Desinfektion eines Straßenzugs in Amman, Jordanien | Bildquelle: ANDRE PAIN/EPA-EFE/Shutterstock

Corona auf dem Vormarsch Drastische Maßnahmen rund um den Globus

Stand: 22.03.2020 20:45 Uhr

Weltweit kämpfen die Regierungen gegen die Ausbreitung des Coronavirus. Spanien verlängert seine Ausgangssperre, Griechenland verhängt ein Ausgangsverbot. Großbritannien fürchtet "italienische Verhältnisse".

In immer mehr Staaten setzt sich die Erkenntnis durch, dass es sich bei der Corona-Pandemie um eine Krise außerordentlichen Ausmaßes handelt, die mit drastischen Maßnahmen bekämpft werden muss. Auch Staaten wie Großbritannien und die USA, in denen die Regierungen zunächst verhalten auf die Ausbreitung des Virus reagierten, werden nun verstärkt aktiv.

In Europa folgt Spanien dem Beispiel Italiens. Ministerpräsident Pedro Sánchez kündigte die Verlängerung der landesweiten Ausgangssperre um drei Wochen bis zum 11. April an. Bereits seit dem 14. März dürfen die rund 46 Millionen Einwohner Spaniens ihre Häuser und Wohnungen nur verlassen, um zur Arbeit zu gelangen, einen Arzt aufzusuchen oder einzukaufen. Lediglich Hunde dürfen ausgeführt werden. Wer sich der Anweisung widersetzt, kann mit Geldbußen oder sogar Haft bestraft werden. Spanien ist nach Italien am zweitstärksten von Corona betroffen.

Sánchez hatte die Bevölkerung erst am Samstagabend auf "sehr harte Tage" eingestimmt. "Wir müssen uns psychologisch und emotional darauf vorbereiten", sagte der Regierungschef in einer Fernsehansprache. "Das Schlimmste kommt noch." Das Land stehe vor der größten Herausforderung seit dem Spanischen Bürgerkrieg von 1936 bis 1939.

Im IFEMA-Kongresszentrum Betten in Madrid für Covid-19-Patienten aufgestellt | Bildquelle: via REUTERS
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Die Region Madrid kündigte an, das Messegelände Ifema am Stadtrand in ein provisorisches Krankenhaus mit 5500 Betten umzufunktionieren.

Ausgangssperre auch in Griechenland

Auch in Griechenland gilt von Montag früh an eine Ausgangssperre. Die Menschen dürfen auch hier nur noch das Haus verlassen, um Lebensmittel einzukaufen, zum Arzt, zur Apotheke oder zum Sport zu gehen sowie den Hund auszuführen. Auch zur Arbeit, soweit sie nicht von zu Hause aus erledigt werden kann, dürfe das Haus verlassen werden, teilte der griechische Regierungschef Kyriakos Mitsotakis mit. "Wer ausgeht, muss seinen Ausweis oder seinen Pass dabeihaben", sagte Mitsotakis bei einer Rede, die von allen Medien übertragen wurde.

Bei einem Verstoß gegen die Anordnung werde ein Bußgeld von 150 Euro fällig. Im Hinblick auf die dramatische Lage in Italien sagte Mitsotakis: "Es ist meine Pflicht, so etwas nicht zu zuzulassen." Zahlreiche Griechen waren in den vergangenen Tagen in ihre Herkunftsorte auf den Inseln und den Provinzen gefahren. Zudem flanierten viele Menschen trotz der Aufrufe, zu Hause zu bleiben, entlang der Hafenpromenade in Thessaloniki und an der Küste vor Athen und an Uferpromenade anderer Städte, wie das Fernsehen zeigte.

In Griechenland wurden bereits alle Kindergärten, Schulen und Universitäten, Einzelhandelsgeschäfte sowie Tavernen, Bars, Diskotheken, Museen und archäologische Stätten geschlossen. Ab Montag sollen auch fast alle Hotels schließen. Zudem können nur Bürger mit ständigem Wohnsitz auf den Inseln eine Fahrkarte für eine Fähre lösen. Für Einwohner des Festlandes sind die Inseln gesperrt.

Italien fährt alles herunter

Angesichts immer neuer Rekordwerte bei den Toten und Infizierten geht Italien einen weiteren, extremen Schritt: Bis zum 3. April sollen in der drittgrößten Volkswirtschaft der Euro-Zone alle Firmen und Fabriken dichtbleiben, die nicht essenziell wichtig für das tägliche Leben sind. Allein gestern waren in Italien fast 800 Menschen der Lungenkrankheit Covid-19 erlegen.

Die Italiener rätseln, warum in ihrem Land so viele Menschen sterben. Nicht einmal China, das Ursprungsland des Coronavirus, hatte so hohe Zuwachsraten pro Tag zu verzeichnen. Für die hohe Sterberate in Italien könnte es mehrere Gründe geben. Experten gehen davon aus, dass die Dunkelziffer bei den Infizierten viel höher ist als angegeben, viele mild oder symptomlos verlaufende Fälle werden nicht erfasst. Viele Menschen werden nicht getestet.

Italien hat eine der ältesten Bevölkerungen weltweit. Die meisten Toten waren ältere Menschen. Viele Großeltern wohnen mit ihren Kindern und Enkeln im Haus oder sind in das tägliche Leben eingebunden. So sind Ansteckungen einfacher. Zudem ist laut Behörden bei vielen Verstorbenen die Todesursache nicht abschließend geklärt: Also ob die Menschen nur an Covid-19 starben oder ob der Grund eine andere Krankheit war. Die allermeisten Opfer sind über 70 Jahre alt, viele litten an einer oder mehreren Krankheiten, zum Beispiel an Diabetes, Krebs oder Atemwegsproblemen.

Großbritannien fürchtet "italienische Verhältnisse"

Nachdem Großbritanniens Regierung unter Premierminister Boris Johnson die Corona-Pandemie zunächst auf die leichte Schulter zu nehmen schien, spitzt sich die Lage in Großbritannien nun zu. Erste Kliniken weisen Patienten ab, Krankenschwestern schützen sich mit Müllbeuteln, weil es an Schutzkleidung und Atemschutzmasken mangelt. "Wir wissen, was auf uns zukommt - und wir wissen, dass das gewaltig sein wird", zitiert der Fernsehsender Sky News einen Mediziner eines Londoner Krankenhauses, der anonym bleiben will.

Bereits jetzt seien zwölf Prozent der Intensivbetten in britischen Hospitälern mit Covid-19-Patienten belegt, und diese Zahl werde drastisch ansteigen, erklärte die Chefin der obersten Gesundheitsbehörde, Jenny Harries. Ärzte haben britischen Medienberichten bereits die offizielle Anweisung bekommen, nach Überlebenschancen der Patienten abzuwägen, wer Hilfe erhält - die gefürchtete Triage, die auch in italienischen Krankenhäusern gezwungenermaßen praktiziert wird.

Auch Premier Johnson warnt inzwischen, dass eine ungebremste Ausbreitung des Virus das staatliche Gesundheitssystem NHS überfordern würde. "Wenn wir nicht zusammenarbeiten, wenn wir nicht die heldenhafte und gemeinsame nationale Leistung vollbringen, die Ausbreitung zu verlangsamen - dann ist es nur zu wahrscheinlich, das unser NHS in ähnlicher Weise überfordert wird", sagte Johnson mehreren Sonntagszeitungen zufolge mit Verweis auf die Lage in Italien.

Bis zu 1,5 Millionen Briten mit Vorerkrankungen sollen sich wegen der Pandemie zu Hause in eine dreimonatige Isolation begeben. Den Statistiken zufolge haben sind etwa 5000 Patienten infiziert, knapp 300 sind gestorben. Besonders betroffen ist London.

Al-Aksa-Moschee wird geschlossen

Auch in Israel und den Palästinensergebieten werden die Maßnahmen im Kampf gegen Corona ausgeweitet. Die Al-Aksa-Moschee in Jerusalem, drittwichtigstes Heiligtum des Islam nach Mekka und Medina, wird von Montag an geschlossen. Ziel sei es, die Verbreitung des Virus unter den Gläubigen zu verhindern, so muslimische Offizielle.

Die palästinensische Autonomiebehörde verhängte am Abend eine zweiwöchige Ausgangssperre. Ab sofort müssten sich die Menschen an eine verpflichtende Quarantäne halten und dürften ihre Häuser nicht mehr verlassen, heißt es in einer Behördenverordnung. Die Ausgangssperre gilt demnach nicht für Mitarbeiter im Gesundheitswesen sowie von Bäckereien, Apotheken und Lebensmittelgeschäften. "Bewohner von Dörfern und Flüchtlingslagern ist es nicht erlaubt, in die Stadtzentren zu pendeln", heißt in der Verordnung weiter. In Ramallah bildeten sich laut Augenzeugen nach der Verkündung der Ausgangssperre lange Schlangen vor Supermärkten.

Erster US-Senator positiv getestet

In den USA meldet der republikanische Senator des Bundesstaates Kentucky, Rand Paul, dass er positiv auf das Coronavirus getestet worden sei. Er habe keine Symptome; der Test sei eine reine Vorsichtsmaßnahme gewesen, die er aufgrund zahlreicher zurückliegender Reisen getroffen habe. In den USA haben sich in den vergangenen Tagen mehrere US-Senatoren in freiwillige Quarantäne begeben. Mindestens zwei Mitglieder des Repräsentantenhauses waren zuvor ebenfalls positiv getestet worden.

Um die Ausbreitung des Coronavirus zu verlangsamen, ordneten nun auch die US-Bundesstaaten Ohio und Louisiana eine weitgehende Ausgangssperre an. Damit sind nun rund 100 Millionen Amerikaner von Ausgangsbeschränkungen verschiedener Bundesstaaten betroffen. Zuvor hatten bereits die Bundesstaaten Kalifornien, New York, New Jersey, Connecticut und Illinois weitgehende Ausgangsbeschränkungen beschlossen. Eine landesweite Beschränkung lehnt US-Präsident Donald Trumps Regierung bislang ab. Die Zahl der Infektionen in den USA stieg am Sonntag auf rund 30.000.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 22. März 2020 um 13:15 Uhr.

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