesfälle pro Tag sinkt, die Rate positiver Tests ebenfalls. Véran spricht in der Presse bereits davon, dass Frankreich die Pandemie wieder kontrollieren könne, und dass der für diese Woche erwartete Höhepunkt der extrem starken zweiten Infektionswelle vielleicht schon überschritten worden sei.

Auch Premier Jean Castex ist leicht optimistisch: "Die Infektionsrate hat sich seit einer Woche verlangsamt - um rund 16 Prozent. Das ist gut, aber Vorsicht! Die Maßnahmen jetzt schon zu lockern, wäre unverantwortlich."

Kampf gegen die wirtschaftlichen Folgen

Rund die Hälfte der Franzosen ist im Homeoffice. Die Verkehrsmittel sind weniger ausgelastet - die Pariser Metro meldet 55 Prozent weniger Passagiere. Die Schulen sind offen, sollen aber bis Jahresende jeweils nur die Hälfte der Schüler in Präsenz unterrichten.

Castex erwägt, im Dezember sogenannte nicht-lebensnotwendige Geschäfte wie Schuh- oder Spielzeugläden wieder zu öffnen. Die wirtschaftlichen Folgen sind enorm: "Die letzten Daten der Zentralbank Frankreichs zeigen, dass die Wirtschaftsaktivitäten im November um zwölf Prozent sinken könnten", sagt der Premier. "Das ist ein großer Schock, aber drei Mal weniger als im Frühjahr beim ersten Lockdown."

Rund 100 Bürgermeister haben deshalb dem Präsidenten geschrieben. Sie fordern für ihre prekären Viertel ein Prozent des Wiederaufbauplans - eine Milliarde von 100. "Unsere Initiative vertritt 15 Prozent der französischen Bevölkerung", argumentiert Philippe Rio, Bürgermeister von Grigny, einer Kleinstadt südlich von Paris. "Jede Stadt in Frankreich hat sozial abgehängte Viertel. Genau dort aber verzeichnen wir die Übersterblichkeit bei Covid-19."

Das Misstrauen ist groß

Nur rund ein Drittel der Franzosen vertraut der Politik im Kampf gegen Corona. Castex scheint das zu spüren. "Täuschen wir uns nicht: Der Feind - das ist nicht der Staat, nicht die Regierung. Es ist das Virus. Der einzige Kampf, der mir keine Ruhe lässt, ist der Kampf um unsere Sicherheit."

Mehr als die Hälfte der Franzosen hat schon gegen die Corona-Regeln verstoßen. Gerade wurde bei Paris eine Party mit 300 Personen aufgelöst. Und selbst Innenminister Gérald Darmanin musste im Radio zugeben, mehr als den einen erlaubten Kilometer weit weg von seiner Residenz aus gejoggt zu sein. "Seit Beginn des zweiten Lockdowns wurden 100.000 Ordnungsstrafen verhängt, und allein in den letzten 24 Stunden waren es 12.000. Der Rhythmus erhöht sich."

Präsident Emmanuel Macron hat sich per Twitter eingeschaltet. Es sei ein kollektiver Kampf gegen die Pandemie, und die nächsten Tage seien entscheidend. Die Bürger interessiert mehr, ob sie Zugtickets für Weihnachten buchen können. Offizielle Antwort: Dafür sei es noch zu früh.

Frankreich und die zweite Corona-Welle
Stefanie Markert, ARD Paris
16.11.2020 11:56 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 16. November 2020 um 09:15 Uhr.

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