Shen Zilong aus Wuhan  | ARD-Studio Shanghai

Corona-Pandemie in Wuhan "Als alles losging, hatte ich große Angst"

Stand: 22.12.2020 01:10 Uhr

Schon früh ahnten viele Bewohner von Wuhan, dass etwas nicht stimmt, aber die Behörden hüllten sich ine Schweigen. Der 26-Jährige Shen Zilong erfuhr durch einen befreundeten Arzt von dem Virus - und dann änderte sich alles.

Von Steffen Wurzel, ARD-Studio Shanghai

Der 26-jährige Shen Zilong aus Wuhan hat den Virus-Lockdown in seiner Stadt Anfang 2020 nicht nur gut und gesund überstanden, er fühlt sich heute sogar noch stärker als vorher.

Als das alles losging, hatte ich große Angst. Als ich mich dann aber entschieden hatte, das durchzuziehen, bekam ich wieder mehr Durchblick. Nach zwei oder drei Tagen war die Angst weg, ich fühlte mich plötzlich stark. Diese Todesangst war plötzlich verschwunden.
Steffen Wurzel ARD-Studio Shanghai

Shen Zilong ist Junior-Chef eines noblen Restaurants im touristischen Zentrum von Wuhan. Stolz führt er durch das zweistöckige Gebäude. Im Obergeschoss befinden sich einige edel eingerichtete Separees mit großen runden Tischen und kitischigen Kronleuchtern an der Decke. Wenn man die schweren Vorhänge beiseite zieht, bietet sich ein Blick auf das angesagte Ausgeh-Viertel Wuhan Tiandi.

Niemand erfuhr irgendwas aus den Nachrichten

Er nimmt an einem der Tische Platz und erzählt, wie er Mitte Januar zum ersten Mal von dem noch namenlosen, mysteriösen neuen Virus hörte. "Einer meiner Freunde ist Arzt. Er arbeitet in der Lungenfachabteilung eines Krankenhauses hier in Wuhan. Eigentlich waren wir zum Essen verabredet. Zu dieser Zeit erfuhr niemand irgendwas aus den Nachrichten über das Virus." Aber sie hätten geahnt, dass irgendwas los gewesen sei. Sein Freund habe sich damals nicht getraut, ihnen etwas Konkretes zu erzählen, er sei aber an diesem Abend nicht zu dem Essen erschienen. "Stattdessen schickte er uns eine Nachricht: 'Kauft Euch Masken!' Wir fragten uns natürlich: Was ist da los?"

Das Ausmaß wurde kleingeredet

In den Wochen vor der Abschottung Wuhans am 23. Januar hatten die staatlichen Stellen wochenlang versucht, die Gefährlichkeit des Coronavirus herunterzuspielen. Das Ausmaß der bereits seit Dezember grassierenden Krankheit wurde bis kurz vor dem Lockdown kleingeredet. Hinweisgeber wie der Wuhaner Medziner Li Wenliang, die bereits Ende Dezember vor den Gefahren warnten, wurden von den Sicherheitsbehörden bedroht und zum Schweigen gebracht.

Straßenszene im Dezember in Wuhan

Die chinesische Millionenstadt Wuhan stand von Ende Januar bis Anfang April unter Quarantäne. Inzwischen ist wieder Normalität eingekehrt.

Shen Zilong sorgte sich damals vor allem um die Gesundheit seiner Familie - und um die vollen Kühlschränke und Lagerräume. Zentnerweise hochwertige Lebensmittel im Wert von mehr als zehntausend Euro drohten zu verderben, erzählt er.

Außergewöhnliches zivilgesellschaftliches Engagement

 "Wir haben uns zusammengesetzt und unsere Angestellten gebeten: Bleibt freiwillig hier. Lasst uns weiterarbeiten und kochen und die Gerichte ausliefern an die Krankenhäuser in Wuhan." Sie hätten über die Social-Media-Kanäle Kontakte geknüpft und die Nofall-Krankenhäuser kontaktiert. "Zu der Zeit gab es für das medizinische Personal dort oft nicht genug zu Essen. Die hatten dort nicht mal mehr Fertignudelsuppen oder Brot."

In Wuhan war es zunächst der aufopferungsvolle Einsatz unzähliger Bürgerinnen und Bürger wie Shen Zilong, der die Stadt am Laufen hielt - ein für chinesische Verhältnisse außergewöhnliches zivilgesellschaftliches Engagement. Geld vom Staat habe er in all den Wochen nicht bekommen, erzählt der Gastronom. Aber während des Lockdowns sei die Miete gestundet worden. Den Lohn der Angestellten habe man um die Hälfte kürzen müssen, aber sie hätten das so akzeptiert. Die Fixkosten seien also niedrig gewesen. "So haben wir die Monate des Stillstands überlebt."

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 22. Dezember 2020 um 09:25 Uhr.